Start-upsFintechs drängen in die Mittelstandsfinanzierung

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DIE FINTECHS KOMMEN

Beim Stahlhändler Brunzel geht es um kleinere Dimensionen, auf seinen Rechnungen stehen vier- oder fünfstellige Beträge. Für die großen Forderungskäufer sind das zu kleine Volumina bei gleichbleibend aufwendigen Antrags- und Prüfungsprozessen: Lohnt nicht. Unter gewissen Umsatzschwellen haben KMUs bei den Etablierten im Factoringmarkt keine Chance. „Bei kleineren Firmen ist noch viel Luft“, bestätigt Hartmann-Wendels.

Schwerfällige Platzhirsche und ein potenzieller Milliardenmarkt: Klingt nach einem klassischen Fintechszenario. Und so nehmen junge Angreifer sich
auch diesen Markt vor. Sie setzen auf schlankere, digitale Abläufe und wollen so den Factoringmarkt für KMUs öffnen. Start-ups wie Pagido, Innolend oder Fundflow sind in den letzten Monaten an den Start gegangen.
Wie attraktiv das Thema ist, zeigt auch, dass einige Veteranen der Szene eingestiegen sind: Kreditech-Gründer Sebastian Diemer zum Beispiel wendet sich mit Finiata an Kleinunternehmen und Selbstständige.

Und dann sind da Matthias Knecht und Christian Grobe, zwei ehemalige McKinsey-Berater, die 2014 für Rocket Internet die Onlinekreditplattform Zencap hochzogen und ein Jahr später an den britischen Konkurrenten Funding Circle verkauften. Vergangenes Jahr fingen die zwei noch einmal von vorn an: Ihr Start-up heißt Billie, hat inzwischen 3,5 Mio. Euro von Investoren eingesammelt und belegt mit 17 Mitarbeitern die 14. Etage des Rocket-Towers in Berlin-Kreuzberg.

„Das Thema ist total reif für den Mittelstand“, verkündet Grobe. „Der deutsche Factoringmarkt ist im KMU-Bereich unterentwickelt.“ Billie will Unternehmen erreichen, die weniger als 10 Mio. Euro Umsatz machen, den kleinen, inhabergeführten Logistiker oder Maschinenschlosser, aber auch die hippe Werbeagentur in Berlin. Die meisten Rechnungen, die Billie vorfinanziert, liegen zwischen 10 000 und 15 000 Euro. Auch Brunzel, der Stahlhändler, setzt inzwischen auf die Berliner.

ANTRAGSZEIT SIEBEN MINUTEN

Was macht Billie anders? Der wichtigste Unterschied, sagt Grobe, ist der Prozess. Bei einem großen Anbieter kann das Antragsverfahren schon einmal mehrere Wochen verschlingen. Billie verspricht: Bei uns dauert es maximal sieben Minuten. Natürlich läuft alles online, so kann das Portal im Hintergrund über Datenbanken checken, wie es mit Umsatz und Bonität aussieht, und in kürzester Zeit signalisieren: Mit diesem Kandidaten lohnt sich Factoring – und mit diesem lohnt es sich nicht. Denn das gehört auch zum Modell: 70 bis 80 Prozent der Antragsteller lehnt Billie derzeit ab.

Das liegt auch an der Factoringvariante, die das Start-up im Moment anbietet: Bei Billie können Unternehmer einzelne Rechnungen vorfinanzieren lassen – das erlauben die großen Anbieter normalerweise nicht. Sie bestehen darauf, dass innerhalb bestimmter vereinbarter Grenzen jede Rechnung „gefactort“ wird, um zu verhindern, dass ein Unternehmen nur die Rechnungen von Kunden mit potenziell schlechter Zahlungsmoral beim Factor ablädt und die „guten“ Forderungen behält.

Eine weitere Besonderheit bei Billie: Das Start-up übernimmt bislang nicht das Risiko des Forderungsausfalls. Ist eine Rechnung zwei Wochen nach Zahlungsziel nicht beglichen, muss der Unternehmer Billie das Geld zurückzahlen. Das soll sich aber ändern: In Zukunft will Billie sein Angebot um die Absicherung des Ausfallrisikos und auch um die Übernahme von Mahnwesen und Inkasso für den Kunden erweitern. In guter Start-up-Manier geht es aber Schritt für Schritt.

Gestartet ist Billie Anfang Juni. Mit der ersten Bilanz – 100 Kunden nach drei Monaten – ist Grobe hochzufrieden. Den größten Coup landeten die Gründer im Juli. Als Refinanzierungspartner holten sie einen der Etablierten ins Boot: Marktführer Targo Commercial Finance stellt Billie einen Großteil des „angenehmen zweistelligen Millionenbetrags“ zur Verfügung, mit dem das Start-up Rechnungen aufkauft.

Die Kooperation von Angreifer und Etabliertem mag widersinnig erscheinen, ergibt für Targo aber Sinn. „Bis jetzt hat niemand das Segment geknackt“, erklärt Grobe. „Viele haben das versucht, aber Factoring ist immer in der Nische geblieben.“ Vielleicht wird es das Fintech Billie sein, das das Thema richtig groß macht – Marktführer Targo hat dann trotzdem etwas davon.

Der Beitrag erschien erstmals in der Capital Ausgabe 11/2017