GeldanlageWie Sie ein besserer Anleger werden

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Lektion 03: Vergessen Sie den richtigen Zeitpunkt

Wenn es einen großen Fehler an der Börse gibt – vielleicht den teuersten überhaupt –, dann ist es der Glaube daran, mit dem „perfekten Zeitpunkt“ die Renditen aufpeppen zu können. Und natürlich nicht nur einmal, sondern, wenn es geklappt hat, immer und immer wieder.

Ökonomen haben zwei Tendenzen identifiziert – sogenannte Bias –, die Anlegern die Arbeit erschweren: das Rückschau-Bias und das Information-Bias. Letzteres lässt uns zu viele Informationen aufsaugen, die uns nur ablenken und für den Anlageerfolg gar nicht relevant sind. Das gilt etwa für kurzfristige Konjunktur- oder Quartalszahlen. Das Rückschau-Bias führt dazu, dass uns Ereignisse wie das Platzen der New-Economy-Blase im Jahr 2000 im Rückblick quasi unvermeidlich erscheinen. All die Warnsignale, die wir ignoriert hatten, erscheinen uns jetzt als glasklar.

Da liegt doch ein Gedanke nahe: Man hätte „Kasse“ machen müssen!

Doch so einfach ist es nicht. Denn wir überschätzen uns permanent selbst und vergessen, welche Nachrichten uns zwar alarmierten, sich aber in der Rückschau als harmlos herausstellten. Erinnern Sie sich noch an die Panik nach dem Brexit-Votum 2016? Oder die Wahl Donald Trumps? Nach kurzen Rückschlägen kletterten die Börsen munter weiter.

Was zu einem sehr praktischen Problem führt: Wer mit Markttiming einmal richtig­lag und rechtzeitig Kasse gemacht hat, wird es wieder versuchen. Was aber, wenn er diesmal falschliegt? Man hat liquidiert, und die Kurse steigen weiter: Wer ist dann so selbstkritisch und steigt (teurer) wieder ein?

In der Praxis sieht es nämlich so aus: Am Aktienmarkt hat man nicht etwa eine 50-Prozent-Chance auf eine positive Rendite. Sondern, gemessen etwa am S&P-500-Index für US-Standardwerte, jederzeit eine 75-prozentige Chance auf ein Gewinnjahr und ein 25-prozentiges Risiko eines Verlustjahres. Auf Sicht von fünf Jahren Haltedauer beträgt die Chance auf eine positive Rendite 88 Prozent, auf Sicht von zehn Jahren 94 Prozent, nach 20 Jahren – gemessen an historischen Renditen – 100 Prozent.

Für Anleger, die versuchen, mit schnellen Käufen und Verkäufen die Rendite zu optimieren, heißt das: Sie müssen teuflisch gut sein, um ein Jahr zu erwischen, in dem Verkaufen und Cash die bessere Alternative ist als Kaufen und Halten. Für alle anderen ist die natürliche (weil erfolgreiche) Perspektive also: ewig.