GeldanlageWie Sie ein besserer Anleger werden

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Lektion 04: Hören Sie nicht auf Börsenweisheiten

Mit Börsentipps, die schön klingen oder jeden Anleger bei seiner Intuition packen, sind schon einige Leute reich geworden – allerdings häufiger im Buchhandel als auf dem Parkett. Denn die meisten Regeln für die Finanzmärkte sind einfach Quatsch, und die Intuition, aus der sich solche Regeln ableiten, spielt einem einen ­bösen Streich.

So kann es zwar eine gute Idee sein, sich in einer Shoppingmall umzusehen und Aktien von Unternehmen zu kaufen, deren Läden besonders voll sind. Auch machen solche Experimente durchaus Spaß, aber nur solange sie genau das bleiben: ein kleines Experiment, oder wie der Profi sagt, eine Beimischung im Depot.

Ansonsten aber ist die Intuition ein ziemlich schlechter Ratgeber bei der Geldanlage. Was auch daran liegen kann, dass Anlegern in den vergangenen Jahrzehnten bestimmte Theorien von Kapitalmarktstrategen (und Beratern) so intensiv und unwidersprochen einmassiert wurden, dass sie sie ganz automatisch für richtig halten – obwohl sie einer sauberen Prüfung nicht standhalten. Aber Menschen kaufen nun mal gerne „Geschichten“, und nicht nur Wertpapiere.

Das gilt beispielsweise für die aktuell wieder herumgereichte Theorie „Sell in May and go away“ – weil die traditionell starken Börsenmonate eher im Winter liegen.

Es ist ein typisches Beispiel für das häufige Spiel mit Betrachtungszeiträumen: Seit Ende der 80er-Jahre hat die Strategie, den Dax im Mai zu verkaufen und im September wieder einzusteigen, deutliche Überrenditen geliefert. Verlängert man aber die Betrachtung auf die Zeit ab 1970, verschwindet der Effekt vollkommen: Sowohl der klassische Dax als auch der Dax, der nur zwischen September und Mai investiert ist, haben im Schnitt 9,8 Prozent pro Jahr gemacht. Aber der „Markttimer“, der auf Saisonalität setzt, hätte zusätzlich 49 Käufe und Verkäufe bezahlen müssen.

Der Realitätscheck für Floskeln

Eine Gruppe von Forschern, die sich seit 20 Jahren zum Ziel gesetzt hat, die typischen Kapitalmarkttheorien auf Herz und Nieren zu prüfen, sind die Experten hinter dem „Credit ­Suisse Global Investment Returns Yearbook“. Seine jährliche Lektüre – die Untersuchungen basieren auf Daten der letzten 120 Jahre – ist eine vorzügliche Weiterbildung für jeden Anleger und Berater, die hilft, in die richtige Anlegergruppe „aufzurücken“.

Capital hat die wichtigsten Theorien zusammengestellt, die die Forscher in den vergangenen Jahren verifiziert haben, obwohl sie der Intuition und beliebten „Vertriebsgeschichten“ widersprechen.

  • Einfluss der Konjunktur: Es gibt keinen Zusammenhang zwischen dem erwarteten Wirtschaftswachstum für ein Land oder eine Region und den Aktienrenditen dort in den Folgejahren. Sein Geld also nach China oder in aufstrebende Schwellenländer zu verschieben, weil Ökonomen diesen Ländern besonders hohe Wachstumsraten zubilligen, ist keine gute Strategie – mutmaßlich, weil diese Erwartungen längst eingepreist sind. Eine viel lukrativere Strategie, wenngleich zur Nachahmung nur für Hartgesottene empfohlen: die Länder zu kaufen, die in der jüngeren Vergangenheit am schwächsten gewachsen sind.
  • Aktien und Inflation: Unternehmenspapiere haben den Ruf des eingebauten Inflationsschutzes. Daran stimmt, dass in der Vergangenheit Aktienvermögen nicht völlig ausradiert wurden, wenn die Inflation kam. Dennoch büßten Anleger real 90 und mehr Prozent ihres Vermögens ein – mussten also einen extremen Test ihrer Disziplin erdulden. Die höchsten Renditen erzielten Aktien weltweit in Jahren mit niedrigerer Inflation (real gut elf Prozent pro Jahr), während sie in den am stärksten inflationären Jahren real bis zu 12 Prozent einbüßten. Das gilt paradoxer­weise auch für Gold – es bringt Nullrenditen bei hoher Inflation, aber die höchsten Realrenditen in Phasen mit extrem niedriger Inflation.
  • Immobilien versus Aktien: Die Rendite von Immobilien ist näherungsweise maximal 1,3 Prozent pro Jahr, verglichen mit real 5,4 Prozent pro Jahr von Aktien. Auch dies ist ein eher kontraintuitiver Befund, der zudem einigen jüngeren Studien widerspricht. Gleichwohl rechnen die Forscher vor, dass Anleger die Ausgaben für Wartung und Instandhaltung von Immobilien regelmäßig übersehen. Hinzu kommt das sogenannte Supercity-Bias, also die Neigung, die starken Preisanstiege in den Metropolen mit dem allgemeinen Preisanstieg gleichzusetzen.
  • Negativzinsen sind gar nicht so selten: War früher alles besser beim Zins? Nein, in einem Drittel aller Jahre lag in den 19 wichtigsten Ländern der Welt seit dem Jahr 1900 die Teuerungsrate über dem sicheren Sparzins – übrigens in Deutschland auch über weite Strecken der 70er- und 80er-Jahre.
  • Hohe Zinsen und Aktienrenditen: Sorgen sich nicht alle vor der Zinswende, die die Preise von anderen Anlagen kollabieren lassen könnte? Zwar geben Forscher zu, dass die Zinsanstiege an sich auch für Aktien nicht hilfreich sind. Gleichzeitig ist aber ein Hochzinsumfeld weit besser für Erträge – auch von Aktien – als ein Umfeld extrem niedriger Zinsen. In jenen Jahren seit 1900 mit den niedrigsten Realzinsen weltweit erwirtschaftete man mit Aktien real minus 1,2 Prozent pro Jahr, in jenen mit den höchsten 11,3 Prozent pro Jahr.
  • Schlecht sein lohnt sich: Es fühlt sich nicht gut an, aber genau das sagen die Credit-Suisse-Forscher – dem ganzen Gerede von nachhaltigen Anlagen zum Trotz. Die für Investoren rentabelsten Branchen langfristig waren die Zigaretten- und Alkoholhersteller, ferner haben seit dem Jahr 2000 die korruptesten Länder der Welt den Gesamtmarkt weltweit an der Börse um rund elf Prozent pro Jahr abgehängt.