Aktien"Börsenstars interessieren sich kaum für Dividenden"

Ulrich W. Hanke
Ulrich W. Hanke

Ulrich W. Hanke ist Kapitalmarktstratege und Herausgeber des Börseninformationsdienstes www.boersianer.info. Der Diplom-Betriebswirt hat jüngst das Buch „Börsenstars und ihre Erfolgsrezepte“ geschrieben.


Herr Hanke, bei vielen Privatanlegern sind dividendenstarke Aktien populär. Viele Strategen nennen Dividenden zudem „den neuen Zins“. Zu Recht?

Nein, ich teile die Begeisterung nicht. Zum einen hinkt der Vergleich von Zinsen und Dividenden gewaltig, denn die künftigen Dividendenzahlungen eines Unternehmens sind per se nicht sicher. Zum anderen glaube ich, dass in Sachen Dividendenrendite viele einem grundsätzlichen Missverständnis unterliegen: Die Dividendenrendite kann nicht nur hoch ausfallen, weil das Unternehmen ausschüttungsstark ist. Sondern eben auch, weil der Kurs deutlich gefallen ist – was ja ein Warnsignal ist.

… aber doch auch ein Indiz für ein Schnäppchen.

Ja, ein Indiz. Aber das merkwürdige ist: Rutscht ein Unternehmen wegen seiner Kursverluste unter seinen Buchwert, würden das viele intuitiv als Warnsignal verstehen, dass etwas nicht stimmt. Das ist zum Beispiel bei vielen Bankwerten seit einer Weile der Fall. Bei Dividendenrenditen ist es umgekehrt, da machen steigende Dividendenrenditen selbst bei katastrophalen Kursentwicklungen eine Aktie vordergründig attraktiver. Auch die meisten Profis halten die Dividende für vernachlässigbar.

Inwiefern?

Ich habe mir für mein Buch „Börsenstars und ihre Erfolgsrezepte“ die Strategien bekannter Geldverwalter wie Warren Buffett, Peter Lynch und Co angesehen. Auffällig: Die Dividende spielt lediglich bei zwei Stars überhaupt eine Rolle, bei Michael O’Higgins, der die „Dogs of the Dow“-Strategie entwickelt hat. Und bei Benjamin Graham, der Wert auf Dividendenkontinuität legte. Die meisten anderen interessieren sich kaum dafür. Das hat gewiss seinen Grund. Warren Buffett etwa zahlt selbst keine Dividende mit seiner Beteiligungsgesellschaft und glaubt auch, dass ein Unternehmen selbst mit einbehaltenen Gewinnen produktiver wachsen kann.

DivDax schlechter als das „Original“

Aber es gibt doch langfristig überzeugende Strategien, nach denen es sich lohnt, auf die dividendenstärksten Aktien eines Index zu setzen.

Richtig. So richtig funktioniert hat das allerdings historisch nur mit dem Dow Jones Index. Hier hat Michael O’Higgins 1991 die „Dogs of the Dow“-Strategie vorgestellt. Demnach schneidet man langfristig überdurchschnittlich ab, wenn man immer in die zehn dividendenstärksten Titel des Index investiert. Aber auch das wird eher missverstanden: O’Higgins war eher auf der Suche nach einem Merkmal, das die Unbeliebtheit eines Werts – „Dogs“ ist im englischen auch ein abwertender Begriff – misst. Das hätte auch eine andere fundamentale Kennziffer sein können. In Deutschland stößt die Strategie aber schon erkennbar auf Grenzen. Seit Einführung 2005 schnitt etwa der Dividendenauswahlindex DivDax, der die 15 dividendenstärksten Aktien des 30 Titel umfassenden Dax abbildet, schlechter ab als das „Original“.

Aber Dividenden können einem Anleger doch auch helfen, eine Anlage diszipliniert durchzuhalten.

Das mag sein. Es ist auch gewiss kein Negativmerkmal, wenn ein Unternehmen seine Aktionäre am Gewinn beteiligt. Aber die Euphorie für das Dividendenthema teile ich nicht. Nehmen wir etwa die Aktie von BASF: Da steigt die Dividende Jahr für Jahr um 10 Cent. Aber die Gewinne schwanken Jahr für Jahr drastisch. Was nützt mir dann der Blick auf die Dividende oder Dividendenrendite, wenn ich nicht noch weitere Informationen wie etwa die Ausschüttungsquote habe? Dann wird es für Anleger rasch unübersichtlich, denn auch den Gewinn kann ein Unternehmen ja über die Bildung oder Auflösung von Rückstellungen manipulieren.

„Anleger haben das Gefühl, auf eine kluge Strategie zu setzen“

Was ist denn eine sinnvolle Kennziffer bei der Aktienauswahl?

Zum Beispiel ganz einfach das Umsatzwachstum, aber auch das tatsächliche Gewinnwachstum. Ich rate generell zur Skepsis, wenn es um Kennziffern geht, die sich auf künftige Schätzungen stützen, etwa das für das kommende Jahr erwartete Kurs-Gewinn-Verhältnis, die erwartete Dividendenrendite. Die beruhen auf unsicheren und eben auch mal zu optimistischen Prognosen.

In Deutschland gibt es rund zwei Dutzend ETFs auf Dividendenstrategien. Sind die generell keine gute Anlage?

Ich denke, dahinter steckt eher ein Marketinggedanke: Anleger haben das Gefühl, auf eine kluge Strategie zu setzen, weil sie etwas vermeintlich günstig kaufen können. Am Ende zahlen sie aber natürlich immer noch Gebühren für Kauf und Verwaltung, selbst wenn diese nicht allzu hoch sind. Wenn jemand wirklich eine Dividendenstrategie verfolgen will, indem er immer die dividendenstärksten Dax- oder Dow-Titel kauft, kann er das auch günstig mit Aktien direkt umsetzen. Allerdings gibt es dennoch eine gute Chance, dass solche Dividenden-ETFs langfristig gut abschneiden, und der liegt paradoxerweise darin, dass klassische ETFs auf den Dax einen derartigen Boom erleben wie aktuell. Denn der Dax ist ein kapitalgewichteter Index, das heißt, gut gelaufene Aktien werden hoch, schlecht gelaufene niedrig gewichtet. Weil in Indexprodukte so viel Geld fließt, stehen die Chancen gut, dass man langfristig besser abschneidet als der Dax selbst, indem man einfach irgendein anderes Kriterium für die Titelauswahl nutzt als die Kapitalgewichtung seiner Mitglieder. Das kann die Dividendenrendite sein, aber auch irgendeine andere Zahl, und sei es die Taktik, alle Werte gleich zu gewichten. Die Chancen stehen gut, damit langfristig den Dax zu schlagen.

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