AltersvorsorgeMit 30 in Rente – der Traum der Frugalisten

Zwar nicht mit 30, aber immerhin mit 47 Jahren: Lars Hattwig ist Frugalist und muss nicht mehr arbeiten
Zwar nicht mit 30, aber immerhin mit 47 Jahren: Lars Hattwig ist Frugalist und muss nicht mehr arbeitendpa

Endlich kündigen und nur noch das machen, worauf man Lust hat. Diesen Traum leben in der Regel nur Kinder gut betuchter Eltern. Im Normalfall arbeiten die Deutschen etwa 45 Jahre und leben später von der angesparten Rente – die fällt in der Regel deutlich geringer aus als das vorige Einkommen. Den Frugalisten geht das gegen den Strich, und der Ruhestand kommt nicht schnell genug. Sie wollen bereits mit 30 oder 40 Jahren aufhören zu arbeiten und in Rente gehen. Um das zu erreichen leben sie sehr bescheiden – auf Englisch heißt das frugal. Sie üben vor allem Verzicht.

Frugalisten gehören der sogenannten FIRE-Bewegung an. Die Abkürzung FIRE steht für Financial Independence, Retire early, also finanzielle Unabhängigkeit, um früh in Rente zu gehen. Als Ursprung dieses Lebensstils gelten der US-Bestseller „Your Money or Your Life“ von 1992 und das Buch „Early Retirement Extreme“ des dänischen Autors Jakob Lund Fisker aus dem Jahr 2010. Bekannt geworden ist die Szene aber durch jemand anderes: Mr. Money Mustache. So nennt sich der Kanadier Pete Adeney. Er erzählt auf seinem Blog von seinem Weg zur finanziellen Unabhängigkeit. Adeney und seine Frau waren beide in der Technologie-Branche tätig und sind im Jahr 2005 in Rente gegangen, um eine Familie zu gründen. Adeney war damals 30 Jahre alt. Zu seinem Leben als Frührentner schreibt er: „Das haben wir nicht mit Glück oder tollen Fähigkeiten erreicht, wir haben stattdessen rund 50 Prozent weniger als unsere Bekannten ausgegeben und das Geld in langweilige Indexfonds und Mietshäuser investiert.“

In einschlägigen Blogs und Foren geben Frugalisten sich gegenseitig Tipps, wie sie es schaffen können, noch weniger Geld auszugeben und noch mehr zu sparen. Viele leben in kleinen Wohnungen und geben im Monat nicht mehr als 200 Euro für Lebensmittel aus. „Um nicht mehr auf meinen Job angewiesen zu sein, muss ich so viel Geld sparen, dass ich davon Monat für Monat meine Ausgaben bestreiten kann, ohne dass mein Erspartes jemals aufgebraucht wird“, schreibt Oliver Noelting auf seinem deutschen Frugalisten-Blog. Um dieses Ziel zu erreichen, müsse man laut Noelting das 25-Fache seiner jährlichen Ausgaben ansparen. Das Vermögen legen die Frugalisten dann gewinnbringend an. Noelting setzt dabei auf Aktien.

Viele Frugalisten fangen wieder an zu arbeiten

Damit das Geld bis ans Lebensende reicht, leben Frugalisten aber auch im Alter nicht in Saus und Braus. Ihr Ziel ist es, pro Jahr nicht mehr als vier Prozent ihres Vermögens auszugeben. Denn die FIRE-Anhänger gehen davon aus, dass ihr in Aktien und Co. investiertes Vermögen mit Dividenden, Zinsen und Marktveränderungen pro Jahr um etwa vier Prozent wächst. Einem Frugalisten geht damit in der Theorie nie das Geld aus.

Sobald sich ein Anhänger der FIRE-Bewegung sicher ist, dass er ausgesorgt hat, knallt er seinem Chef die Kündigung auf den Tisch und sagt sich damit von seiner finanziellen Abhängigkeit los. In Foren erzählen Mitglieder davon, wie sehr sie sich schon auf diesen Tag freuen. Der Ruhestand ist trotzdem bei den Meisten nicht von Dauer. Viele Frugalisten fangen im Laufe der Zeit wieder an zu arbeiten, schreiben sie in Foren. Geldsorgen seien allerdings nie der Grund dafür. Manche erzählen, ihnen sei langweilig geworden. Also nehmen sie zumindest einen Teilzeit-Job an. Andere haben sich selbstständig gemacht und entscheiden selbst, wann sie arbeiten wollen und wie viel sie damit verdienen. Auch das Vorbild vieler FIRE-Anhänger, Pete Adeney gibt auf seinem Blog Tipps weiterhin zum Frugalisten-Dasein und betreibt gemeinsam mit Freunden einen Co-Working-Space. Laut eigener Aussage macht er das aus reinem Vergnügen. Sein Vermögen würde auch so bis ans Ende seiner Tage reichen.