AltersvorsorgeLeitfaden: genug Geld für die Rente

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#1 Die Sorgen haben sich entkoppelt

Die Zahlen sind auf den ersten Blick alarmierend. 71 Prozent der Deutschen geben an, sie hätten ihr Vertrauen in die Rentenpolitik verloren. Zu diesem Ergebnis kam im Frühsommer eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Yougov unter mehr als 3000 Menschen im Auftrag des Versicherungskonzerns Axa. Unter älteren Arbeitnehmern zwischen 55 und 64 Jahren ist die Unzufriedenheit mit 81 Prozent deutlich höher als bei jungen Berufstätigen. Doch auch hier sagt eine knappe Mehrheit, die Politik müsse mehr für Rentner tun. 64 Prozent der Befragten gaben an, ihnen mache das Thema Altersvorsorge Angst, 58 Prozent der Rentner erklärten, ihr Leben habe sich im Ruhestand verschlechtert.

Die Studie bot aber noch einen zweiten frappierenden Befund: Jenseits der Klage über zu niedrige Renten hört die Einigkeit schnell wieder auf. So fordern zwischen 55 und 70 Prozent eine (noch) bessere staatliche Förderung von Betriebs- und Riester-Renten. Die Einführung einer Mindestrente dagegen erhält keine klare Mehrheit, eine Erhöhung der Rentenbeiträge fällt mit 31 Prozent Zustimmung sogar glatt durch.

Schaut man sich die reale Lage von heutigen Rentnern an, wird das Bild noch komplizierter. Dies zeigt der Rentenversicherungsbericht der Bundesregierung. Danach erhält ein Rentner im Durchschnitt heute eine gesetzliche Rente von 1065 Euro pro Monat, im Osten sind die Beträge meist etwas höher als im Westen (wegen der kürzeren Versicherungszeiten dort). Gut 1000 Euro klingt nach nicht viel, relativiert sich aber, wenn man sich das gesamte Einkommen eines Rentnerhaushalts anschaut. Denn oft haben Ruheständler nicht nur ein Einkommen, sondern – bei Ehepaaren – noch eine zweite Rente sowie Einkünfte aus Vermögen oder Vermietungen. Insgesamt kommen ältere Ehepaare im Schnitt auf ein Nettoeinkommen von 2572 Euro im Westen und 2257 Euro im Osten. Und das in einer Zeit, in der das Eigenheim bezahlt und die Kinder aus dem Haus sind. Das muss eine Arbeitnehmerfamilie erst mal schaffen.

Die gesetzliche Rente macht in der Regel nur 50 bis 60 Prozent der gesamten Einkünfte aus. Mehr noch: Minirenten von 200 bis 400 Euro pro Monat – in der Debatte häufig ein Beleg für Altersarmut – finden sich meist in Haushalten, die über besonders hohe Einkünfte von 3500 bis 4200 Euro pro Monat verfügen. Woran das liegt? Diese Renten gehen oft auf kurze Versicherungszeiten zum Berufseinstieg zurück, danach kamen der Umstieg in die Selbstständigkeit oder die Verbeamtung.

#2 Kalkulierte Missverständnisse

Die Rentenreformen der vergangenen zwei Jahrzehnte – sei es Riester, Rürup oder die Rente mit 67 – folgten einer einfachen Erkenntnis: Weil in Deutschland in den nächsten drei Jahrzehnten immer weniger Arbeitnehmer immer mehr Rentner finanzieren müssen, sollte das Leistungsniveau der gesetzlichen Rente ganz langsam sinken. Wohlgemerkt, das Niveau, nicht die Leistungen. Das ist ein wichtiger Unterschied: Denn das Niveau einer Leistung kann auch dann sinken, wenn die Leistung selbst steigt. Genauso verhält es sich in der gesetzlichen Rente.

Das Leistungsniveau im Rentensystem ist definiert als das Verhältnis von durchschnittlichen Bruttolöhnen zu durchschnittlichen Bruttorenten, jeweils nach Abzug der Sozialbeiträge, aber vor Abzug der Steuern. Dieses Standardrentenniveau betrug im Jahr 2000 genau 52,9 Prozent und liegt heute bei 48,2 Prozent. Dies entspricht einer Standardrente von heute 1440 Euro im Monat. Diesen Betrag erhalten Rentner, wenn sie 45 Jahre lang immer ein Durchschnittseinkommen verdient haben. Es ist eine sehr theoretische Größe, die fast niemand genau trifft – und die zugleich, siehe oben, selten die einzige Einkommensquelle im Alter ist.