FondsbesteuerungNeue Regeln für alte Fonds

Anleger müssen sich auf neue steuerliche Regeln für Fonds einstellenGetty Images

Wenn zwei Menschen sich nicht mehr sicher sind, ob sie noch zusammengehören oder ob sie überhaupt noch glücklich miteinander sind, dann heißt es häufig: Es ist kompliziert. So jedenfalls nennen sie dann ihren Beziehungsstatus in sozialen Netzwerken. Und mit diesem Satz ist im Prinzip auch alles gesagt, wenn es um die Beziehung zwischen Fondsanlegern und dem Finanzamt geht – und um die Frage, wie es um die Besteuerung von Fondserträgen steht. Das ist auch kompliziert und seit dem 1. Januar sogar noch ein ganzes Stück mehr als zuvor. Mit Jahresbeginn nämlich ist ein neues Gesetz in Kraft getreten, mit dem es nun die alte Steuerbefreiung nicht mehr gibt, die bisher für Fondsanteile galt, die vor 2009 gekauft wurden. Auch deren Erträge werden nun künftig mit der Abgeltungssteuer belegt, also um rund 28 Prozent geschmälert.

Grob gesagt jedenfalls, denn ganz so einfach ist es natürlich nicht. Bisher hieß es, sämtliche Fondsanteile, die vor 2009 gekauft wurden, könnten irgendwann veräußert werden, ohne dass auf die Erträge Steuern gezahlt werden müssten. Denn die Abgeltungsteuer wurde zum 1. Januar 2009 neu eingeführt und der Finanzminister befand damals, dass er die Steuer nicht sozusagen rückwirkend auf Fondsanteile erheben könne, die zu diesem Zeitpunkt schon im Besitz der Anleger seien. Denn gerade Fonds gelten ja als langfristige Sparanlagen. Das heißt, dass sie viele Jahre von ihren Besitzern gehalten werden – im Vertrauen darauf, dass Rechtssicherheit bei solchen Anlagen besteht – was es heikel macht, die Regeln für Veräußerung und Besteuerung nachträglich und rückwirkend zu ändern. Das ist ähnlich wie bei der Lebens- und Rentenversicherung, da gelten neue Steuergesetze und Höchstrechnungszinsen schließlich auch nur für neu abgeschlossene Verträge und nicht für die bereits laufenden Bestände. Bei der Fondsbesteuerung ändern sich die Regeln nun dennoch.

Das ist einerseits sehr ungünstig. Denn im Vertrauen auf die bisherige Bestandsregel füllten viele Privatanleger noch 2008 ihre Depots auf oder strickten ihre bestehenden Bestände entsprechend um. Viele setzten vermehrt auf Dauerläuferfonds, also auf Anteile, die sich gut zur wirklich langfristigen Anlage eignen würden. Die Devise war klar: Kaufen und Halten – und zwar möglichst ewig. Denn bei jedem vorzeitigen Umschichten würden zwar die Erträge aus dem Verkauf der Altanteile steuerfrei bleiben, spätestens auf die dann neu gekauften Fondspapiere fiele aber der 28-prozentige Abgeltungssteuerabschlag an. Und den könnte man sich sparen, wenn man stattdessen sein Depot so aufstellte, dass es eine möglichst lange Zeit in Marktturbulenzen aushalte. Genau das versuchten nun jene Anleger, die sich damit auch nur zu Herzen nahmen, was Finanzmarktforscher und Verbraucherberater ohnehin laufend empfehlen – und zwar nicht nur damals schon, sondern auch heute noch: Anleger müssen langfristiger denken.

Kaufen und halten

Statt alle paar Jahre wieder auf irgendeinen neuen Markt oder ein neues Super-Trendprodukt zu setzen, sollten sie lieber möglichst lange an aktienbasierten Anlagen festhalten und sich damit den Grundeffekt der Aktienmärkte zunutze machen. Denn die schwanken zwar von Jahr zu Jahr stark, doch über sehr lange Zeiträume kennen sie bisher nur eine Grundrichtung – und zwar die nach oben. Die ist immerhin schon seit über 100 Jahren intakt. Langfristige statistische Auswertungen kommen daher recht übereinstimmend zu dem Ergebnis, dass ein breit aufgestelltes Aktieninvestment – oder eben eine Fondsanlage – zwar auf kurze Sicht enorme Renditen aber auch große Verluste abwerfen kann. Nach spätestens zehn bis zwölf Jahren aber ist die Wahrscheinlichkeit, mit so einem Depot einen Gewinn zu erzielen, überwältigend groß. Deutsche Aktien jedenfalls haben in den vergangenen 50 Jahren auf eine Laufzeit von 15 Jahren noch nie einen Verlust gebracht. Sondern stets Erträge, die zudem für die allermeisten Anlagezeiträume satt einstellig oder sogar zweistellig war – pro Jahr wohlgemerkt. Im Schnitt rechnen Aktienexperten daher mit einer Rendite von sieben bis acht Prozent jährlich für eine breit gestreute Fondsanlage.

Heißt das aber nun, dass Fondsanleger, die schon vor 2009 Anteile im Depot hatten und die bisher gehalten haben, künftig enorme Summen an Steuern abdrücken müssen? Das heißt es nicht. Denn andererseits gelten die neuen Regeln der Fondsbesteuerung zwar seit dem 1. Januar 2018, aber auch nur auf die Erträge, die seit diesem 1. Januar anfallen. Für Fondsanteile in Riester- und Rürup-Policen gelten sie überdies nicht. Und zudem gibt es einen recht hohen Freibetrag.

Das Ganze funktioniert laut Angaben von Fondsgesellschaften und Steuerexperten so: Am 31. Dezember 2017 haben die Depotbanken die bestehenden Fondsanteile in den Depots ausgebucht – so als wären sie verkauft worden – und die daraus anfallenden Erträge erfasst und steuerfrei gestellt. Dann haben sie die jeweiligen Fondsanteile zum Kurs vom 31. Dezember sofort neu gekauft und auch zu diesem Kurswert wieder eingebucht. Die Besitzer haben das also gar nicht gemerkt. Werden die Fonds nun in der Zukunft irgendwann veräußert, dann gilt als Ertrag die Differenz zwischen dem Kurswert vom 31. Dezember und dem künftigen Kurs. Von diesem Ertrag werden noch die (fiktiven) Anschaffungskosten vom 31. Dezember abgezogen und was übrig bleibt, gilt als derjenige Gewinn, auf den der Anleger die Abgeltungssteuer abführen muss. Allerdings greift hier erst einmal ein üppiger Freibetrag.

100.000-Euro-Freibetrag bei der Fondsbesteuerung

Ganz egal nämlich, wie hoch die Gewinne aus den verkauften Fondsanteilen dann sind: 100.000 Euro des Ertrages bleiben zunächst steuerfrei. Das heißt: Hat jemand für 50.000 Euro Anteile gekauft, die heute 200.000 Euro wert sind, dann hat er am 31. Dezember bereits 150.000 Euro sozusagen steuerfrei eingestrichen. Wenn er die Anteile nun künftig für 300.000 Euro verkauft, dann bleibt auch das steuerfrei. Erst wenn der Ertrag noch höher ausfällt, fiele die Abgeltungssteuer an, sagen Steuerexperten der Fondsgesellschaften.

Die Abgeltungssteuer wird zunächst automatisch ans Finanzamt abgeführt, auch wenn der Fondsertrag den 100.000-Euro-Freibetrag nicht übersteigt. Später wird sie dem Anleger dann über die Einkommensteuererklärung erstattet. Der Freibetrag sei für jeden Altfondsbesitzer sozusagen beim Finanzamt hinterlegt, und er gelte auch ohne zeitliche Befristung. Es sei also egal, ob ein Altfondsbesitzer seine Anteile im nächsten Jahr verkaufe oder erst in 20 oder 30 Jahren. Und der Freibetrag gelte auch, wenn die Anteile vererbt oder verschenkt würden, dann gehe er auf den Neubesitzer der Altpapiere über. So zumindest will es der Gesetzgeber jetzt. Wer weiß allerdings, was er sich bis 2030 oder 2040 wieder Neues überlegt. In diesem Fall kann man nur hoffen, dass er bei der jetzigen Regelung bleibt.

Zudem können sich Anleger quasi bei sich selbst bedanken, wenn sie angesichts der Neuregelung zwar mit dem Gedanken spielten, ihre alten Fondsanteile nun noch schnell vor dem 31. Dezember abzustoßen, um die bereits angefallenen Erträge auf jeden Fall noch steuerfrei einzuheimsen – aber das Vorhaben in 2017 dann doch nicht in die Tat umsetzen. Aus welchem Grund auch immer. Es soll ja immer Zögerer geben, oder Aufschieber oder chronisch Überforderte, die von solchen Gesetzesänderungen vorab erfahren, aber es dann doch nicht schaffen, ihre eigenen Finanzen daran anzupassen. In diesem Fall ist das ein großer Vorteil, denn: Die 100.000-Euro Freibetrag gelten nur für jene, die ihre Bestände auch tatsächlich über den 31.Dezember 2017 hinweg gehalten haben.

Wer vorher vorschnell seine Altfonds verkauft und gegen neue Papiere eingetauscht hat, kann die angefallenen Gewinne zwar ebenfalls steuerfrei einstecken (wenn sich das dann bereits lohnt, je nachdem wann er die Papiere zuvor gekauft hatte), aber später nicht mehr auf den Freibetrag pochen. Dann ist auf jeden Fall die Abgeltungssteuer fällig. In diesem Fall könnte es sich als Vorteil entpuppen, wenn sich Anleger zuletzt nicht sicher waren, ob sie mit ihren alten Fonds noch glücklich sind, aber wenn sie sich lediglich sagten: Es ist kompliziert. Aber wir halten erst einmal an dieser Verbindung fest.