Lunch mit ...Bill Gross: „Wir nahmen jeden Penny, den wir kriegen konnten“

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16 Stunden Blackjack am Tag

Er könnte jetzt einfach so weiter erzählen. Doch ich habe nicht gefrühstückt und schlage deshalb vor, etwas zu bestellen. Zum Glück ist nicht viel los, und der Kellner kommt schnell. Gross bestellt zerstreut das Übliche, Thunfisch-Sandwich ohne Pommes Frites. Als der Kellner vorschlägt, als Beilage stattdessen Obst zu nehmen, sagt Gross: „Obst mag ich auch nicht.“ Ich bestelle Gazpacho und Tacos. Zu Trinken gibt es für uns beide Cola Light, nachdem ich mit meinem Vorschlag für etwas Handfesteres gescheitert bin. „Es ist ein bisschen bekloppt, wenn man so straffen Strukturen folgt, aber ich trinke nur ein Bier am Tag“, sagt Gross. „Und schon davon kann ich ziemlich beduselt werden.“

Nach seiner Zeit in Vietnam ging Gross zurück an die Uni, er wollte in Kalifornien seinen MBA machen. Der Grund für diesen Plan war ein enschneidendes Erlebnis gewesen. Als Psychologiestudent an der Duke University hatte Gross einen fürchterlichen Verkehrsunfall überlebt. Während er zur Genesung im Krankenhaus lag, verschlang er das Buch „Beat the Dealer“ von Edward Thorp, einem Glücksspieler, der sich zum Investor gemausert hatte. Thorp erläuterte darin die Geheimnisse des Blackjack-Spiels, die er sich in Tausenden von Partien angeeignet hatte.

Kaum hatte Gross seinen Uni-Abschluss, nahm er einen Zug nach Las Vegas und machte innerhalb von fünf Monaten aus 200 Dollar 10.000 Dollar. Später allerdings wurde ihm klar, dass das nur einen Stundenlohn von 5 Dollar bedeutete. „Das war harte Arbeit“, sagt er. „Ich konnte nie ins Kino gehen, ich hatte keine Freunde, ich hatte kein Auto, und es gab auch keine Nutten oder sonst irgendeinen Scheiß. Es war einfach 16 Stunden Blackjack am Tag.“

Schokodrops statt Dorgen

Bill Gross im Jahr 2000: Damals war er der "Bond-König"
Bill Gross im Jahr 2000: Damals war er der „Bond-König“ – Foto: Getty Images

Es war kein Lebensstil, bei dem Gross auf ewig bleiben wollte – doch die Erfahrung führte zu einer Idee: Könnten sich die Fähigkeiten, die er im Spiel erworben hatte, nicht auch im Finanzhandel als nützlich erweisen? Auch dort brauchte man schließlich „mathematische Kenntnisse, eine obsessive Mentalität und den Glauben daran, dass System schlagen zu können“. Es traf sich gut, dass Thorps zweites Buch „Beat the Market“ genau diesem Thema gewidmet war. Gross schrieb seine MBA-Abschlussarbeit darüber. Das brachte ihm seinen ersten Job im Finanzwesen ein, bei der Versicherungsgesellschaft Pacific Mutual Life. Es war das Sprungbrett, von dem aus er 1971 Pimco gründete.

Die Branche ertrank zu jener Zeit in Exzessen, an der Wall Street herrschte eine Kultur des Alkohols und der Drogen. Gross aber behauptet, bei Pimco habe es derlei nicht gegeben. Ihren Trip, so sagt er, holten sich seine Leute mit Zucker, vor allem mit den Schokodrops von M&M. „Das reichte, um den Dealern zu sagen, dass sie uns mal am Arsch lecken konnten“, sagt Gross mit nostalgischem Unterton, während er in seinem unscheinbaren Thunfisch-Sandwich herumstochert.

Die große Idee, die Gross hatte: aktiver, aggressiver Handel mit Anleihen. Das Geschäft wurde traditionell dominiert von Versicherern und Pensionsfonds. Sie handelten im Grunde gar nicht mit den Papieren. Stattdessen wurden die Anleihen in Tresoren aufbewahrt, wer sie verkaufen wollten, musste sie tatsächlich per Post dem Käufer zuschicken. Die Vertreter großen Gesellschaften standen in freundschaftlichem Kontakt zur Wall Street, es war, als seien sie Mitglieder des gleichen Clubs.

Pimco machte alles anders. Das Unternehmen kaufte und verkaufte, entdeckte riskante Bereiche wie Junk Bonds und Anleihen in Wachstumsmärkten. Seinen zunehmenden Einfluss nutzte Pimco, um den Banken bessere Konditionen abzuringen. „Alle wussten damals, dass wir knallhart waren“, sagt Gross. „Zwischen Banken und Versicherern herrschte eine freundliche Atmosphäre. Aber wir waren alles, nur nicht freundlich. Wir nahmen jeden Penny, den wir kriegen konnten.“ Es entstand ein Finanz-Imperium, das zu seinen besten Zeiten 2000 Mrd. Dollar verwaltete. Dann kam die Finanzkrise.