SezessionKatalonien-Konflikt belastet Spaniens Wirtschaft

Kurstafel an der Börse in Madrid
Die Unsicherheit um Katalonien hat auch die spanische Börse erfasstGetty Images

Kataloniens Regierungschef Carles Puigdemont gerät immer stärker unter Druck. Nachdem er mehrere Ultimaten der spanischen Zentralregierung hatte verstreichen lassen, aktivierte Spaniens Ministerpräsident Mariano Rajoy am vergangenen Samstag einen Artikel der spanischen Verfassung, mit dem die katalanische Regionalregierung entmachtet werden kann. Puigdemont hatte in den vergangenen Wochen reichlich herumlaviert. Er rief zunächst die Unabhängigkeit Kataloniens aus, nur um kurz danach zu erklären, den Abspaltungsprozess zunächst aussetzen zu wollen. Nun hat Spaniens Zentralregierung die Geduld verloren. Sie fordert, dass Puigdemont die Unabhängigkeitsbestrebungen aufgibt. Der Katalane muss sich entscheiden, ob er sich Madrids Forderungen beugt oder die Lage weiter eskaliert.

Der Konflikt zwischen der Zentralregierung und den katalanischen Separatisten kommt zu einer Zeit, in der es Spanien nach langen, harten Jahren eigentlich wieder besser geht. In den vergangenen Monaten hatten Volkswirte ihre Wachstumsprognosen für die spanische Wirtschaft mehrfach angehoben. Die Arbeitslosenquote, insbesondere unter jungen Leuten, ist zwar im europäischen Vergleich immer noch hoch, sie sinkt aber allmählich. Nun droht die Katalonien-Krise Spaniens Erholung auszubremsen.

Im laufenden Jahr dürfte die spanische Wirtschaft mit 3,1 Prozent stärker wachsen als ursprünglich erwartet. Für das kommende Jahr hat die Regierung in Madrid allerdings ihre Prognose nach unten korrigiert: von 2,6 auf 2,3 Prozent. Als Begründung führt sie die politische Unsicherheit im Zuge des Katalonien-Konflikts an, die die Binnennachfrage belaste.

Ibex unter Druck

Renteninvestoren bekommen diese Unsicherheit bereits zu spüren. Als Puigdemont vergangene Woche das zweite Ultimatum der Zentralregierung verstreichen ließ, gaben die Kurse spanischer Staatsanleihen nach. Die politischen Querelen machen sich auch am Aktienmarkt bemerkbar. Der spanische Leitindex Ibex ist seit dem Unabhängigkeitsreferendum am 1. Oktober gefallen. Er setzte damit einen Abwärtstrend fort, der bereits im Frühjahr begonnen hatte.

Anlageprofis bemühen sich um Zuversicht. „Das starke Wirtschaftswachstum dürfte die Fragezeichen bezüglich der Zukunft von Katalonien ausgleichen“, sagt Cédric Spahr, Aktienmarktstratege der Schweizer Bank J. Safra Sarasin. Er geht davon aus, dass die solide Konjunktur die Aktienkurse im gesamten Euroraum stützt. Die politischen Unsicherheiten in Spanien könnten zwar dazu beitragen, dass der Euro gegenüber dem US-Dollar nachgibt. Das käme europäischen Exporteuren aber zugute, wäre also keine negative Entwicklung.

Risiken für Spaniens Bonität

Ob sich der Katalonien-Konflikt weiter zuspitzt, ist schwer zu sagen. Viele Beobachter gehen davon aus, dass mittelfristig wieder Ruhe einkehrt und Katalonien ein Teil Spaniens bleibt. Es fehle Puigdemont an internationaler Unterstützung, um sich gegenüber der Zentralregierung durchzusetzen, urteilen Analysten der Ratingagentur Scope. Zu viele juristische, wirtschaftliche und finanzielle Hürden stünden einer Abspaltung im Wege. Am Ende des Konflikts könnten weiterreichende Rechte für die autonome Region stehen.

Sollten die Lage wider Erwarten doch weiter eskalieren, könnte sich allerdings Spaniens Bonität verschlechtern, warnen die Scope-Experten. Auch an der Börse in Madrid dürfte es dann abwärts gehen. Anleger sollten dieses Risiko im Hinterkopf behalten. Ein Zeichen dafür, dass die Lage ernster sein könnte als gedacht, ist die Flucht vieler Unternehmen aus Katalonien: Hunderte Firmen haben die Region seit dem Unabhängigkeitsreferendum verlassen. Sie wollen sich in anderen Teilen Spaniens niederlassen.