GeldanlageWie Sie ein besserer Anleger werden

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Lektion 01: Wir sind wie wir sind

Der natürliche Gemütszustand eines Fußballfans, erklärte der britische Schriftsteller Nick Hornby einst, sei bittere Enttäuschung. Und zwar unabhängig vom Spielstand. So ähnlich ergeht es auch Anlegern – und sogar Menschen, die zwar noch gar kein Geld angelegt haben, aber sich zumindest mit dem Gedanken tragen.

Letztere plagt oft das schlechte Gewissen, ihr Vermögen nicht rentabler anzulegen. Und Erstere hadern mit dem Ergebnis ihres Depots, mit krassen Fehlkäufen oder mit verpassten Chancen („Warum bin ich nicht bei 4000 Punkten in den Dax eingestiegen?“, oder auch gerade ganz verbreitet: „Hätten wir doch vor fünf Jahren eine Wohnung in Berlin gekauft!“).

Während also die einen abwarten und die anderen träumen, sieht die Realität so aus: Die beliebteste Form der Geldanlage in Deutschland sind Steine und Beton, rund 7500 Mrd. Euro an Vermögen stecken in Immobilien. Weitere 2500 Mrd. Euro liegen herum auf Einlagenkonten, nur 1200 Mrd. Euro sind in Aktien und Fonds investiert. Von den knapp 2300 Mrd. Euro in Versicherungen stecken auch nicht mal fünf Prozent in Aktien. Natürlich ginge das besser. Denn so fließt heute mehr als die Hälfte aller Dax-Dividenden von knapp 37 Mrd. Euro pro Jahr an ausländische Investoren.

Wieso ist das so? Diese Frage ist nicht so leicht zu beantworten, aber nach Ansicht von Psychologen und Soziologen sind wir alle quasi Gefangene unserer Erfahrungen, individueller und kollektiver. So wird unser Umgang mit Geld zuallererst in der Familie geprägt – Kinder, deren Eltern schon einen Teil des Vermögens in Aktien investieren, werden demnach einen stärkeren Hang zu Wertpapieren haben. Da in Deutschland aber eben nur wenige Aktien besitzen, bleibt diese Geldanlage unpopulär.

Das Neue-Markt-Fiasko wirkt nach

Darüber hinaus war Aktienbesitz über sehr lange Zeit in Deutschland stigmatisiert. Die Politik förderte vermeintlich „sichere“ Bankeinlagen und Staatsanleihen – aus gutem Grund, immerhin musste man zwei Aufrüstungen, zwei Weltkriege und einen Wiederaufbau finanzieren. Im Gegenzug baute der Staat ein Sozialsystem auf, in dem es vordergründig gar keinen Grund gab, separat Vermögen aufzubauen. Auch den Kirchen war es suspekt, ihr Geld mit dem Schweiß anderer Leute zu verdienen. Und noch vor 25 Jahren gab es für kaum jemanden Einlass in die Wertpapierberatung einer Bank, der nur 10.000 Mark mitbrachte.

Die Stimmung drehte sich schließlich erst, als in der zweiten Hälfte der 90er-Jahre die Aktienmärkte weltweit schon ein sehr hohes Niveau erreicht hatten. Allein der Dax hatte sich zwischen 1982 und 1997 (der Gründung des Neuen Markts) mehr als verfünffacht. Die kurze und heftige Euphorie sowie der anschließende Absturz hinterließen jedoch massenhaft traumatisierte deutsche Anleger. Die Lücke in der Altersstruktur der Aktionäre in Deutschland, die das New-Economy-Fiasko riss, ist bis heute sichtbar: Unter den 55- bis 64-Jährigen – also jenen, die zum damaligen Zeitpunkt auf dem Höhepunkt ihres Berufslebens standen – besitzen nur zehn Prozent Aktien. Bei den 45- bis 54-Jährigen – die damals noch zu jung waren, sich die Finger zu verbrennen – sind es 16 Prozent und selbst bei allen älteren (und erfahreneren) Anlegern deutlich mehr.

Spätestens seit der Finanzkrise 2008 gelten die Märkte für viele als unkontrollierbare Daddelhallen – mit den Großbanken als Croupiers. So hat selbst der beste und vertrauenswürdigste Berater einen schweren Stand, kapitalmarktnahe Produkte zu verkaufen.