GeldanlageKann man das Sparen bald vergessen?

Seite: 2 von 3

Probleme für Banken und Versicherer

Die Frage ist: Wollen sie? Und ist dieses Szenario überhaupt zu Ende gedacht? Angenommen ein Abschwung im Zeitalter der Nullzinsen brächte die EZB und andere Zentralbanken tatsächlich in die Lage, das umzusetzen, was würde passieren? Die erste Frage ist: Gilt dann der Negativzins weltweit? Kann er ja eigentlich nicht, sondern er beträfe nur jene Länder, die keinen Zinsspielraum mehr hätten. Dann aber wäre die erste Folge, dass Sparer mit größeren Geldbeträgen auf dem Konto zuerst das Kapital umschichten würden. Sie würden es massenhaft entweder in Sachwerte stecken – vielleicht noch mehr Immobilien kaufen, sicherlich auch Aktien oder vielleicht sogar das Gold wieder entdecken – oder sie würden es in Ersatzwährungen tauschen. Es schiene dann erheblich sinnvoller, Dollar zu halten und Kapitalflucht zu betreiben als weiterhin dem Euro und den hiesigen Banken treu zu bleiben. Kurbelte das also die heimische Wirtschaft an? Mit Ausnahme der Aktienkäufe wohl kaum.

Eine weitere – recht absehbare – Folge wäre, dass heimische Banken mit Negativzinsen erst recht nicht mehr konkurrenzfähig wären im Vergleich zu ausländischen Instituten. Denn mit den Einnahmen aus Zinsen und der Fristentransformation bestreiten sie immer noch ihr Hauptgeschäft. Durch die Einbrüche im Investmentgeschäft teils sogar noch viel stärker als vor der Finanzkrise. Und schon jetzt sind die amerikanischen Kreditinstitute den europäischen weit davongeprescht, weil dort die Zinsen bereits wieder gestiegen sind: Während die europäischen Top 10 der Banken im vergangenen Jahr einen Gewinn von rund 26 Mrd. Euro machten, fuhren die 10 größten US-Banken umgerechnet bereits knapp 70 Mrd. Euro ein, also 2,6-mal so viel. Amerikas Banken sind nicht nur weitaus profitabler, was sich auch in ihren Börsenkursen widerspiegelt, sondern auch marktbeherrschender als ihre europäischen Wettbewerber. Würde eine Zentralbank also riskieren, dass die hiesigen Institute in diesem Wettbewerb untergehen?

Aber nicht nur die Banken hätten ein größeres Problem, wenn es negative Zinsen gäbe. Die Versicherer bekämen es erst recht. Ihr Hauptgeschäft ist die langfristige Geldanlage in verhältnismäßig sichere Papiere wie Anleihen. Das aber hätte sich bei Minuszinsen ebenfalls erledigt und würfe keine Erträge mehr ab. Wie Versicherer und Pensionskassen dann die enormen Summen vermehren sollen, die Vorsorgesparer bei ihnen einzahlen, bleibt das große Geheimnis des IWF. Die Altersvorsorge jedenfalls lohnte sich dann mit den beliebtesten Produkten der Deutschen nicht mehr. Bisher rangieren Tagesgeldkonten und Sparbücher noch immer auf den ersten beiden Plätzen – was sie aber sicher nicht mehr tun würden, wenn man dafür regelrecht bezahlen müsste. Zurzeit stecken rund 40 Prozent des Geldvermögens privater Haushalte in solchen Sicht- und Spareinlagen. Nur knapp dahinter liegen die Lebens- wie Rentenversicherungen, in denen 37 Prozent des Geldvermögens stecken. Deren Neuabschlussquoten und die Bestandszahlen der Branche sinken nicht umsonst seit Beginn der Nullzinsphase von Jahr zu Jahr. Kann es sich eine hiesige Notenbank also leisten, knapp 80 Prozent des bundesdeutschen Altersvermögens aufs Spiel zu setzen für so ein Experiment?

Sparquote konstant bei zehn Prozent

Bleibt noch die Frage: Wohin flösse das Geld der Sparer stattdessen, wenn die Negativzinsen und Bargeldabgaben kämen? Gäben sie es wirklich komplett aus, aus Angst vor der großen Entwertung und konsumierten dann, dass die Wirtschaft brummt? Das wäre gelinde gesagt nicht nur ziemlich dumm, sondern auch sehr unerwartbar. Selbst in großen Krisenzeiten haben die Bundesbürger an ihrer Sparquote von rund 10 Prozent festgehalten. In den 90er-Jahren lag die Quote sogar noch bei 12 Prozent, seitdem hält sie sich ziemlich stabil bei 10 Prozent. Auf eine ähnlich hohe Sparquote kommen auch die Holländer laut OECD-Daten, US-Amerikaner und Norweger sparen zwar „nur“ rund 7 Prozent ihres verfügbaren Geldes. Doch Luxemburger, Schweden und Schweizer legen sogar 15 bis 18 Prozent zurück. Schweizer übrigens sparen derart viel, obwohl bei ihnen der Negativzins schon gilt. In den meisten entwickelten Ländern liegt die Sparquote jedenfalls um zirka 10 Prozent.

Wer viel weniger zurücklegt, tut das meist nicht als Reaktion auf Zinssätze, sondern weil er zu wenig hat, um viel anzusparen. Davon zeugt die rapide auf 2,5 Prozent gesunkene Sparquote im krisengebeutelten Italien, das vormals eine ähnlich hohe Quote hatte wie Deutschland. Oder die Negativsparquote in Griechenland, dort verschulden sich die Bürger zurzeit mehrheitlich. Die Kanadier sparen ebenfalls nur knapp vier Prozent, was aber eher daran liegt, dass ihre gesetzliche Altersabsicherung bereits recht gut ist und sie deshalb gar nicht so viel zurücklegen müssen. Japaner sparen auch nur noch 2,5 Prozent seit bei ihnen eine Rezession ausgebrochen ist. In wirtschaftlich schlechten Zeiten also geben die Bürger gerade nicht das Geld mit vollen Händen aus, weil sie Angst um ihre Arbeit und ihr Einkommen haben. Und bei Negativzinsen dann zusätzlich um ihre Altersvorsorge. Vielmehr sparen und konsumieren sie in dieser Lage dann weniger.

Was niedrigere Sparquoten auf lange Sicht bedeuten, ist zudem klar: Wer jetzt weniger zurücklegt, hat in ein paar Jahren weniger Geld für größere Anschaffungen oder größere Reisen. Und im Alter hat er dann so wenig Geld, dass er sich auch keine großen Sprünge mehr leisten kann. So schmälert das Nichtsparen von heute gleichzeitig den Konsum von morgen. Das kann ebenfalls kein Ziel einer langfristig orientierten Notenbankpolitik sein. Auch hierzulande spart übrigens laut repräsentativer GfK-Umfrage selbst in der derzeitigen Markthochphase bloß jeder Zweite. Mehr als ein Viertel dagegen sagt: Ich habe gar keine Ersparnisse und auch nicht genügend Geld, um welche aufzubauen. Ob man solchen Menschen hilft, indem man die Zinsen zugunsten des Konsums komplett abschafft?