AltersvorsorgeLeitfaden: genug Geld für die Rente

Symbolbild Altersvorsorge
Symbolbild AltersvorsorgeGetty Images

Die deutsche Rentenpolitik hat etwas Tragisches. Ende August verabschiedet die Regierung in Berlin nach langem Hin und Her endlich das, was angeblich alle so sehnlich erwarten: ein großes Rentenpaket. Und dann schalten die Nachrichtensendungen am Abend als Erstes nach Sachsen, in die Stadt Chemnitz. Wieder mal Ärger, Unsicherheit, Randale und Skandale. Keine Sicherheit, keine Ruhe.

Das Rentenpaket, das mindestens 30 Mrd. Euro kosten wird, das nach dem Willen der Regierung verunsicherten Menschen Halt geben und einen „deutschen Trump verhindern“ soll (Finanzminister Olaf Scholz, SPD), wird von den Ereignissen in und um Chemnitz überlagert. Die Milliardenwohltat geht unter.

Wie im Zeitraffer fassen die Nachrichten dieses Tages, des 29. August 2018, die ganze Tragik der deutschen Politik zusammen. In ihrer Rat- und Hilflosigkeit greifen die beiden einst großen Volksparteien auf das vermeintlich einzige Mittel zurück, das ihnen gegen Unmut und fallende Umfragewerte Abhilfe verspricht: Geld. Doch die Menschen nehmen das bestenfalls hin, sie haben ihre eigenen Themen – und wer verärgert ist, protestiert ohnehin.

Die Wähler sind verunsichert, aber nicht doof

Zwei Parallelwelten sind entstanden. In der einen baut eine Regierung den Sozialstaat aus, um den Menschen mehr Sicherheit zu geben. Doch die Menschen, die sie so erreichen will, sorgen sich in einer anderen Welt weiter. So ist ein sehr sensibles Thema in diesem Jahr in eine verhängnisvolle Spirale geraten: die Altersvorsorge. Auf große Versprechen, enttäuschte Erwartungen und tiefe Verunsicherung reagieren Politiker von Union und SPD mit neuen, noch größeren Versprechen: stabile Renten bis 2025, besser gleich bis 2040. Mehr Geld für die Erziehung von Kindern, mehr Geld für Arbeitnehmer mit harten Jobs, mehr Geld für alle, die wenig verdient haben.

Mitte August befeuerte Finanzminister Scholz die Debatte noch. Aber Wähler sind, nur weil vielleicht verunsichert, noch lange nicht doof: Sie ahnen, dass irgendwer all die Garantien und doppelten Haltelinien bezahlen muss. Kaum überraschend die Umfragewerte: Je nach Institut zwischen zwei und fünf Prozent haben Union und SPD seither weiter verloren. In der Logik der Eskalation bedeutet dies für Politiker wie Scholz jedoch: weitermachen, eher noch eine Schippe draufpacken.

Das Ergebnis ist ein teurer Totalschaden: Die Altersvorsorge soll erneut umgebaut werden – zu einem Zeitpunkt, da die großen Reformen 13 Jahre nach ihrer Einführung gerade erst zu wirken beginnen. Die 2005 in Kraft getretene langsame Absenkung des Rentenniveaus soll quasi wieder abgeschafft werden, und die staatlich geförderte private Riester-Rente am besten gleich mit. Dafür wird man sich viel Neues einfallen lassen, neue Fonds und Anlageformen, am besten staatlich garantiert.

Altersvorsorge ist einfach, wenn man sich emanzipiert

Rentenpolitik soll Verlässlichkeit für Jahrzehnte bieten. Seit einigen Jahren bietet sie jedoch vor allem Schnappatmung. Die Folge: Viele Menschen wissen nicht mehr, was sie glauben und worauf sie sich einstellen sollen. Wie groß ist ihre Rentenlücke? Was bringt die gesetzliche Rente? Ist Riester wirklich gescheitert? Braucht man doch noch einen Vertrag? Und: Wie gut ist die bestehende Lebensversicherung?

An dieser Stelle will Capital einen klaren Kompass bieten: Wir legen Ihnen dar, wie Sie sich am besten auf den Ruhestand und das Alter vorbereiten. Wir zeigen, wie die Lebensversicherer aufgestellt sind – und was Sie tun können, wenn Ihr Vertrag ausgezahlt wird.

Unser Fazit: Altersvorsorge ist einfach, wenn man sich emanzipiert. Man muss sich unabhängig machen vom Getöse der Politik. Weil jeder Mensch aber andere Voraussetzungen mitbringt und andere Erwartungen an seine Geldanlage hat, haben wir mit dem renommierten Sinus-Institut für Markt- und Sozialforschung fünf unterschiedliche Vorsorgetypen entwickelt. Sie sollen Ihnen die Wiedererkennung erleichtern und Orientierung geben, wie Sie Ihre Altersvorsorge am besten aufstellen. Zudem wollen wir sortieren, was heute in der gesetzlichen Rente und ihren staatlich geförderten Zusatzangeboten gilt, was möglicherweise hinzukommt und was das für Sie und Ihre Altersvorsorge bedeutet.

#1 Die Sorgen haben sich entkoppelt

Die Zahlen sind auf den ersten Blick alarmierend. 71 Prozent der Deutschen geben an, sie hätten ihr Vertrauen in die Rentenpolitik verloren. Zu diesem Ergebnis kam im Frühsommer eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Yougov unter mehr als 3000 Menschen im Auftrag des Versicherungskonzerns Axa. Unter älteren Arbeitnehmern zwischen 55 und 64 Jahren ist die Unzufriedenheit mit 81 Prozent deutlich höher als bei jungen Berufstätigen. Doch auch hier sagt eine knappe Mehrheit, die Politik müsse mehr für Rentner tun. 64 Prozent der Befragten gaben an, ihnen mache das Thema Altersvorsorge Angst, 58 Prozent der Rentner erklärten, ihr Leben habe sich im Ruhestand verschlechtert.

Die Studie bot aber noch einen zweiten frappierenden Befund: Jenseits der Klage über zu niedrige Renten hört die Einigkeit schnell wieder auf. So fordern zwischen 55 und 70 Prozent eine (noch) bessere staatliche Förderung von Betriebs- und Riester-Renten. Die Einführung einer Mindestrente dagegen erhält keine klare Mehrheit, eine Erhöhung der Rentenbeiträge fällt mit 31 Prozent Zustimmung sogar glatt durch.

Schaut man sich die reale Lage von heutigen Rentnern an, wird das Bild noch komplizierter. Dies zeigt der Rentenversicherungsbericht der Bundesregierung. Danach erhält ein Rentner im Durchschnitt heute eine gesetzliche Rente von 1065 Euro pro Monat, im Osten sind die Beträge meist etwas höher als im Westen (wegen der kürzeren Versicherungszeiten dort). Gut 1000 Euro klingt nach nicht viel, relativiert sich aber, wenn man sich das gesamte Einkommen eines Rentnerhaushalts anschaut. Denn oft haben Ruheständler nicht nur ein Einkommen, sondern – bei Ehepaaren – noch eine zweite Rente sowie Einkünfte aus Vermögen oder Vermietungen. Insgesamt kommen ältere Ehepaare im Schnitt auf ein Nettoeinkommen von 2572 Euro im Westen und 2257 Euro im Osten. Und das in einer Zeit, in der das Eigenheim bezahlt und die Kinder aus dem Haus sind. Das muss eine Arbeitnehmerfamilie erst mal schaffen.

Die gesetzliche Rente macht in der Regel nur 50 bis 60 Prozent der gesamten Einkünfte aus. Mehr noch: Minirenten von 200 bis 400 Euro pro Monat – in der Debatte häufig ein Beleg für Altersarmut – finden sich meist in Haushalten, die über besonders hohe Einkünfte von 3500 bis 4200 Euro pro Monat verfügen. Woran das liegt? Diese Renten gehen oft auf kurze Versicherungszeiten zum Berufseinstieg zurück, danach kamen der Umstieg in die Selbstständigkeit oder die Verbeamtung.

#2 Kalkulierte Missverständnisse

Die Rentenreformen der vergangenen zwei Jahrzehnte – sei es Riester, Rürup oder die Rente mit 67 – folgten einer einfachen Erkenntnis: Weil in Deutschland in den nächsten drei Jahrzehnten immer weniger Arbeitnehmer immer mehr Rentner finanzieren müssen, sollte das Leistungsniveau der gesetzlichen Rente ganz langsam sinken. Wohlgemerkt, das Niveau, nicht die Leistungen. Das ist ein wichtiger Unterschied: Denn das Niveau einer Leistung kann auch dann sinken, wenn die Leistung selbst steigt. Genauso verhält es sich in der gesetzlichen Rente.

Das Leistungsniveau im Rentensystem ist definiert als das Verhältnis von durchschnittlichen Bruttolöhnen zu durchschnittlichen Bruttorenten, jeweils nach Abzug der Sozialbeiträge, aber vor Abzug der Steuern. Dieses Standardrentenniveau betrug im Jahr 2000 genau 52,9 Prozent und liegt heute bei 48,2 Prozent. Dies entspricht einer Standardrente von heute 1440 Euro im Monat. Diesen Betrag erhalten Rentner, wenn sie 45 Jahre lang immer ein Durchschnittseinkommen verdient haben. Es ist eine sehr theoretische Größe, die fast niemand genau trifft – und die zugleich, siehe oben, selten die einzige Einkommensquelle im Alter ist.

Um die Arbeitnehmer nicht zu überfordern und den Rentenbeitrag bis zum Jahr 2040 bei maximal 22 Prozent zu halten, sollte dieses Niveau (an irgendetwas muss man sich ja orientieren) in den kommenden 22 Jahren auf 42 Prozent sinken. Das heißt aber nicht, dass die Renten auch tatsächlich sinken. Um das Niveau zu senken, reicht es bereits, wenn die Renten nur etwas langsamer steigen als Löhne und Gehälter. Zu diesem Zweck gibt es seit 2005 den Nachhaltigkeitsfaktor, der Lohn- und Rentenentwicklung ganz langsam entkoppelt.

Tatsächlich steigen die Renten trotzdem, sogar deutlich. Unterstellt man einen jährlichen Anstieg der Löhne und Gehälter um knapp drei Prozent pro Jahr, würden die ausgezahlten Renten bis zum Jahr 2031 um mehr als ein Drittel steigen, nämlich exakt um 36 Prozent. Eine Standardrente würde dann etwa 1900 Euro im Monat betragen. Trotzdem heißt es überall und immer wieder, dass die Renten sinken. Und statt ihre verunsicherten Wähler eines Besseren zu belehren, spielt allen voran die SPD lieber die Kümmererpartei, die „die Ängste der Menschen ernst nimmt“ und Besserung verspricht.

#3 Ein Raubzug hat begonnen

Allein die Ende August beschlossene Stabilisierung des Rentenniveaus bei 48 Prozent bis 2025 wird rund 11 Mrd. Euro kosten, weitere 20 bis 25 Mrd. Euro die Rentenzuschläge für die Kinderziehung. Zur Finanzierung dieses Pakets müsste der Rentenbeitrag spätestens 2021 steigen. Das wollen sich Union und SPD so kurz vor der nächsten Wahl jedoch ersparen und plündern stattdessen die Reserve der gesetzlichen Versicherer. Den Beitrag anheben soll lieber die nächste Regierung, dann allerdings innerhalb von drei Jahren um etwa drei Prozentpunkte.

Das alles aber ist noch nichts gegen die Pläne von Olaf Scholz, das Rentenniveau am besten gleich bis 2040 bei 48 Prozent einzufrieren. Verschiedene Wissenschaftler haben dieses Ansinnen durchgerechnet und kommen auf kumulierte Kosten von bis zu 500 Mrd. Euro. Wenn der Rentenbeitrag nicht über 22 Prozent steigen soll, müsste der Zuschuss des Bundes von heute 94 Mrd. Euro – mehr als ein Viertel des Bundeshaushalts – auf 160 bis 180 Mrd. Euro pro Jahr steigen.

Aber egal ob man es über Steuern oder Beiträge finanziert: Die Pläne gleichen einem Raubzug unter den jungen und noch kommenden Generationen. Angesichts der guten Haushaltslage hat die Idee, die Rentner erst mal besser zu stellen, auch jenseits der SPD viele Anhänger. Eigentlich mögliche Steuer-entlastungen, die Spielraum für private Ersparnis schaffen würden, müssen dann ausfallen. Nur klar ist auch, wie die Sache ausgeht, wenn die Wirtschaft einmal nicht mehr so gut läuft: Dann wird wieder alles rückgängig gemacht, die Einschnitte werden umso härter ausfallen.

#4 Klären Sie Ihre Prioritäten

Deshalb spricht viel dafür, für den Ruhestand nicht allein auf die gesetzliche Rente und die Zuverlässigkeit der Politik zu bauen. Zwischen dem Einkommen, das Sie heute oder mehr noch in ein paar Jahren erzielen, und der mutmaßlichen gesetzlichen Rente in zehn, 20 oder 30 Jahren wird eine gehörige Lücke klaffen. Besser ist, sich darauf vorzubereiten.

Um die Lücke zu schließen, sind aber zwei Dinge wichtig – noch lange vor dem Abschluss eines weiteren Sparplans. Erstens: Klären Sie, was Sie bereits an Versicherungen haben und an Vorsorge betreiben. Als Anhaltspunkt dazu dienen auch die fünf Anlagetypen, die wir entwickelt haben. Wichtiger aber noch ist, zweitens, die Prioritäten zu klären: Wollen Sie noch eine Familie gründen? Und wie wichtig ist Ihnen Eigentum?

Wer zum Beispiel jetzt schon weiß, dass er in einigen Jahren Kinder haben und irgendwann ein Haus bauen oder eine Wohnung kaufen wird, kann an das Thema private Altersvorsorge anders herangehen – ein Großteil ist dann nämlich für viele Menschen durch die Finanzierung der Immobilie wahrscheinlich schon erledigt.

#5 Machen Sie sich frei

Eine Lehre bietet die neue Rentendebatte schon jetzt: Auf Zusagen und Beschlüsse von Politikern, die über einen Zeitraum von mehr als zehn Jahren reichen, sollte man nicht allzu viel geben. Umso wichtiger ist es also, die private Altersvorsorge möglichst unabhängig von politischen Entscheidungen und staatlichen Förderinstrumenten zu betreiben.

Etwa elf Millionen Menschen haben heute einen oder mehrere Riester-Verträge, mit denen sie privat für das Alter vorsorgen und für die sie Zulagen vom Staat erhalten. Insgesamt gibt es rund 16,5 Millionen Riester-Policen. An den Angeboten gibt es einiges zu kritisieren, doch viele sind weit besser als ihr Ruf. Das gilt insbesondere für Riester-Fondssparpläne, die relativ stark in Aktien investieren.

Statt aber auf den letzten Zulagen-Euro für eher teure Versicherungspolicen zu schielen, empfiehlt sich ein Baukasten aus globalen, aktienbasierten, breit gestreuten Fonds und Indexfonds (ETFs). Denn wenn wir alle länger leben, werden Aktienanlagen umso attraktiver: Ab einer Haltedauer von rund 15 Jahren sinken historisch betrachtet die Verlustrisiken einer gestreuten Aktienanlage auf nahezu null Prozent, ab 20 Jahren winken verlässlich mindestens fünf Prozent Rendite pro Jahr. Selbst ein heute 55-jähriger Mann lebt im Schnitt noch 26 Jahre, eine Frau sogar 30 Jahre.

Oft heißt es, Politiker machten ihre Hausaufgaben nicht. In der Rentenpolitik war ironischerweise das Gegenteil der Fall. Seit der Jahrtausendwende haben verschiedene Regierungen die Rentenformel umgebaut, um das System zu stabilisieren. Sie haben Millionen Deutsche zu einer privaten Vorsorge ermuntert. Und sie haben mit der Rente mit 67 gezeigt, dass sie vorausschauend handeln können. Politik aus dem Lehrbuch. Warum das alles wieder rückabgewickelt werden soll, bleibt ein großes Rätsel. Treibt die Rentenlücke die Menschen in Chemnitz auf die Straße? Wird die CSU wegen Haltelinien im Jahr 2018 abgestraft?

Nein – aber das bringt Politiker nicht von neuen Rentenpaketen ab, die Milliarden kosten. Und die in zehn Jahren wieder ein Kanzler beschneiden muss. Wahrscheinlich reicht es immerhin dann für die Top-Nachricht im „Heute Journal“.