GeldanlageKann man das Sparen bald vergessen?

Symbolbild Geld sparen
Symbolbild Geld sparen Pixabay.com

Jeder zehnte Euro hierzulande wird gespart. Von dem Geld, was die Bundesbürger monatlich nach Abzug aller Abgaben und nach Lebenshaltungskosten noch übrig haben, legen sie im Schnitt rund 180 Euro zurück, also rund zehn Prozent, so belegen es die Zahlen des Statistischen Bundesamts und repräsentative Umfragen. Umgekehrt: 90 Prozent der 1800 Euro, über die Haushalte frei verfügen können, geben sie aus. Das ist viel – und das ist auch gut so. Denn natürlich treibt Geld, das für den Konsum eingesetzt wird, die Wirtschaft an. Doch ganz ohne Sparen geht es nicht, mahnen regelmäßig Finanzberater. Denn wer sein Geld ständig komplett ausgibt, der steht spätestens im Alter ohne Ersparnisse da. Recht übereinstimmend mit den Gepflogenheiten lautet deshalb die Faustformel der Vorsorgeexperten: Wer ein Zehntel seines verfügbaren Einkommens privat anspare, der bilde sich damit einen halbwegs soliden Grundstock für später. Es könnte allerdings sein, dass wir all diese Quoten demnächst überdenken müssen – wenn die Zentralbanken tatsächlich Negativzinsen einführen. Und wenn die Zinsen aufs Bargeld kommen.

Noch ist beides reine Spekulation, oder besser gesagt: Es ist der Vorschlag, den einige Vordenker des Weltwährungsfonds (IWF) dieser Tage unterbreitet haben. Würden die Zentralbanken ernst machen und diese Idee bei einem Wirtschaftsabschwung umsetzten, dann drohte deutschen Sparern erhebliches Ungemach. Manche Ökonomen sagen, dann drohe sogar der Zusammenbruch des bisherigen Finanz- und Altersvorsorgesystems – zumindest hierzulande. Ex-Ifo-Chef Hans-Werner Sinn findet sogar: Dann sei es Zeit, dass sich Deutschland aus dem europäischen Währungssystem verabschiede. Denn diese Negativzinsen ergeben für deutsche Sparer und Systeme noch viel weniger Sinn als andernorts. Wie also kommt es dann zu diesem wahnwitzigen Vorschlag und was bedeutet er überhaupt?

Die Idee der Negativzinsen ist nicht mehr ganz neu, schon mehrfach hatten führende Ökonomen sie aufgeworfen. Angesichts der wachsenden Gefahr, dass es demnächst zu einem Abschwung kommen könnte, nimmt sie nun aber wieder Fahrt auf: Inzwischen hat die amerikanische Notenbank Fed ihre Zinsen auf nunmehr 2,5 Prozent angehoben – und sie will zwar künftig etwas langsamer voranschreiten, peilt aber dennoch weitere Erhöhungen an, auch wenn es vermutlich nur zwei statt vier Zinsschritte in diesem Jahr werden. Was aber tut sich bei der europäischen Zentralbank EZB? Nichts. Statt der Zinsanhebung, die viele für Ende 2019 erwartet hatten, kommt der erste Zinsschritt wohl frühestens 2020. Also spät, zu spät vielleicht.

Zentralbanken brauchen Spielraum für den nächsten Abschwung

Allmählich nämlich mehren sich die Zeichen, dass der Konjunktur die Puste ausgeht und sich das Wachstum weltweit verlangsamt. Was also, wenn der bisherige Boom an sein Ende gerät und sich der Aufwärtstrend ins Gegenteil verkehrt? Es muss ja nicht gleich die ganz große Krise sein, eine normale Rezession würde schon reichen – zumindest um die Notenbanker in Not zu bringen. Wie nämlich sollen die Geldwächter dann weiterhin für Preisstabilität sorgen und das Wirtschaftswachstum wieder ankurbeln? Bisher senkten sie die Leitzinsen, um das Geld billiger zu machen und Kredite begehrter, denn das kurbelt normalerweise Ausgaben und Investitionen an. Um einem Abschwung effektiv entgegenzusteuern, bräuchten Zentralbanken jedoch einen Spielraum von drei bis sechs Prozentpunkten für die Zinssenkungen. Sonst wirke ihr Eingriff nicht, sagen die IWF-Banker. Diesen Spielraum hat die amerikanische Notenbank derzeit nur ganz knapp, die europäische EZB aber beileibe nicht: In Europa geht wegen der Nullzinsen nichts mehr, denn billiger als umsonst können Kredite ja kaum sein. Und weniger als nichts kann man Sparern nicht dafür geben, dass sie ihr Geld auf Konten horten, statt es auszugeben. Oder? Falsch gedacht, natürlich geht da noch etwas.

Nun reden wir also über Negativzinsen, zumindest macht das der IWF bereits auf theoretischer Basis. Ebenso diskutieren seine Experten darüber, ob es künftig vielleicht eine Zwangsentwertung von Bargeld geben könnte. Das Ganze soll so funktionieren: Elektronisches Geld, das auf Konten lagert, soll dann keine Zinsen mehr abwerfen, sondern im Gegenteil jedes Jahr an Wert verlieren. Es soll also für Sparer unattraktiver werden, Geld zu horten, selbst wenn es keine Inflation mehr gibt, weil es auch kein Wachstum mehr gibt. Die Bürger sollten es also lieber ausgeben, um die Ökonomie wieder anzukurbeln, das ist das Kalkül. Erhebt man die Zwangsabgabe aber nur für elektronische Einlagen, wäre die Folge absehbar: Viele Sparer würden zur Bank laufen und ganz schnell ihr Erspartes abheben, um es vor den Negativzinsen zu retten. Sie würden es lieber in Scheinen zuhause lagern, um den Wertverfall auf dem Konto zu verhindern. Das wiederum wäre existenzgefährdend für die Banken, denn sie wären rasch alle ihre Einlagen los – und könnten dann auch keine Kredite mehr für den Wiederaufschwung ausreichen.

Deshalb müsste man das Geldabheben und Halten von Bargeld ebenfalls unattraktiver machen. Das soll, so die IWF-Vordenker, dadurch geschehen, dass fürs Barzahlen andere Preise gelten, eigene Währungskurse sozusagen für Scheinwährungen und Elektrowährungen. Dann zahlt ein Kartenzahler beispielsweise 100 Euro für ein Konsumgut, denn die Einlagen auf seinem Konto sind zwar aktuell noch 100 Prozent wert, im nächsten Jahr aber wird die Bank sie auf 97 Prozent abwerten, was drei Prozent Negativzinsen entspricht. Soweit entspräche das der „normalen“ Inflation, solange die Preise für die Güter nicht ebenfalls teurer würden. Beim Barzahler dagegen können die Banken die Geldbestände auf keinem Konto dezimieren, also büßt der Barzahler bei jedem Bezahlen. Entweder indem er für das gleiche Produkt 103 Euro bezahlt oder indem Banken und Händler die Geldscheine bei jedem Bezahlvorgang entwerten. Sie billigen jedem 100-Euroschein dann beispielsweise nur noch eine Kaufkraft von 97 Euro zu – dafür kann man die Scheine abstempeln oder anderweitig markieren, meinetwegen auch elektronisch. Das klingt zugegeben noch reichlich absurd, doch Notenbanken, Kreditinstitute und Händler werden Mittel und Wege finden, wenn sie Negativzinsen durchsetzen wollen.

Probleme für Banken und Versicherer

Die Frage ist: Wollen sie? Und ist dieses Szenario überhaupt zu Ende gedacht? Angenommen ein Abschwung im Zeitalter der Nullzinsen brächte die EZB und andere Zentralbanken tatsächlich in die Lage, das umzusetzen, was würde passieren? Die erste Frage ist: Gilt dann der Negativzins weltweit? Kann er ja eigentlich nicht, sondern er beträfe nur jene Länder, die keinen Zinsspielraum mehr hätten. Dann aber wäre die erste Folge, dass Sparer mit größeren Geldbeträgen auf dem Konto zuerst das Kapital umschichten würden. Sie würden es massenhaft entweder in Sachwerte stecken – vielleicht noch mehr Immobilien kaufen, sicherlich auch Aktien oder vielleicht sogar das Gold wieder entdecken – oder sie würden es in Ersatzwährungen tauschen. Es schiene dann erheblich sinnvoller, Dollar zu halten und Kapitalflucht zu betreiben als weiterhin dem Euro und den hiesigen Banken treu zu bleiben. Kurbelte das also die heimische Wirtschaft an? Mit Ausnahme der Aktienkäufe wohl kaum.

Eine weitere – recht absehbare – Folge wäre, dass heimische Banken mit Negativzinsen erst recht nicht mehr konkurrenzfähig wären im Vergleich zu ausländischen Instituten. Denn mit den Einnahmen aus Zinsen und der Fristentransformation bestreiten sie immer noch ihr Hauptgeschäft. Durch die Einbrüche im Investmentgeschäft teils sogar noch viel stärker als vor der Finanzkrise. Und schon jetzt sind die amerikanischen Kreditinstitute den europäischen weit davongeprescht, weil dort die Zinsen bereits wieder gestiegen sind: Während die europäischen Top 10 der Banken im vergangenen Jahr einen Gewinn von rund 26 Mrd. Euro machten, fuhren die 10 größten US-Banken umgerechnet bereits knapp 70 Mrd. Euro ein, also 2,6-mal so viel. Amerikas Banken sind nicht nur weitaus profitabler, was sich auch in ihren Börsenkursen widerspiegelt, sondern auch marktbeherrschender als ihre europäischen Wettbewerber. Würde eine Zentralbank also riskieren, dass die hiesigen Institute in diesem Wettbewerb untergehen?

Aber nicht nur die Banken hätten ein größeres Problem, wenn es negative Zinsen gäbe. Die Versicherer bekämen es erst recht. Ihr Hauptgeschäft ist die langfristige Geldanlage in verhältnismäßig sichere Papiere wie Anleihen. Das aber hätte sich bei Minuszinsen ebenfalls erledigt und würfe keine Erträge mehr ab. Wie Versicherer und Pensionskassen dann die enormen Summen vermehren sollen, die Vorsorgesparer bei ihnen einzahlen, bleibt das große Geheimnis des IWF. Die Altersvorsorge jedenfalls lohnte sich dann mit den beliebtesten Produkten der Deutschen nicht mehr. Bisher rangieren Tagesgeldkonten und Sparbücher noch immer auf den ersten beiden Plätzen – was sie aber sicher nicht mehr tun würden, wenn man dafür regelrecht bezahlen müsste. Zurzeit stecken rund 40 Prozent des Geldvermögens privater Haushalte in solchen Sicht- und Spareinlagen. Nur knapp dahinter liegen die Lebens- wie Rentenversicherungen, in denen 37 Prozent des Geldvermögens stecken. Deren Neuabschlussquoten und die Bestandszahlen der Branche sinken nicht umsonst seit Beginn der Nullzinsphase von Jahr zu Jahr. Kann es sich eine hiesige Notenbank also leisten, knapp 80 Prozent des bundesdeutschen Altersvermögens aufs Spiel zu setzen für so ein Experiment?

Sparquote konstant bei zehn Prozent

Bleibt noch die Frage: Wohin flösse das Geld der Sparer stattdessen, wenn die Negativzinsen und Bargeldabgaben kämen? Gäben sie es wirklich komplett aus, aus Angst vor der großen Entwertung und konsumierten dann, dass die Wirtschaft brummt? Das wäre gelinde gesagt nicht nur ziemlich dumm, sondern auch sehr unerwartbar. Selbst in großen Krisenzeiten haben die Bundesbürger an ihrer Sparquote von rund 10 Prozent festgehalten. In den 90er-Jahren lag die Quote sogar noch bei 12 Prozent, seitdem hält sie sich ziemlich stabil bei 10 Prozent. Auf eine ähnlich hohe Sparquote kommen auch die Holländer laut OECD-Daten, US-Amerikaner und Norweger sparen zwar „nur“ rund 7 Prozent ihres verfügbaren Geldes. Doch Luxemburger, Schweden und Schweizer legen sogar 15 bis 18 Prozent zurück. Schweizer übrigens sparen derart viel, obwohl bei ihnen der Negativzins schon gilt. In den meisten entwickelten Ländern liegt die Sparquote jedenfalls um zirka 10 Prozent.

Wer viel weniger zurücklegt, tut das meist nicht als Reaktion auf Zinssätze, sondern weil er zu wenig hat, um viel anzusparen. Davon zeugt die rapide auf 2,5 Prozent gesunkene Sparquote im krisengebeutelten Italien, das vormals eine ähnlich hohe Quote hatte wie Deutschland. Oder die Negativsparquote in Griechenland, dort verschulden sich die Bürger zurzeit mehrheitlich. Die Kanadier sparen ebenfalls nur knapp vier Prozent, was aber eher daran liegt, dass ihre gesetzliche Altersabsicherung bereits recht gut ist und sie deshalb gar nicht so viel zurücklegen müssen. Japaner sparen auch nur noch 2,5 Prozent seit bei ihnen eine Rezession ausgebrochen ist. In wirtschaftlich schlechten Zeiten also geben die Bürger gerade nicht das Geld mit vollen Händen aus, weil sie Angst um ihre Arbeit und ihr Einkommen haben. Und bei Negativzinsen dann zusätzlich um ihre Altersvorsorge. Vielmehr sparen und konsumieren sie in dieser Lage dann weniger.

Was niedrigere Sparquoten auf lange Sicht bedeuten, ist zudem klar: Wer jetzt weniger zurücklegt, hat in ein paar Jahren weniger Geld für größere Anschaffungen oder größere Reisen. Und im Alter hat er dann so wenig Geld, dass er sich auch keine großen Sprünge mehr leisten kann. So schmälert das Nichtsparen von heute gleichzeitig den Konsum von morgen. Das kann ebenfalls kein Ziel einer langfristig orientierten Notenbankpolitik sein. Auch hierzulande spart übrigens laut repräsentativer GfK-Umfrage selbst in der derzeitigen Markthochphase bloß jeder Zweite. Mehr als ein Viertel dagegen sagt: Ich habe gar keine Ersparnisse und auch nicht genügend Geld, um welche aufzubauen. Ob man solchen Menschen hilft, indem man die Zinsen zugunsten des Konsums komplett abschafft?

Vorsorgen mit Fonds

Jahrelang haben Finanzberater schließlich zur Zehn-Prozent-Faustformel geraten. Wer ein Zehntel seines verfügbaren Einkommens privat anspare – also zusätzlich zu den Einzahlungen in die gesetzliche und betriebliche Rentenkasse – der bilde damit einen halbwegs soliden Grundstock fürs Alter, um das Absinken der gesetzlichen Rente abzumildern. Das hat sich eingeprägt. Manche Berechnungen sagen sogar, es müssten bis zu 20 Prozent Sparquote sein, um den Lebensstandard später zu halten. Von daher liegt der Durchschnittsdeutsche schon jetzt nicht gerade über Plan. Weniger sparen sollte er also in keinem Fall. Nur anders. Und gerade dazu würden die Negativzinsen enorm animieren.

Sie müssen aber nicht erst kommen, um die wichtigste Erkenntnis daraus jetzt schon umzusetzen: Angenommen ein Sparer will mit 67 Jahren rund 500.000 Euro zusammen haben, also zehnmal ein Jahreseinkommen von 50.000 Euro, damit er als Rentner mindestens 20 Jahre lang eine 50-prozentige Einkommenslücke ausgleichen kann. Der Sparer ist 30 Jahre alt und hat schon 10.000 Euro Startkapital. Dann hätte er folgende Möglichkeiten: Spart er klassisch, also wie eh und je mit einem Banksparplan, der rund zwei Prozent Zinsen abwirft, müsste er rund 750 Euro monatlich sparen. Das klingt schon jetzt utopisch, auch ohne Negativzinsen.

Schafft er es, vier Prozent Rendite zu erwirtschaften, sind es nur noch 450 Euro, die monatlich zurückzulegen wären. Immer noch viel? Klar, aber es geht noch besser: Er könnte sein Ziel auch mit rund 200 Euro monatlicher Sparrate erreichen. Zumindest dann, wenn er es nicht bei Banken hortete oder in Anleihen investierte, sondern wenn er es in Sachwerte steckte, in diesem Fall in Aktienfondsanteile, die im Schnitt auf lange Sicht rund 6,6 Prozent Rendite abwerfen. In diesem Fall am besten in thesaurierende Fonds, die jeweils die Erträge, also die Dividenden in neue Papiere investieren. So profitiert der Langfristsparer voll vom Zinseszins, der sich über diese Laufzeit enorm bemerkbar macht. Wenn der Durchschnittsdeutsche also tatsächlich die üblichen 10 Prozent – 180 Euro monatlich – für etwas ausgeben will, dann am besten für solche Produkte.

Damit hätte er verdammt gute Chancen, in den nächsten Jahren eben nicht dem stetigen Wertverfall zuzusehen, sondern dennoch sein Altersvorsorgeziel zu erreichen. Selbst wenn klassische Sparprodukte künftig sogar Geld kosten, statt Zinsen zu bringen, weil die Notenbanken das Undenkbare tun. Lassen sie es dagegen bleiben, wäre das natürlich ein doppelter Gewinn – für alle.