Versicherer-TestLebensversicherungen - sicher oder nicht?

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Unter 80 wird’s eng

Die zweite – reine – Solvenzzahl zeigt aber auch, dass einige Anbieter mächtig nachbessern müssen. Sie gibt an, wie die Gesellschaft dastünde, wenn sie heute schon nach strengen Maßstäben beurteilt würde – also ohne jegliche Erleichterungen, die mehrheitlich ab 2031 entfallen. Hier wertet der BdV eine Zahl unter 80 mit Rot.

Der Marktriese Debeka schneidet nach dieser Berechnung schlecht ab – und wehrt sich energisch. Für Kunden sei die BdV-Studie „mangels sachlicher Fundierung völlig irrelevant“. Und: Kein Debeka-Kunde müsse sich um die dauerhafte Erfüllung seines Vertrags sorgen.

Andere Fachleute bestätigen jedoch, dass eine niedrige reine Solvenz ein Warnsignal ist. Zwar bleiben schwachen Anbietern noch 14 Jahre, um ihr Geschäft umzubauen. Wahr ist aber auch: Wer jetzt große Summen ins Eigenkapital pumpen muss, hat nicht mehr viel übrig für Überschüsse an Versicherte.

Am Beispiel der Debeka zeigt sich insofern auch das Dilemma der verschärften Eigenkapitalregeln: Wer wie die Koblenzer in Ratings bisher gut abschnitt, weil er kostengünstig wirtschaftet und Kunden zeitnah mit Überschüssen bedachte, hat nun wenig eigene Mittel – und erhöhten Erklärungsbedarf.

Andererseits bringt der neue Blick auf die Branche auch Merkwürdigkeiten ans Licht. So kritisiert Zielke, dass sich fünf Versicherer im Ringtausch gegenseitig mit Nachrangdarlehen versorgt hätten, um damit ihre Eigenmittel aufzuhübschen. Das widerspreche „den Prinzipien guter Unternehmensführung und stellt eine Kaskadengefahr“ dar. Will sagen: Kippt einer, könnten alle ins Schlingern geraten. Die Kreditgeber und Summen werden im Bericht des Volkswohl Bundes säuberlich aufgelistet: Je 20 Mio. Euro zeichneten LV1871 und VPV Leben, 40 Mio. die Continentale Leben und jeweils 15 Mio. Euro die Debeka-Gesellschaften Kranken sowie Allgemeine.

Die Unternehmen widersprechen Zielkes Vorwürfen. Die Debeka sagt, ihr Lebensversicherer sei gar nicht beteiligt. Sie sieht auch keine Kaskadengefahr, denn die Höhe der Nachrangdarlehen an den Volkswohl Bund sei gemessen an den gesamten Kapitalanlagen gering. Auch habe sich die Solvenzquote durch Nachrangdarlehen, die die Debeka von Lebensversicherern aus dem Kreis erhalten habe, nur marginal erhöht.

Der Bafin war der Ringtausch unter Versicherern längst bekannt. Beanstandet wurde er nicht – auch mangels einer gesetzlichen Handhabe. Jetzt darf die Aufsicht eingreifen und teilt mit, dass es „eine neue ringförmige Vergabe von Nachrangdarlehen nicht mehr geben“ könne.

Pleite trotz guter Solvenz?

Es gibt noch weitere interessante Erkenntnisse für Kunden: etwa bei der Gewinnerwartung, die die Versicherer angeben mussten. Beispielsweise zeigten von den acht Lebensversicherern ohne Neugeschäft (die also nur noch alte Verträge abwickeln) Heidelberger und Skandia in Sachen Solvenz eine Punktlandung. Die Versicherten können aber an der hohen Gewinnerwartung ablesen, dass die Eigentümer kräftig mitverdienen wollen. Das drückt die Ertragsaussichten der Kunden.

Mit Erkenntnissen wie diesen können die neuen Risikoberichte also aufwarten – mit Gewissheiten allerdings weniger. Das liegt am System: Zum einen schwanken die Solvenzzahlen stark mit den Märkten. Zum anderen bilden sie das Pleiterisiko gar nicht vollständig ab. Kurioserweise kann ein Versicherer nämlich trotz guter Solvenz pleitegehen, weil er Anforderungen des Handelsgesetzbuchs nicht erfüllt – etwa weil er zu viel Geld zur Garantiesicherung aufbringen muss.

Ab sofort müssen die Versicherer beide Regelwerke bedienen. Verbraucherschützer Kleinlein sagt: „Nur Unternehmen, die auf beiden Spielfeldern reüssieren, sind als stark anzusehen.“ Den eigentlichen Wert der neuen Regimes sieht Lars Heermann von der Ratingagentur Assekurata ohnehin abseits der Zahlen: „Die Versicherer werden gezwungen, ihre Risiken nicht einfach auszublenden.“

Den Kunden, die meist jahrzehntelang in ihre Versicherung einzahlen, kann das nur recht sein.