VermögensaufbauSo können Sie mit ETFs für den Ruhestand vorsorgen

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ETFs erfreuen sich bei Anlegern wachsender BeliebtheitGetty Images

Üblicherweise geizen Anlagegurus mit konkreten Tipps, wie private Investoren ihr Geld anlegen sollten. Warren Buffett, einer der erfolgreichsten Investoren aller Zeiten, ist in dieser Hinsicht anders. Seine Briefe an die Aktionäre und Reden auf Hauptversammlungen sind gespickt mit Anlagetipps: Er rät zum Kauf von ETFs (Indexfonds). „Wenn Sie in einen extrem günstigen Indexfonds investieren und Ihre Anlage über zehn Jahre mit einem Sparplan strecken, schlagen Sie 90 Prozent der Leute, die zeitgleich mit Ihnen investieren“, erklärte er schon 2004. „Suchen Sie sich einen sehr einfachen Index wie den S&P 500, einen sehr günstigen Indexfonds darauf, und strecken Sie Ihre Anlage über einen Sparplan“, empfahl er 2013. Um schließlich ein Jahr darauf in einem Brief an seine Investoren seinen Erben einen Tipp zum Umgang mit seinem Milliardenvermögen zu geben. „Stecken Sie es zu zehn Prozent in sichere Staatsanleihen und zu 90 Prozent in einen extrem günstigen S&P-500-ETF. Die Langfristrendite dieser Strategie wird die der meisten anderen Anleger schlagen.“

Einen größeren Ritterschlag kann es für eine simple Anlagestrategie – die Einmalanlage oder Sparpläne mit ETFs auf bekannte Indizes – kaum geben. Selbst einer der erfolgreichsten aktiven Manager aller Zeiten, der mehr als 50 Jahre im Schnitt 21 Prozent pro Jahr für seine Anleger holte, setzt auf günstige ETFs, die einen Index kopieren.

Indexfonds sind börsengehandelte Fonds, die in ihrem Kursverlauf exakt einem bestimmten Index auf Aktien, Anleihen oder alle möglichen Assetklassen folgen. Institutionelle Investoren nutzen sie schon seit Langem – für private Anleger sind sie jedoch noch vergleichsweise neu. Dabei sind ETFs gerade für diese Klientel interessant, weil sie anders als aktiv gemanagte Fonds extrem günstige Gebühren aufweisen. Das macht sie auch für den langfristigen Vermögensaufbau über 20 oder 30 Jahre, etwa für die Altersvorsorge, so interessant.

Verbraucherzentralen empfehlen ETFs

In Deutschland folgen immer mehr Investoren diesem Ratschlag: Rund 560.000 Privatanleger haben bereits einen Sparplan auf einen ETF, wie das Finanzportal extra-funds.de in einer monatlichen Befragung bei den Anbietern ermittelte. Damit hat sich die Zahl der ETF-Sparpläne innerhalb von drei Jahren mehr als verdreifacht.

Von solchen Wachstumsraten können die Anbieter anderer Formen des Vermögensaufbaus nur träumen – egal ob es sich um Aktien, Immobilien oder private Lebensversicherungspolicen handelt. Der Zuwachs bei ETFs hat jedoch gute Gründe. „Nur wenige Finanzprodukte werden von Verbraucherzentralen empfohlen. ETFs gehören dazu: Sie brauchen kein teures Fondsmanagement, weil sie einen Index nachbilden. Das spart Kosten und erhöht die erwartete Rendite“, argumentiert etwa Niels Nauhauser, Referent Finanzdienstleistungen bei der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg. Gerade weil ETFs aber oft – wenngleich nicht immer – sehr günstig sind, halten sich Banken im Vertrieb zurück.

Eine denkbar simple und langfristig lukrative Anlage etwa in einen ETF, der dem deutschen Aktienindex Dax folgt, ist für 0,1 Prozent Gebühren pro Jahr erhältlich, global gestreute Aktien- und Anleihe-ETFs kosten kaum mehr.

Das heißt aber auch: Anders als in Riester-Verträgen, aktiven Fonds oder Lebens- und Rentenversicherungen enthalten ETFs keine Gebühren für Berater, die den Anlegern im Krisenfall gut zureden. Indexfonds sind daher ein Instrument für jene Investoren, die ihre Geldanlage selbst in die Hand nehmen. Mit allen Chancen, aber eben auch allen Risiken, die eine Anlage Marke Eigenbau birgt, etwa die erforderliche Selbstdisziplin.

Capital hat daher sechs Schritte definiert, die es auch Einsteigern ermöglichen, den ETF-Markt und seine teils komplexen Begriffe zu verstehen – und ETFs für den langfristigen Vermögensaufbau, speziell die Altersvorsorge, zu nutzen.

#1 Bin ich bereit?

Menschen nähern sich dem Thema Geldanlage meist von der Seite des Risikos: Was kann schiefgehen? Welche Fehler begehe ich womöglich, wenn ich mich für Anlage X oder Sparform Y entscheide? Das ist ganz natürlich: Verluste schmerzen Menschen, Zuwächse hingegen nehmen sie so mit. Das bestätigen viele Verhaltensexperimente. Unser biologischer Überlebenstrieb sorgt dafür, dass wir auf Gefahren achten, vor Feinden fliehen und Risiken eine große Rolle in unserer Entscheidungsfindung zubilligen.

Von der persönlichen Risikoneigung hängen zwei weitere Fragen ab, die sich im Umgang mit ETFs immer wieder stellen und die Anleger früh beantworten sollten. Erstens: Will ich überhaupt meine Geldanlage selbst in die Hand nehmen, und bringe ich die Nerven mit, sie auch in Kurstälern diszipliniert durchzuhalten? Und zweitens: Bin ich bereit, mich ein wenig in die komplex klingende Welt der Indexfonds einzuarbeiten, oder schrecken mich Fachtermini wie ETF, TER, Thesaurierung oder Swap-Basierung ab?

Letzteres sollte eigentlich kein großes Hindernis darstellen, man braucht nur ein bisschen Zeit. Wichtiger ist die Einschätzung der eigenen Nerven. „Wer Verluste schlecht ertragen kann, steigt früher aus und wird seiner Strategie untreu“, warnt Thorsten Hens, Professor für Finanzmarktökonomie an der Universität Zürich. Und das kostet Rendite.

Zwar bringen ETFs auf einfache Indizes wie etwa den Dax beste Voraussetzungen mit, um mit ihnen Geld zu verdienen: Über fünf Jahre hätten Anleger mit einer Einmalanlage in einen Dax-ETF rund 14 Prozent pro Jahr verdient, über zehn Jahre trotz Finanzkrise sechs Prozent und über 25 Jahre rund neun Prozent pro Jahr.

Gleichwohl erzielen die meisten Anleger deutlich geringere Renditen mit ETFs, und das liegt an ihrer Neigung, schnell einzugreifen, wenn es mal rumpelt: In den USA etwa blieben Investoren in aktiv verwalteten Fonds zwischen 2005 und 2017 nach einer Studie mit im Schnitt 7,2 Prozent Rendite pro Jahr hinter dem Gesamtmarkt zurück (der 8,4 Prozent pro Jahr einbrachte). ETF-Anleger erzielten trotz geringerer Kosten dagegen im Schnitt nur 5,5 Prozent pro Jahr – weil sie häufig handelten, und dazu noch prozyklisch.

#2 Das Produkt verstehen

Viele Anleger sitzen einem Irrtum auf, wenn sie glauben, ihre Rendite und die damit verbundenen Risiken hingen von der Wahl des konkreten Produkts ab. Das stimmt nämlich nicht. Möchte ein Sparer etwa 100 Euro pro Monat in deutsche Aktien über Fonds zur Seite legen, stehen ihm dafür rund 150 aktiv verwaltete Fonds und allein neun verschiedene ETFs auf ein und denselben Index, den Dax, zur Verfügung.

Entscheidend für die künftige Rendite ist, dass sich ein privater Investor überhaupt für deutsche Aktien als Ort der Geldanlage entscheidet. Diese Vermögensverteilung ist, wenn sie durchgehalten wird, letztlich entscheidend für 80 bis 90 Prozent der langfristigen Rendite. Die Wahl des Vehikels spielt hingegen nur eine untergeordnete Rolle.

In dieser Hinsicht sind ETFs weniger kompliziert, als es den Anschein hat. Alle ETFs werden fortlaufend gehandelt, Käufe wie Verkäufe sind zu Börsenzeiten und meist im sogenannten Direkthandel mit Banken jederzeit möglich. Anleger kommen auch stets in den Genuss aller aufgelaufenen Zinsen und Dividenden, diese werden entweder automatisch wieder angelegt oder an Anleger ausgeschüttet. Konstruktionen wie im Zertifikatemarkt, wo Ausschüttungen ganz oder teilweise beim Anbieter verbleiben, gibt es nicht. Das Geld der Anleger ist als Sondervermögen auch bei einer Pleite des ETF-Anbieters geschützt. Und die Kostenquoten der ETFs sind sehr klar, denn erfolgsabhängige Gebühren gibt es keine.

So wissen Käufer eines Dax-ETFs zum Beispiel recht sicher, dass sie mit ihrem Fonds ziemlich genau den Wertzuwachs erzielen werden, den auch der Dax machen wird – abzüglich der geringen Gebühren, Steuern auf Fondsebene und minimaler Abweichungen in der Indexabbildung. So erzielte der beste aus neun Dax-ETFs über zwölf Monate eine Gesamtrendite von 3,95 Prozent, der schlechteste 3,82 Prozent. Diese geringe Varianz illustriert: Mit der Produktauswahl können Anleger wenig falsch machen – wenn die Grundsatzentscheidung einmal steht. Anders als bei aktiven Fonds: Bei denen liegen die Fünfjahresrenditen für Deutschland-Fonds zwischen sieben und 22 Prozent pro Jahr.

#3 Suchen und finden

Haben Anleger eine grundlegende Idee, wie sie ihr Geld anlegen wollen – zum Beispiel: einmalig 5000 Euro in einen ETF auf deutsche Standardwerte über den Dax oder je 50 Euro pro Monat in einen globalen Aktien- und einen globalen Anleihe-ETF als Sparplan –, steht der konkrete Kauf an. Für Bequeme hat Capital eine Liste der größten und am liquidesten gehandelten ETFs auf verschiedene Anlageformen erstellt, die sich als Basisanlage für Einmalanlagen wie Sparpläne eignen (siehe Tabelle am Ende des Textes).

Fortgeschrittene Anleger können ETFs auch selbst auf Portalen wie extra-funds.de oder justetf.com suchen und anhand selbst gewählter Kriterien definieren, etwa nach Größe, Region, der jährlichen Gebühr, Mindestliquidität. Doch Vorsicht: Die Vielfalt an Kriterien ist für Anleger in der Regel verwirrend und nicht entscheidend.

Niedrige Kosten und hohes Volumen sind wünschenswert. Denn ETFs sind ein Skalengeschäft: Je höher das verwaltete Volumen, desto günstiger kann ein Anbieter das Produkt anbieten und desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass es das Produkt in einigen Jahren auch noch geben wird.

Wirklich entscheidend ist für Anleger aber ein simples Kriterium: ob ein ETF seine auflaufenden Erträge ausschüttet oder wieder anlegt, in der Fachsprache Thesaurierung genannt. Wer die Erträge aus Zinsen und Dividenden des ETFs gern ausgezahlt hätte, wählt die ausschüttende Variante. Wer hingegen langfristig sein Geld mehren will, wählt die thesaurierende Variante, mit der auch der Zinseszinseffekt greift. Die genaue Ertragsverwendung gehört zu den weiterführenden Informationen, die Anleger erhalten, sobald sie bei Banken und Brokern die entsprechende Wertpapierkennnummer des ETFs eingeben oder über eine Suche herausfiltern.

In allen Varianten ist für den Beginn eines Sparplans oder eine Einmalanlage ein Depot nötig. Bei Direktbanken wie der ING-Diba, Comdirect, DKB oder Consorsbank ist dies in der Regel kostenlos und die Eröffnung inzwischen auch per Videolegitimation möglich. Klassische Filialbanken bieten (oft kostenpflichtige) Depots an, die sie aber nur eher widerwillig und auf ausdrücklichen Wunsch des Kunden mit günstigen ETFs bestücken.

#4 Den Überblick behalten

Der ETF-Markt boomt – und das macht die Auswahl an Produkten und Angeboten nicht eben einfacher. Rund 1600 ETFs gibt es derzeit in Deutschland, das sind rund 500 mehr als noch vor einem Jahr. Vor allem im Bereich der exotischen ETFs herrscht Wildwuchs. Quasi täglich werden neue aufgelegt, auch solche, die die Wertentwicklung von Indizes doppelt oder gar invers nachvollziehen (was Spekulationen auf fallende Indexstände ermöglicht). Andere locken mit einem Zugang zu einem Korb von Rohstoffen oder mit einem eher abseitigen Thema wie der Marihuana-Aktienindex oder mit Indizes, in denen die Zusammensetzung von bestimmten Kennziffern seiner Indexmitglieder abhängt, etwa der Dividendenrendite oder der jüngeren und jüngsten Kursentwicklung.

In diesem Gestrüpp hilft eine simple Faustregel: Zum Vermögensaufbau sind, in Abgrenzung zur Spekulation, besonders ETFs auf große, bekannte Indizes geeignet, etwa auf den Dax, den Euro Stoxx 50 für die größten 50 Werte der Eurozone, den S&P 500 für die größten US-Werte oder den MSCI World. Damit landen Käufer automatisch bei Fonds, die stark im Wettbewerb stehen und die auch viele Profianleger nutzen.

Schwieriger sind zumindest auf kurze Sicht Anleihe-ETFs: Durch die Niedrigzinsphase sind die möglichen Renditen mit diesen Fonds eher gering, sie betragen näherungsweise ein Prozent für umfassende ETFs auf Euroanleihen und gut zwei Prozent auf Dollaranleihen. Ein guter Kompromiss sind sogenannte Portfolio-ETFs. Hier übernimmt zu geringen Gebühren ein fixer Mechanismus die Verteilung des Vermögens über Aktien, Anleihen und bei einigen Produkten auch über Rohstoffe. So lässt sich ein Paket zum Vermögensaufbau mit gutem Chance-Risiko-Profil schnüren (siehe Tabelle am Ende des Textes).

#5 Das Fachchinesisch durchblicken

Die typischen Informationen über ETFs auf den Seiten der Direktbanken oder Fondsplattformen enthalten eine Fülle von Details, die auf den ersten Blick bestenfalls verwirren – oder gar Sorgen schüren. Das gilt beispielsweise für die Art, mit der Anbieter wie iShares, DB X-Trackers oder Vanguard einen Index nachbilden. Dazu können Fondsgesellschaften entweder für das Fondsvermögen tatsächlich die Wertpapiere eines Index kaufen, etwa bei einem Dax-ETF die Aktien seiner Mitglieder. Dann spricht man von einer physischen Replikation. Bei einer seltener werdenden Variante bilden Anbieter den Indexverlauf aber auch über Derivate ab, die im ETF liegen. Dann spricht man von einem Swap-basierten ETF.

Es gibt keine gewichtigen Gründe, Swap-ETFs zu meiden, sie sind auch nicht per se riskanter als solche, die Wertpapiere physisch kaufen. Beide unterliegen einer strengen Regulierung, die die Interessen der Anleger auch bei einer Pleite des Anbieters schützt. Allerdings setzt sich am Markt immer mehr die physische Variante durch, da sie vielen Anlegern psychologisch mehr behagt – daher lohnt im Zweifel der Griff zu physischen beziehungsweise direkt replizierenden ETFs.

Für die Basisanlagen hat Capital nur ETFs ausgewählt, die Indizes physisch nachbilden: Wer 1000 Euro in einen Dax-ETF investiert, dessen Geld legt der Anbieter anteilig auf Fondsebene in die Dax-Titel an. Mit der aktuellen Gewichtung fließen etwa 90 Euro in Siemens-Aktien, 35 Euro in Adidas und 24 Euro in die Deutsche Bank, entsprechend dem jeweiligen Gewicht von neun Prozent, 3,5 und 2,4 Prozent.

Zwei weitere wichtige Fachtermini sind die Gesamtkostenquote und der Spread. Die Gesamtkostenquote gibt an, wie viel Gebühren dem Fondsvermögen maximal pro Jahr entnommen werden. Der Spread im Handel wiederum bildet die Differenz zwischen An- und Verkaufskurs an der Börse ab und kommt ins Spiel, wenn Anleger nicht direkt ETFs mit ihrer Bank handeln (siehe nächsten Punkt). Beim Spread gilt: Je niedriger, desto besser.

#6 Kaufen und halten

ETF steht für Exchange-Traded Fund, also einen börsengehandelten Fonds. Tatsächlich wurden ETFs lange ausschließlich an der Börse gehandelt, was von Anlegern grundlegende Kenntnisse über die Aufgabe einer Wertpapierorder verlangt hat. Das ist vorbei: Wer sich nicht in das System von Stückzahlen oder An- und Verkaufslimits einarbeiten möchte, für den übernimmt das die Bank. In den entsprechenden Ordermasken der Direktbanken lassen sich Sparpläne einrichten oder Einmalanlagen im sogenannten Direkthandel tätigen. Dann ist der Handelspartner des Anlegers die Bank, er muss lediglich den ETF und die Summen auswählen.

So sind ETFs über Direktbanken einer der günstigsten Wege überhaupt, um Vermögen aufzubauen: Depotkosten gibt es meist keine, die Gebühren liegen zwischen null und 1,75 Prozent bei Sparplänen und bei 0,1 und 0,3 Prozent für eine Einmalanlage von 5000 Euro. Anschließend fallen nur noch die laufenden Kosten an, die sich meist unter 0,3 Prozent pro Jahr bewegen.

Kein Wunder also, dass Buffett zum Fan wurde. Folgen ihm Anleger in einem weiteren Punkt, steht einer langfristig hohen Rendite nichts im Weg: „Meine favorisierte Haltedauer“, erklärte er, „ist: ewig.“ Wem das zu lang ist: Fünf Jahre sollten es aber mindestens sein.