GastbeitragNachhaltigkeit: Der Finanzmarkt macht Druck

Seite: 2 von 2

Initiativen für mehr Nachhaltigkeit im Finanzsystem

Auch der Regulierungsrahmen hat sich verändert. Inzwischen gibt es verschiedene Regelwerke, mit deren Hilfe die Volkswirtschaften auf lange Sicht grüner und nachhaltiger werden. Auf EU-Ebene ist das Klassifikationssystem für Nachhaltigkeit („EU-Taxonomie“) zu nennen. Die Taxonomie benennt sechs Umweltziele wie die Bewahrung gesunder Ökosysteme und die Abmilderung der Folgen des Klimawandels. Mit diesem System soll präzisiert und dem Anleger Orientierung gegeben werden, was als nachhaltiges Investment gelten kann.

Zudem hat die EU im Juni einen Standard für grüne Anleihen erarbeitet. Europa ist gemessen am Emissionsvolumen im laufenden Jahr der größte Markt für grüne Anleihen. Deutschland steht mit einem Volumen von 15 Mrd. US-Dollar in den ersten drei Quartalen 2019 weltweit auf Platz vier.

Auf supranationaler Ebene sind Anfang 2016 die 17 Ziele für nachhaltige Entwicklung (Sustainable Development Goals, SDGs) der Vereinten Nationen in Kraft getreten. Mit ihrer Hilfe soll in einem Zeitraum von 15 Jahren der ökologische und soziale Fußabdruck weltweit verbessert werden. Für Unternehmen sind diese Nachhaltigkeitsziele immer öfter eine wichtige Orientierungsgröße. Unternehmen gehen vermehrt dazu über, sich in ihren Nachhaltigkeits- und Geschäftsberichten auf die SDGs zu beziehen, die auch zunehmend als Referenzpunkte für nachhaltige Investmentstrategien und –konzepte dienen. So wurden in den vergangenen zwei Jahren zahlreiche SDG-Fonds auf den Markt gebracht. Diese Fonds investieren nur in Unternehmen, die einen positiven Beitrag zu mindestens einem der 17 Ziele leisten. Insgesamt macht der Finanzmarkt – mit Hilfe von Pensionskassen und anderen institutionellen Investoren – Druck, dass die Unternehmen ESG-Aspekte in ihre Geschäftspolitik integrieren.

Bewusstseinswandel hat den Kapitalmarkt längst erreicht

Das alles geht Hand in Hand mit der gesellschaftlichen Entwicklung. Dass es neben dem eigenen materiellen Wohlstand noch andere erstrebenswerte Ziele gibt, setzt sich als Erkenntnis in größeren Teilen der Gesellschaft durch. Umweltschutz, sozialer Ausgleich, Vereinbarkeit von Beruf und Familie sind nur einige Stichworte, die heute den gesellschaftlichen Diskurs bestimmen. Es ist also nur konsequent, dass der Bewusstseinswandel den Kapitalmarkt erreicht hat, über den diese veränderten Werte in die Unternehmen getragen werden. Der kalte Shareholder-Kapitalismus ist zwar hier und da immer noch zu finden, in weiten Teilen ist er aber Vergangenheit.

Die Entwicklungen am Finanzmarkt zeigen, dass manche Aufgeregtheit in der aktuellen Umwelt- und Klimadebatte nicht sachgerecht ist. Politik und Wirtschaft sind schon viel weiter, als es manche Aktivisten in ihrer versteckt oder auch offen vorgetragenen Systemkritik zugeben mögen. Die ökologischen und sozialen Probleme dieser Welt werden sich nicht dadurch lösen lassen, dass wir die profitorientierte Marktwirtschaft abschaffen. Vielmehr sorgt der Markt mit seinen Anreizstrukturen dafür, dass die ökologischen und sozialen Wünsche der Menschen letztlich auch erfüllt werden. Gleichwohl: Dafür braucht es manchmal einen langen Atem.

 


Rupini Deepa Rajagopalan ist Leiterin des ESG-Offices der Berenberg Bank. Jörn Quitzau ist Volkswirt bei der Berenberg Bank