GastbeitragNachhaltigkeit: Der Finanzmarkt macht Druck

Symbolbild nachhaltige Geldanlage
Symbolbild nachhaltige GeldanlagePixabay

Nachhaltigkeit ist in aller Munde. Sie hat sich zu einer Art Lebensgefühl unserer Zeit entwickelt. Dieses neue Bewusstsein hat auch den Finanzsektor erfasst. Anleger beziehen heute neben den klassischen Anlagekriterien – Rendite, Sicherheit und Liquidität – oft auch ökologische und ethische Aspekte des Investments in ihre Entscheidungen ein. Prinzipiell ist dies kein Novum, aber der Bedeutungszuwachs ist beeindruckend: Das Volumen nachhaltig ausgerichteter Investmentfonds und Mandate hat sich in den vergangenen zehn Jahren mehr als verzehnfacht.

Ökologische und ethische Aspekte werden also auch in der Finanzwelt immer wichtiger, die Nachfrage nach sogenannten ESG-Produkten (E=Environmental, S=Social, G=Governance) steigt. Unternehmen sind dadurch angehalten, die ökologischen und gesellschaftlichen Folgen ihres profitorientierten Handelns zu berücksichtigen. Finanzmärkte haben offensichtlich auch in diesem Bereich eine disziplinierende Wirkung.

Möglichkeiten für Anleger

Was ist ökologisch und ethisch bei der Geldanlage vertretbar? Auch bei Menschen, denen nachhaltiges Wirtschaften wichtig ist, gehen die Vorstellungen darüber auseinander. Deshalb ist eine individuelle Anlagestrategie, die zu den eigenen Wertvorstellungen passt, optimal. Der einzelne Anleger kann dann gezielt in Themen investieren, die ihm besonders am Herzen liegen. Alternativ kann er  Ausschlusskriterien definieren: Wenn Unternehmen, Branchen oder Länder die ökologischen oder ethischen Ansprüche des Anlegers nicht erfüllen, schließt er sie aus seinem Anlageuniversum aus. Andersherum kann der Anleger versuchen Unternehmen zu identifizieren, die bestimmte soziale und ökologische Positivkriterien erfüllen.

Eine weitere Möglichkeit besteht im Impact Investing. Dabei soll neben der finanziellen Rendite ein exakt spezifizierter und messbarer Beitrag zur Lösung von sozialen, gesellschaftlichen oder ökologischen Problemen geleistet werden. Ende 2018 war dieser Markt rund 500 Mrd. US-Dollar schwer. Und schließlich gibt es den sogenannten Best-in-Class-Ansatz: Dabei wählt der Anleger gezielt diejenigen Unternehmen aus, die in ihrer jeweiligen Branche unter Nachhaltigkeitsaspekten am besten abschneiden.

Initiativen für mehr Nachhaltigkeit im Finanzsystem

Auch der Regulierungsrahmen hat sich verändert. Inzwischen gibt es verschiedene Regelwerke, mit deren Hilfe die Volkswirtschaften auf lange Sicht grüner und nachhaltiger werden. Auf EU-Ebene ist das Klassifikationssystem für Nachhaltigkeit („EU-Taxonomie“) zu nennen. Die Taxonomie benennt sechs Umweltziele wie die Bewahrung gesunder Ökosysteme und die Abmilderung der Folgen des Klimawandels. Mit diesem System soll präzisiert und dem Anleger Orientierung gegeben werden, was als nachhaltiges Investment gelten kann.

Zudem hat die EU im Juni einen Standard für grüne Anleihen erarbeitet. Europa ist gemessen am Emissionsvolumen im laufenden Jahr der größte Markt für grüne Anleihen. Deutschland steht mit einem Volumen von 15 Mrd. US-Dollar in den ersten drei Quartalen 2019 weltweit auf Platz vier.

Auf supranationaler Ebene sind Anfang 2016 die 17 Ziele für nachhaltige Entwicklung (Sustainable Development Goals, SDGs) der Vereinten Nationen in Kraft getreten. Mit ihrer Hilfe soll in einem Zeitraum von 15 Jahren der ökologische und soziale Fußabdruck weltweit verbessert werden. Für Unternehmen sind diese Nachhaltigkeitsziele immer öfter eine wichtige Orientierungsgröße. Unternehmen gehen vermehrt dazu über, sich in ihren Nachhaltigkeits- und Geschäftsberichten auf die SDGs zu beziehen, die auch zunehmend als Referenzpunkte für nachhaltige Investmentstrategien und –konzepte dienen. So wurden in den vergangenen zwei Jahren zahlreiche SDG-Fonds auf den Markt gebracht. Diese Fonds investieren nur in Unternehmen, die einen positiven Beitrag zu mindestens einem der 17 Ziele leisten. Insgesamt macht der Finanzmarkt – mit Hilfe von Pensionskassen und anderen institutionellen Investoren – Druck, dass die Unternehmen ESG-Aspekte in ihre Geschäftspolitik integrieren.

Bewusstseinswandel hat den Kapitalmarkt längst erreicht

Das alles geht Hand in Hand mit der gesellschaftlichen Entwicklung. Dass es neben dem eigenen materiellen Wohlstand noch andere erstrebenswerte Ziele gibt, setzt sich als Erkenntnis in größeren Teilen der Gesellschaft durch. Umweltschutz, sozialer Ausgleich, Vereinbarkeit von Beruf und Familie sind nur einige Stichworte, die heute den gesellschaftlichen Diskurs bestimmen. Es ist also nur konsequent, dass der Bewusstseinswandel den Kapitalmarkt erreicht hat, über den diese veränderten Werte in die Unternehmen getragen werden. Der kalte Shareholder-Kapitalismus ist zwar hier und da immer noch zu finden, in weiten Teilen ist er aber Vergangenheit.

Die Entwicklungen am Finanzmarkt zeigen, dass manche Aufgeregtheit in der aktuellen Umwelt- und Klimadebatte nicht sachgerecht ist. Politik und Wirtschaft sind schon viel weiter, als es manche Aktivisten in ihrer versteckt oder auch offen vorgetragenen Systemkritik zugeben mögen. Die ökologischen und sozialen Probleme dieser Welt werden sich nicht dadurch lösen lassen, dass wir die profitorientierte Marktwirtschaft abschaffen. Vielmehr sorgt der Markt mit seinen Anreizstrukturen dafür, dass die ökologischen und sozialen Wünsche der Menschen letztlich auch erfüllt werden. Gleichwohl: Dafür braucht es manchmal einen langen Atem.

 


Rupini Deepa Rajagopalan ist Leiterin des ESG-Offices der Berenberg Bank. Jörn Quitzau ist Volkswirt bei der Berenberg Bank