GeldanlageGrüne Staatsanleihen - ein Ausweg aus der Zinsfalle

Symbolbild nachhaltige Geldanlage
Symbolbild nachhaltige GeldanlagePixabay

Manche Fragen tauchen zuverlässig jedes Mal wieder auf, wenn die Wirtschaft beginnt zu schwächeln. Und zwar genauso regelmäßig, wie die Konjunktur schwankt und sich die Stimmung eintrübt, so wie jetzt: Müsste Staat jetzt nicht gegensteuern? Könnte er durch gezielte Investitionen nicht verhindern, dass das Wachstum erlahmt? Schließlich sind die Aussichten merklich schlechter als noch vor ein paar Monaten. Die Industrie als Wachstumstreiber verliere an Elan, sagen Statistiker, die Auftragseingänge gingen bereits zurück. Zudem behindern noch immer die weltweiten Handelsstreitigkeiten den Warenaustausch. Und vom Brexit wollen wir an dieser Stelle gar nicht reden. Deshalb haben diverse Ökonomen inzwischen ihre Prognosen für das laufende Jahr nach unten korrigiert, sowohl was das globale Wachstum betrifft als auch jenes in Deutschland und Europa. Neben dem Weltwirtschaftsforum gehen auch die OECD, die EZB, jetzt noch die deutschen Wirtschaftsforschungsinstitute DIW und Ifo von weniger Wachstum aus. Also was ist mit dem Staat, … steuert der nun dagegen?

Die Frage resultiert zunächst einmal aus der Angst davor, dass die Paarung aus niedrigen Zinsen und niedrigen Wachstum zu einem dauerhaften Hemmnis werden wird. Für die Wirtschaft in der Eurozone vor allem, der es damit bald so gehen könnte wie Japan. Dort befand sich die Wirtschaft wegen dauerhafter Niedrigzinsen und Miniwachstums in einer mehrjährigen Lethargiephase – in der Deflation. Niedrige Preise, keine steigenden Löhne, wenig Lust auf Konsum – könnte das auch in Deutschland drohen, wenn es nun wirklich zum Konjunktureinbruch käme? Denn woher soll der rettende Aufschwung dann kommen, wenn die Zentralbanken nicht mehr durch das Absenken der Zinsen für einen neuen Höhenflug bei Ausgaben und Investitionen sorgen können? Wenn es ihnen also nicht gelingt, der Wirtschaft in schweren Zeiten doch noch einen Schub zu verpassen.

Lieber Grün sehen als Rot

Für einige Marktbeobachter ist in dieser Situation klar: Nur der Staat kann es dann richten. Nur er könnte dann noch für Dynamik sorgen und zwar durch ein klassisches staatliches Ausgabenprogramm, Keynesianer kennen das – und fordern es seit Jahrzehnten. Und wann, wenn nicht jetzt, sei schließlich die beste Gelegenheit für einen Staat, sich zu verschulden. Angesichts der Nullzinsen zahlen Staaten ja nicht einmal mehr Zinsen, wenn sie Geld von der Bevölkerung und Investoren aufnehmen. Deutschland zahlte für seine letzte Staatsanleihentranche gerade einmal 0,12 Prozent Zinsen. Die Wirtschaft kann von solchen Kreditsätzen nur träumen. Für klassische Unternehmenskredite bei der Bank müssen Firmen eher 2 bis 3 Prozent Zinsen zahlen, für Unternehmensanleihen sind sechs bis neun Prozent fällig, Kapital von Investoren können sie sich meist nur für Zinsen ab acht Prozent bis 15 Prozent beschaffen. Aus eigener Kraft zu wachsen ist für Firmen zurzeit teuer. Der Staat könnte es viel günstiger richten.

Er profitiert zudem enorm von der Nullzinsphase. Schließlich erspart sie ihm enorme Ausgaben zur Schuldentilgung. Genau deswegen aber treibt die Idee von den höheren Staatsausgaben den Kritikern die Schweißperlen auf die Stirn: Würde Deutschland als Wirtschaftsmotor Europas seine Strategie der schwarzen Null aufgeben und wieder tief in die roten Zahlen rutschen, wäre das für Länder wie Italien, Spanien oder Portugal doch erst recht ein Zeichen, es mit der Haushaltsdisziplin lockerer zu nehmen – und sich noch mehr in die tiefroten Bereiche zu manövrieren, als sie es ohnehin schon getan haben. Einfach nur mehr Geld auszugeben, kann daher kaum die Lösung sein. Aber es gäbe noch eine andere, sagen große Vermögensverwalter jetzt.

Wie nämlich wäre es, wenn die Staaten nicht rote Zahlen produzieren würden, sondern grüne? Indem sie neues Geld aufnehmen, um damit gezielt umweltfreundliche, nachhaltige oder zukunftsweisende Projekte zu fördern? „Green Bonds“ ist das Stichwort dafür, also „grüne Staatsanleihen“. Etliche Unternehmen und einige wenige Länder machen bereits vor, dass es funktioniert: Frankreich zum Beispiel hat die ersten Staatsanleihen aufgelegt. Und sah sich dabei einer so großen Nachfrage gegenüber, dass die Anleihen mehrfach überzeichnet waren. Insgesamt haben die Franzosen 16,5 Mrd. Euro am Markt platziert. Belgien hat 4,5 Mrd. Euro für grüne Projekte eingesammelt, Polen über zwei Milliarden. Auch die Niederlande wollen in diesem Jahr in die Emission von Grünanleihen einsteigen. Selbst die Bundesregierung prüft zurzeit, ob sie künftig auslaufende Bundesanleihen durch ökologische Exemplare ersetzen kann. Die bundeseigene Förderbank KfW ist bereits ins Geschäft eingestiegen und zählt mit einem Volumen von knapp 13 Mrd. Euro bereits zu den weltgrößten Emittenten.

Das Interesse bei den Investoren ist groß

Die grünen Staatspapiere sprießen inzwischen an vielen Ecken aus der Erde. Insgesamt hat der Markt weltweit schon ein Volumen von rund 200 Mrd. Dollar erreicht, so schätzen große Vermögensverwalter und Ratingagenturen. Und er wächst weiter. Damit machen die Grünanleihen zwar erst 1,4 Prozent des globalen Anleihenmarkts aus, aber es gibt noch reichlich Potenzial für Wachstum. Denn das Interesse von Investoren am grünen Bereich ist immens: Mehrfach überzeichnet waren bisher die meisten Tranchen, die auf den Markt gebracht wurden – sei es nun von staatlichen Herausgebern oder auch von Unternehmen. Selbst ein Land wie Polen hätte sich dreimal so viel Kapital für grüne Projekte beschaffen können, als es letztlich unter die Anleger brachte. Was die Anleger daran reizt? Sie bekommen für solche Papiere ähnliche Renditen wie für konventionelle Anleihen, in Polen verspricht der Kupon bei zehn Jahren Laufzeit ein Prozent Zinsen, für 30 Jahre 2 Prozent – und dazu bekommen die Investoren noch ein gutes Gefühl.

Denn mit dem Geld finanzieren die Staaten – und mittlerweile auch einige findige Kommunen – zum Beispiel energieeffiziente Gebäude, umweltfreundliche Energiegewinnung, Glasfasernetze für bessere Kommunikationsinfrastruktur, Aufforstungsprojekte oder Photovoltaik. Die Stadt Göteborg platzierte ebenfalls eine solche Anleihe und das Geld fließt nun in Biogasanlagen für die Stadt, in Wasserfilter und in den Aufbau einer Elektroautoflotte für die Stadtverwaltung. Paris investierte auf dem Weg in Elektroauto-Ladestationen und in energiesparende Straßenbeleuchtung. Es sind also zumeist ökologische Projekte, die auf diesem Wege angeschoben werden.

Green Bonds sollen den ökologischen Wandel unterstützen

Das unterscheidet die Green Bonds von herkömmlichen Nachhaltigkeitsanleihen, bei denen sich Wirtschaftsunternehmen lediglich Geld leihen, um „ethischer“ als andere zu wirtschaften, wobei das Geld aber auch in ganz normale Projekte fließen kann. Das ist das klassische Problem des Best-in-Class-Ansatzes, den viele Anleger bereits von nachhaltigen Anlagefonds kennen: Wenn ein Ölförderunternehmen auf die Bohrung in der Antarktis verzichtet – anders als die Konkurrenz – dann gilt er damit schon als ethischer Wettbewerber, selbst wenn er mit dem Geld anschließend weiter herkömmliche Bohrlöcher anzapft oder Schiefergas aus dem Boden befördert. Bei den Green Bonds aber soll das Geld tatsächlich den ökologischen Wandel unterstützen. Das ist ähnlich wie der Ansatz der Öko- und Gemeinschaftsbanken, die Kredite einsammeln, um damit bessere Landwirtschaft, soziale Unternehmen oder Schul- und Seniorenprojekte zu finanzieren.

Natürlich hängt der Erfolg des Markts davon ab, wie konsequent und verantwortungsbewusst die Beteiligten tatsächlich gute Projekte anschieben. Bisher haben die Green Bonds noch ein Zertifizierungsproblem, der Begriff ist nicht geschützt. Man muss den Aussagen der Emittenten daher weitgehend vertrauen – denn mehr als freiwillige Selbstverpflichtungen existieren bislang nicht. Werden die Papiere von Staaten lanciert, bietet das immerhin eine gewisse Form von öffentlicher Kontrolle. Die Anleger halten zudem relativ ausfallsichere Papiere, zumindest wenn der Schuldner ein Triple-A-Staat ist wie die Niederlande, die Bundesrepublik oder die KfW. Das schlagende Argument, warum es diese Anleihen aber häufiger geben sollte, ist ohne Zweifel dieses: Mit den Grünanleihen schieben Regierungen gezielt neue Branchen an, die noch großes Wachstumspotenzial entfalten dürften – und vor allem auch einen Technologiewandel in Richtung Nachhaltigkeit beschleunigen könnten. Und sie könnten nebenbei wenigstens das Klima retten – wenn sie sich schon bei der Wirtschaft schwer tun.