Interview„Kurzfristig sind Anleihen eine bessere Wahl als Aktien“

Symbolbild: Frankfurter Börse
Symbolbild: Frankfurter Börse Getty Images

Capital: Viele Ökonomen gehen davon aus, dass die Wirtschaft sowohl in Europa als auch global weiterhin stabil wächst. Sie nicht. Welche Warnsignale übersehen Ihre Kollegen?

Daniel Hartmann
Daniel Hartmann

Daniel Hartmann: Bei uns steht grundsätzlich die Richtung der konjunkturellen Entwicklung im Vordergrund. Wenn die Frühindikatoren auf einen Abwärtskurs einschwenken, beginnt für uns der zyklische Abwärtstrend. Genau das ist derzeit der Fall. Andere Ökonomen verweisen darauf, dass sich Einkaufsmanagerindizes und andere Wirtschaftsindikatoren immer noch auf einem hohen Niveau befinden. Sie sagen, dass man deshalb weiterhin von einer positiven Konjunkturentwicklung sprechen könne. In der Vergangenheit hat sich aber immer wieder gezeigt, dass nicht das Niveau, sondern der Trend der Indikatoren entscheidend ist.

Wie schlimm wird es denn?

Für die Eurozone gehen wir davon aus, dass sich die Wachstumsrate, die zuletzt pro Quartal bei 0,7 Prozent lag, in Richtung 0,4 Prozent abschwächt. Auf das Jahr hochgerechnet dürfte das Wirtschaftswachstum so von drei Prozent auf zirka 1,5 Prozent zurückgehen.

Eine Rezession ist das nicht.

Wir sprechen auch nicht von einer Rezession, sondern von einer Konjunkturdelle. Die Rezessionsrisiken haben allerdings ebenfalls zugenommen. Die Konjunktur kann massiver einbrechen als erwartet, etwa wenn der Handelskonflikt zwischen den USA und China sowie der Eurozone eskaliert. Oder wenn die Finanzmärkte einbrechen.

Die Wirtschaft der Euro-Staaten steht aber auf stabileren Füßen als vor dem Ausbruch der Finanzkrise im Jahr 2008.

Das schon. Man darf aber nicht vergessen, dass ein Konjunkturaufschwung von immer neuen Wachstumsimpulsen lebt. In den vergangenen Jahren kamen solche Impulse meist von den Notenbanken. Damit ist jetzt erst einmal Schluss. Wir sehen zudem auch fundamentale Gründe, um von einer Wachstumsverlangsamung auszugehen. Die chinesische Wirtschaft zum Beispiel dürfte im laufenden Jahr langsamer wachsen. Das hat Auswirkungen auf die Weltkonjunktur.

Was bedeutet das für die Aktienmärkte?

Wir gehen davon aus, dass es im laufenden Jahr an den Aktienmärkten einen Rücksetzer von zirka 20 Prozent geben wird, ausgehend vom Hochpunkt. Der Dax wird voraussichtlich in Richtung 11.000 Punkte fallen. Der Kurssturz zu Jahresbeginn war ein erstes Warnsignal.

Sollten Investoren also Anleihen kaufen, trotz steigender Zinsen?

Zumindest kurzfristig sind Anleihen eine bessere Wahl als Aktien. Die Rentenmärkte würden von einer Konjunkturdelle profitieren, die Kurse von Bundesanleihen würden steigen. Wir empfehlen eine defensive Portfolioausrichtung, die Aktien unter- und Anleihen übergewichtet. Insgesamt sollte man Investitionen in sogenannte Risiko-Assets zurückfahren, also nicht nur Aktien, sondern auch Hochzinsanleihen meiden und sogar gut bewertete Unternehmensanleihen untergewichten. Spezielle Aktien-Tipps haben wir jetzt nicht. Wir gehen davon aus, dass der Rücksetzer den gesamten Aktienmarkt erwischt.

Vielleicht wird es ja gar nicht so schlimm.

Kann sein. Aber die Daten von Januar bis April bestätigen unsere pessimistische Prognose. Der Ifo-Geschäftsklimaindex ist gerade zum fünften Mal in Folge deutlich zurückgegangen. Die Wahrscheinlichkeit, dass es so kommt, wie wir sagen, hat zuletzt eher zu- als abgenommen.