Lunch mit ...Bill Gross: „Wir nahmen jeden Penny, den wir kriegen konnten“

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„Ich hatte es nicht mehr drauf“

Die Sache eskalierte 2014, als Pimco-Chef Mohamed El-Erian das Unternehmen überraschend verließ. Er hatte bis dahin die schlimmsten Zusammenstöße zwischen Gross und den anderen abgefedert. In den Zeitungen erschienen Geschichten, die den Abgang El-Erians auf das zunehmend schwierige Verhalten des Gründers zurückführten. Gross fahndete fieberhaft nach den Quellen im Unternehmen, auf die sich die Journalisten beriefen. Als sich abzeichnete, dass wichtige Fondsmanager Pimco verlassen könnten, entschied sich das Executive Committee, stattdessen Gross rauszuschmeißen.

Der Gründer bot an, einer weniger einflussreiche Rolle zu übernehmen. „Ich habe gebettelt wie ein Straßenköter, der nach ein paar Bissen auf dem Boden herumschnüffelt. Ich wollte einfach nur bei Pimco bleiben, es war doch meine Familie“, sagt Gross mit einer Mischung aus Wut und Trauer. „Aber sie haben mich angesehen und Nein gesagt. Also habe ich bei Janus angerufen.“

Auch die Zeit beim Fondsmanager Janus Henderson allerdings brachte für Gross keine Erlösung. Begierig zu zeigen, dass er das Geschäft immer noch beherrschte, ging Gross mit dem Fonds übermäßige Risiken ein – und ignorierte damit alles, was er bis dato gelernt hatte, wie er heute zugibt. Am Anfang lief es noch vergleichsweise gut, im vergangenen Jahr aber fuhr der Fonds einen Verlust von 3,9 Prozent ein. Schlechter als die Benchmark und schlechter als die meisten anderen Rentenfonds. „Ich hatte es nicht mehr drauf“, sagt er. „Ich wollte beweisen, dass ich noch Erfolg haben kann und dass ich schnell Erfolg haben kann.“

Es war hart, die Schmach zu verwinden. Als Gross in den Ruhestand ging, schaltete Pimco eine Anzeige, in der ihm für seine „legendäre Karriere und den andauernden Erfolg des Unternehmens, das er vor fast 50 Jahren mitgründete“, gratuliert wurde. Gross freute sich zuerst, was sich aber rasch legte, da er in dem Text vor allem eine Pimco-Anzeige sah. Die Einladung zu einem Jahrestreffen schlug er unlängst aus. „Sie haben mich gefeuert, darüber werde ich niemals hinweg kommen“, sagt er.

„Die Wunden sind noch nicht verheilt, aber ich fühle mich ganz wohl so“

Bill Gross

Auch im Privatleben fand Gross lange keine Ruhe. 2017 trennte er sich von seiner zweiten Frau Sue Gross, mit der er über 30 Jahre verheiratet gewesen war. Die Scheidung hatte tragikomische Züge und wurde zu einem Fest für die Boulevardpresse. Zu einem Zeitpunkt kam der Vorwurf auf, Gross habe das Haus, das an seine Ex-Frau ging, mit „Furz-Spray“ bestäubt.

Darauf angesprochen, räumt Gross ein, dass die Geschichte stimmt. Allerdings habe er sich damit nur für das revanchieren wollen, was seine Ex-Frau in einem Haus angestellt habe, das ihm zufiel. „Ich ging in eine Drogerie und fand irgendein stinkendes Zeug“, sagt er. „Keine Ahnung, warum ich das gemacht habe. Es wurde alles ziemlich unangenehm. Und das ist es immer noch.“ Nicht einmal zur Hochzeit seines Sohns in Italien wurde Gross eingeladen, er erfuhr nur durch seinen Zahnarzt davon, dass sie überhaupt stattfand. Während Gross still von diesem Zerwürfnis berichtet, klingen vom Tisch nebenan die Weingläser und Gespräche einiger reicher „Golf-Witwen“ von Newport Beach herüber.

Ich versuche, das Gespräch auf ein Gebiet zu ziehen, in dem ich mich wohler fühle: die Märkte. Die Stimmung allerdings hebt das nicht wirklich. Gross glaubt, dass die US-Wirtschaft nur noch von dem künstlichen Schub durch die Steuerkürzungen vom letzten Jahr zehrt. Die geringen Erträge auf Anleihen wiederum würden allmählich zu einer ernsten Bedrohung für die globalen Systeme zur Altersvorsorge. Die größte Angst aber macht ihm Präsident Donald Trump, der sich 2020 zur Wiederwahl stellen muss. „Ich halte ihn für gefährlich“, sagt Gross. „Er wird uns in irgendetwas reinziehen, nur um seiner selbst willen.“

Unser Essen nähert sich dem Ende. Die Hälfte des Thunfisch-Sandwichs ist liegen geblieben, während ich meine Tacos schon längst aufgegessen habe. Gross sagt, es gehe ihm inzwischen eigentlich ziemlich gut. „Ich bin ein glücklicher Mann. Ich bin ein glücklicher Mann“, wiederholt er sich. „Die Wunden sind noch nicht verheilt, aber ich fühle mich ganz wohl so.“

Ganz glaubwürdig wirkt das nicht. All jene Dinge, die den Aufstieg und Fall des Bill Gross begleitet haben, scheinen immer noch sehr präsent. Aber es ist ein sonniger, frischer Tag im kalifornischen Orange County. Gross wird gleich zusammen mit seiner Freundin an seinem Golf-Schwung arbeiten. Bald steht ein ausgedehnter Urlaub auf der Pazifik-Insel Bora Bora an. Und danach kehrt Gross in ein Leben zurück, in dem er ab und zu ein bisschen investiert, ein bisschen für wohltätige Projekte spendet und immer wieder Golf spielt. Wenn so ein tristes Finale aussieht – dann könnten die meisten Menschen wohl damit leben.

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