GeldanlageLehren aus dem Quant-Beben

Es war ein typischer New Yorker Sommertag; ein Tag, an dem das Betreten der perfekt klimatisierten Büros von Goldman Sachs in Downtown Manhattan eine kühlende Erleichterung von der Schwüle draußen ist. Aber für Gary Chropuvka sollte es einer der schlechtesten Tage seines Lebens werden

Chropuvka arbeitete für Goldmans Geldverwaltungsarm, genauer: in der Abteilung für quantitative Handelsstrategien, kurz: QIS. Diese Abteilung besteht aus Mathematikern, Computerwissenschaftlern und Physikern. Selbst innerhalb von Goldman Sachs galten diese „Quants“ als intellektuelle Superstars. Ihre Fähigkeiten, die Signale der Finanzmärkte zu decodieren, führten dazu, dass sie in der Spitze 165 Mrd. Dollar verwalteten – mehr als jeder andere Hedgefonds.

Aber am 6. August 2007 brach alles zusammen. Mit der Eröffnung des US-Handels produzierten die zuvor erfolgreich automatisierten Investmentalgorithmen der Quant-Superstars plötzlich Verluste, die in beängstigendem Tempo immer weiter anstiegen.

Was später als das „Quant-Beben“ bekannt wurde, spielte in der Wahrnehmung kaum noch eine Rolle. Rasch wurde es überschattet von der globalen Finanzkrise. Aber es schockierte eine ganze Generation von Finanzwissenschaftlern an der Wall Street. Selbst der Hedgefonds Renaissance Capital des legendären Kalte-Krieg-Entschlüsselers James Simons erlitt schmerzhafte Verluste, welche unter dem Strich beinahe Goldman Sachs‘ Quant-Abteilung vernichteten.

„Diese ganzen Dinge haben akademisch wunderbar funktioniert, und sie haben sich auch in der Praxis bewiesen, und dann gab es plötzlich diesen Horror-Moment“, sagt Chropuvka. „Es war eine der demütigendsten Erfahrungen unseres Lebens.“

Goldman Sachs‘ Quant-Abteilung Symbol des Comebacks

Fast ein Jahrzehnt später ist quantitatives Investieren erneut der heißeste Trend am Finanzmarkt. Computerbasierte Hedgefonds verzeichneten gerade das achte Jahr in Folge Nettomittelzuflüsse und haben ihr Vermögen seit 2009 auf nunmehr 918 Mrd. Dollar verdoppelt, wie Hedge Fund Research herausgefunden hat. Selbst diese Zahlen sind konservativ gerechnet, da viele traditionelle Hedgefonds und Vermögensverwalter quantitative Strategien in ihre Herangehensweise integrieren und nicht in diese Berechnung eingehen.

Die Quant-Abteilung von Goldman Sachs ist ein Symbol dieses Comebacks. 2011 setzte Goldman sein Computergenie Armen Avanessians an die Spitze der Abteilung. Er trug zur Wende der Sparte bei. Nach einem zwischenzeitlichen Tief von 38 Mrd. Dollar verwaltetem Vermögen beträgt dieses nun wieder 92 Mrd. Dollar – was immer noch weniger ist als das Vorkrisenhoch.

„Das erste, was ich tat, war, zu unseren größten Kunden zu fliegen und mich zu entschuldigen“, sagt er. „Alle schlechten Dinge enthalten das Überstrapazieren von Investmentideen und kreditbasierte Spekulation, die Quant-Krise war hier nicht anders. Aber die Kernidee, dass es Computer viel besser als Menschen können, war richtig. Ich habe das Gefühl, dass wir erst im frühen Stadium einer Quant-Revolution sind, und das finde ich aufregend“.

Das explosionsartige Wachstum von Algo-Trading – ob durch Hochfrequenzhändler, neue ETFs oder Hedgefonds mit künstlicher Intelligenz – hat die Märkte verändert. Manche Analysten haben die Sorge, dass eine weitere Schmelze im Stile des Jahres 2007 droht – und dass sie schlimmer ausfällt als damals, weil die Strategien regelrecht mutiert sind.

„Das ist meine größte Sorge“, sagt Richard Bookstaber, ein ehemaliger Risikomanager von Morgan Stanley und Moore Capital und heutiger Analyst im Büro für US-Staatsanleihen von Financial Research. „Was derzeit passiert, ist nicht nur das Wachstum der Hedgefonds wie vor der Krise. Es ist ein systemweiter Trend in der Investmentwelt. 2007 war es ein lokales Ereignis, weil niemand sonst diese Strategien verfolgt hat. Nun tut es jeder.“