Interview„Europa ist auf lange Sicht vermutlich kein Gewinner“

Geraldine Sundstrom, Leiterin der europäischen Asset Allocation bei PimcoPR

Frau Sundstrom, beim Corona-Crash stürzten die Kurse rund 40 Prozent in die Tiefe. Seitdem haben sie aber die Hälfte der Verluste wieder wettgemacht. War das eine logische Gegenbewegung – oder ging Ihnen das zu schnell?

GERALDINE SUNDSTROM: Es ist schwer zu sagen, ob wirklich schon alles vorbei ist. Das Einzige, was wir relativ zuverlässig sagen können ist: Die Regierungen haben sehr schnell und sehr kraftvoll auf die Krise reagiert. Sie haben deutlich gemacht, dass sie alles Erdenkliche unternehmen werden, um eine Depression zu verhindern und um irreparablen Schaden von der Wirtschaft abzuwenden. Sie werden die Wirtschaft in dieser Krise stützen, aber wir werden dennoch keine sehr schnelle Erholung erleben. Zudem werden wir große neue Schuldenberge sehen. Mein augenblicklicher Rat an alle Anleger ist deshalb: Bleiben Sie umsichtig! Und halten Sie weiter an Ihren Grundüberzeugungen fest.

Welche Grundüberzeugungen sind das: weitermachen wie gehabt und die Delle einfach aussitzen? Oder was raten Sie Anlegern, die im Corona-Crash Geld verloren haben, um die Verluste wieder auszubügeln?

Es ist natürlich schwer zu sagen, wann diese Krise vorüber sein wird, an den Aktienmärkten wird es vielleicht drei Jahre dauern, bis wir zum alten Niveau zurückkehren, vielleicht auch fünf. Aber dieser Sturm wird vorübergehen, soviel ist sicher. Und auch danach wird gelten: Es gibt Unternehmen, die zu den Gewinnern gehören – weil sie Disruptoren sind und Märkte mit neuen Techniken und Geschäftsmodellen umwälzen werden. Und es wird Verlierer geben. Deshalb sollte man nicht einfach blind dem Gesamtmarkt folgen, denn der wird natürlich kräftig weiter auf und ab schwanken. Und wir werden keine schnelle Erholung erleben. Stattdessen muss man sich auf bestimmte Branchen konzentrieren.

Natürlich favorisieren Sie als Fondsmanagerin die aktive Aktienauswahl. Aber ist es auch das Richtige für Privatanleger?

Mein Haupt-Ratschlag für Privatinvestoren ist: Streben Sie nach Qualität! Das ist in diesen unsicheren Zeiten ganz wichtig: Suchen Sie nach Unternehmen mit stabilen Bilanzen, für den Fall, dass es eine zweite Infektionswelle gibt. Ich persönlich favorisiere zudem bestimmte Regionen. Denn Gewinnerunternehmen werden wir hauptsächlich in den USA finden, in China und zu einem gewissen Teil auch in Japan. Das sind die drei Hauptregionen, in denen wir auch als Fonds investieren.

Nicht in Europa? Sie sind immerhin Leiterin der europäischen Asset Allocation.

Nein, in Europa legen wir zurzeit tatsächlich nur sehr wenig an, denn Europa ist auf lange Sicht vermutlich kein großer Gewinner. Europa scheint mir ein Stück stärker herausgefordert zu sein, aus mehreren Gründen: Es tut sich noch sehr schwer damit, die Kosten der Krise zu vergemeinschaften, das vergrößert die Risiken in einigen Ländern. Außerdem bleiben seine Institutionen sehr fragil, weil wir noch immer keine vollständige europäische Integration erreicht haben. Die USA sind eine Nation, China auch – aber Europa ist ein Staatenbund, und innerhalb Europas gibt es zwar Solidarität in Krisenzeiten, aber es gibt auch einige sehr schwache Mitglieder. Es könnte sein, dass sie nicht stark genug sein werden. Das birgt natürlich größere Risiken für Investoren. Dazu kommt: Zu den Branchen, die wir zurzeit stark bevorzugen, gehören die Technologiebranche, außerdem der Gesundheitsbereich, also der Pharma- und Biotech-Sektor und neuerdings auch die Bereiche Automatisierung und Robotics. In diesen Bereichen sind europäische Firmen nicht sehr stark.

„Asien ist bestens positioniert“

Wird das so bleiben? Viele Ökonomen sagen, die Corona-Krise führe künftig zur stärkeren Deglobalisierung. Das müsste doch viele europäische Firmen stärken?

Die Pandemie wird stärker national ausgerichtetes Verhalten fördern, das glauben wir auch. Sie wird dazu führen, dass Unternehmen ihre Produktion wieder zurück ins Inland verlagern oder Lieferketten regionaler aufstellen. Aber damit sind hohe Kosten verbunden, denn Mitarbeiter in Deutschland oder Frankreich sind natürlich nicht zum gleichen Preis zu haben wie in China. Auch wegen der hohen Lohnkosten ist der Bedarf an Automatisierung ja in allen Branchen so hoch, denn Roboter können viele Mitarbeiter ersetzen. Das spielt jenen Unternehmen in die Hände, die bei der Automatisierung vorangehen. Aber wenn wir über Roboterisierung reden, darf man nicht nur an Industrieroboter denken. Auch im Medizinbereich werden Roboter gebraucht und im Dienstleistungssektor, denken Sie nur an das Thema künstliche Intelligenz. Es geht um Software, um Prozesse, man muss also viel breiter denken – und da tauchen im globalen Maßstab zurzeit nur wenige europäische Firmen auf. Die große Mehrheit der führenden Unternehmen kommt aus Japan, Taiwan, Korea und den Vereinigten Staaten. Tatsächlich hat unser Fonds zurzeit überhaupt keine europäischen Technologiepapiere im Portfolio. Natürlich gibt es ein paar europäische Wettbewerber in dem Feld, aber die sind nicht unbedingt die innovativsten und oft auch nicht die günstigsten aus Investorensicht. Ihre Aktien sind oft zu teuer.

Also spielt die Zukunftsmusik noch stärker in Asien?

Asien ist bestens positioniert. Es gibt zwar auch viele Reibungspunkte, vor allem wegen des Handelskriegs von China mit den USA. Aber China hat den starken Wunsch, der Beste zu sein, es treibt massiv die Innovation voran und seine Regierung fördert massiv Unternehmen, damit sie zu den Gewinnern gehören. Es gibt künftig zwei starke Kräfte auf der Welt: die USA und China – und viele Fliehkräfte drum herum. In allen großen Technikthemen wie Cloudcomputing, 5G und künstliche Intelligenz, kommen die Weltmarktführer aus Asien oder den USA. In Europa dagegen ist die Finanzindustrie sehr stark, die Automobilhersteller und die Chemiekonzerne. Aber die sind künftig weniger gefragt.

„Die Disruptoren von heute sind typischerweise solche Firmen, die keine großen CO2-Fußabdrücke produzieren“

Geraldine Sundstrom

Das heißt, dass die Kurse der Technologieaktien weiter steigen? Sie waren ja schon im letzten Aufschwung die großen Gewinner und viele fragten sich, wie lange das noch anhalten könne.

Wir glauben das auf jeden Fall. Es stimmt, dass diese Firmen haben eine massive Outperformance hingelegt haben. Sie übertrumpften den breiten Markt. Aber wenn man sich ihre Bilanzen ansieht, ihre Cashflows und ihre Gewinne, dann ist das absolut gerechtfertigt. Wir sind daher nicht der Ansicht, dass ihre Aktien auf breiter Front zu teuer sind. Viele sind hoch bewertet, aber dahinter stecken meist solide und etablierte Unternehmen mit starken Erträgen. Viele von ihnen werden die Gewinner der Digitalisierungswelle sein, die wir gerade erleben. Es ist eher, als hätte die Corona-Krise den Vorspulknopf gedrückt und die Digitalisierung noch stärker beschleunigt.

Wird dieser Digitalisierungsschub in seiner Geschwindigkeit noch weit über die Krise hinaus anhalten?

Wir befinden uns in einem Zeitalter der Disruption. Gerade weil sich China und die USA als Supermächte in diesem Bereich gegenüberstehen, vollzieht sich die Umwälzung immer schneller. Viele der interessanten und hoch bewerteten Unternehmen in diesem Bereich sind echte Disruptoren – und Disruption ist der Feind der sogenannten „Mean Reversion“, so bezeichnet man an den Finanzmärkten die Rückkehr zu den gewohnten Mittelwerten.  Wir glauben daher nicht, dass die hohe Kurse vieler Tech-Aktien nur eine Übertreibung sind, die sich wieder herunterpegeln wird. Sehen Sie sich doch einmal an, auf welche Felder die Digitalisierung übergreift, das geht weit übers Onlineshopping und die Homeoffice-Anwendungen hinaus, die vom Shutdown profitiert haben: Ärzte operieren mit Maschinen, Anwälte nutzen künstliche Intelligenz, selbstfahrende Autos verbreiten sich, Fintechunternehmen rollen die Finanzbranche auf … Im Zuge der Digitalisierung werden wir übrigens auch eine Outperformance bei den Nachhaltigkeitsinvestments erleben. Denn die Disruptoren von heute sind typischerweise solche Firmen, die keine großen CO2-Fußabdrücke produzieren. Davon sind wir fest überzeugt.

Was ist mit den enormen Schulden, die sich Staaten zur Rettung der Wirtschaft aufbürden? Könnten die nicht vor allem bei den Anleihen gefährlich werden?

Die Regierungen haben enorme Mengen Geld in den Markt gepumpt, um den Schaden für die Wirtschaft zu begrenzen. Natürlich werden sie nicht alle Schäden verhindern und nicht alle Insolvenzen. Und wir erleben bereits, dass die Bonitätsratings einiger Unternehmen und Staaten herabgestuft werden. Deshalb unsere dringende Warnung: Suchen Sie Qualität! Das gilt für Aktien und Anleihen, auch für Staatsanleihen. Niemand weiß, was noch kommt. Von daher sollten Investoren gerade jetzt bei Qualitätspapieren bleiben.

Gerade Qualitätsanleihen werfen aber kaum noch Zinsen ab. Sind Aktien jetzt noch alternativloser geworden?

Anleihen sind ein wichtiger Pfeiler jeder Vermögensallokation, schon aus Gründen der Diversifikation und wegen der Liquidität. Das hat sich auch auf dem Höhepunkt der Krise wieder gezeigt. Zudem liefern sie stetige Erträge, deswegen setzt auch unser Fonds stark auf Anleihen. Aber in Europa sind die Zinsen so niedrig – oder sogar schon negativ, dass viele Euro-Staatsanleihen keine Papiere mehr sind, in die Sie als Privatanleger gerne in großem Umfang investiert sein wollen. Im US-Dollarraum ist das anders. Unser Fonds setzt zum Beispiel stark auf den US-Dollar und auf Papiere, die in Dollar notiert sind. Wir halten auch US-Staatsanleihen, aber nur wenige europäische.

Kein inflationäres Umfeld

Gerade die Vereinigten Staaten sind doch enorm verschuldet. Sind amerikanische Staatsanleihen da wirklich sicher?

Was würde denn im Notfall passieren? Der Dollar würde abwerten, aber würden die USA wirklich pleitegehen? Es gibt keinen Grund, das anzunehmen, die amerikanische Notenbank würde einfach mehr Geld drucken, um es zu verhindern. In Europa wäre es schwieriger, wegen des Zusammenspiels so vieler Länder.

Steht uns bald die große Inflation bevor, weil viele Notenbanken die Märkte weiter mit Geld fluten?

Eher nicht. Wir erleben aufgrund der weltweiten Shutdowns einen Nachfrageschock und ein Versiegen des Angebots gleichzeitig. Üblicherweise steigen die Preise aber nur, wenn es zu wenig Angebot bei viel Nachfrage gibt. Dies ist kein inflationäres Umfeld. Die fiskalischen Stimuli werden später eher die Nachfrage auf das alte Niveau heben. Und auch die Löhne werden nicht stark steigen, weil die zunehmende Automatisierung eher die Lohnkosten drücken wird.

Was wäre Ihr Rat an den Anleger derzeit? Muss er an irgendeiner Stelle stark umsteuern?

Er soll sein Pulver weitgehend trocken halten. Und umsichtig bleiben. Unser Fonds ist zurzeit nur wenig in Aktien investiert und hält gut ein Viertel in Cash, weil sich sicherlich noch gute Kaufgelegenheiten ergeben. Ich würde aber jedem raten, mit mindestens 40 Prozent – besser mehr – im Kernbereich investiert zu bleiben, also in jenen Bereichen der Aktien- und Anleihenmärkte, an die man wirklich glaubt. Und sich von den breiten Märkten fernzuhalten, weil die sicherlich noch stark schwanken werden. Und weil man damit nie eine Outperformance erzielt, weil die Indizes immer von den Verlierern der Disruption nach unten gezogen werden. Wer diese Möglichkeit nicht hat, weil er zum Beispiel weltweite Indexfonds im Depot hat, der muss zumindest gute Nerven haben. Gerade wenn der Anlagezeitraum noch lang ist, gibt es jedenfalls keinen Grund, jetzt zu verkaufen. Im Gegenteil: Viele deutsche Anleger sind zum Beispiel viel zu wenig in den USA oder China investiert. Das könnten sie bei Gelegenheit ausgleichen. Sie könnten sich ruhig ein wenig aus der eigenen Komfortzone herauswagen. Aber wie gesagt: Bleiben sie bei Qualität! Steigen Sie die Qualitätsleiter lieber hinauf als jetzt auf gewagtere Papiere zu setzen.

 


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