GeldanlageWie Sie ein besserer Anleger werden

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Lektion 02: Misstrauen Sie Jubelzahlen

Die Deutschen gehen lieber zum Zahnarzt, als ihr Geld anzulegen – das findet der Soziologe Hans-Joachim Karopka völlig normal. „Dass die Beschäftigung mit etwas derart Komplexem nur wenigen Spaß macht, ist doch völlig natürlich. Und wenn ich den Zahnarzt verlasse, habe ich etwas hinter mich gebracht und Ruhe, während es mit der Geldanlage erst losgeht“, sagt Karopka, Geschäftsführer beim Kölner Rheingold-Institut. In Tiefeninterviews erforscht er, was Menschen bewegt.

Aus diesen Gesprächen hat Karopka, den wir 2018 ausführlich für Capital interviewt haben, eine wichtige Erkenntnis gewonnen: Die Deutschen bekommen es regelrecht anerzogen, sich bei der Geldanlage schlecht zu fühlen. Wie sie es anstellen, sie machen es bestimmt falsch.

Das liegt zum einen an der Werbung von Banken und Fondsanbietern, die häufig suggeriert, Menschen ließen zu viel Geld unverzinst herumliegen. Und am Hang des Menschen, sich permanent mit anderen zu vergleichen. Nur reden wir dummerweise gerne über Triumphe wie die früh gekauften Apple-Aktien oder die 2004 erworbene Berliner Eigentumswohnung – aber nur selten von unseren Pleiten.

Dass der Kollege oder Nachbar plötzlich (zumindest zeitweise) mit Aktien am Neuen Markt ein Vermögen verdiente, befeuerte die Aktieneuphorie zwischen den Jahren 1998 und 2000. Unglaubliche fünf Millionen Deutsche wurden in den drei Jahren neue Aktionäre, und fünf Millionen verschwanden wieder zwischen 2001 und 2011. Allein diese Zahlen zeigen, wie prozyklisch und emotional viele Anleger tatsächlich ihr Geld anlegen. Für tiefere Einblicke und noch mehr Belege empfehlen sich die Studien der Bundesbank. Darin bleibt von der Traumwelt, in der jeder Anleger seine sieben, acht Prozent pro Jahr macht, nicht mehr viel übrig.

Was von der Traumrendite bleibt

Ja, mit Aktien sind hohe Renditen möglich. Etwa mit dem Dax sieben Prozent pro Jahr in den letzten 50 Jahren, wie das beliebte „Dax Renditedreieck“ des Deutschen Aktieninstituts besagt. Es handelt sich dabei aber gewissermaßen um eine Mohrrübe, die man Anlegern hinhält – in der Praxis waren solche Zahlen in den letzten Jahrzehnten kaum erreichbar.

Die unvermeidliche Enttäuschung geht damit los, dass im Dax keine individuellen Steuern berücksichtigt werden, die auf Dividenden fällig werden. Es geht damit weiter, dass der Kauf eines ganzen Index über einen ETF dank der Regulierung überhaupt erst seit knapp 20 Jahren möglich ist und Gebühren wie auch die Teuerung außen vor bleiben. Weil aber viele Anleger so in der Praxis mit Aktien auf geringere Renditen kommen, entsteht Frust – und sie verkaufen, obwohl sie eigentlich gar nicht so schlecht unterwegs waren.

Die Bundesbank beschäftigt sich regelmäßig damit, wie viel private Haushalte denn in der Praxis an Portfoliorendite erzielen. Diese Rendite fluktuiert – über alle Finanzanlageformen wie Sparbücher, Versicherungen, Aktien, Fonds – seit nunmehr 20 Jahren zwischen minus zwei und plus vier Prozent pro Jahr. Versicherungen lieferten dabei einen realen Renditebeitrag von im Schnitt zwei Prozent pro Jahr – ungefähr die gleiche Größenordnung, die auch Aktien im vergangenen Jahrzehnt abwarfen, nachdem es in den Jahren vor der Finanzkrise 2007/2008 noch im Schnitt 3,5 Prozent waren.

Die gute Nachricht lautet: Wie man es auch dreht, reale Renditen von zwei bis vier Prozent pro Jahr mit Aktien sind vollkommen in Ordnung und kein Grund für Frust.