EnergieaktienWas die Innogy-Zerschlagung für Anleger bedeutet

Das Logo von Innogy ist vor der Bilanzpressekonferenz vor der Konzernzentrale zu sehen
Innogy: Eon und RWE wollen den Konzern zerschlagendpa

Einen solch guten Tag an der Börse haben die deutschen Energieversorger seit Jahren nicht erlebt: Die Aktie von Innogy legte am Montag in der Spitze um fast 20 Prozent zu, das RWE-Papier um 12 Prozent und Eon-Anleger machten ein Plus von 5 Prozent: Der Grund: Ein historischer Deal am deutschen Energiemarkt, den die Unternehmen am Wochenende verkündeten.

Innogy Aktie

Innogy Aktie Chart
Kursanbieter: L&S RT

Eon und RWE zerschlagen den Versorger Innogy, der zu mehr als 75 Prozent RWE gehört. Während RWE sich die Stromerzeugung von Innogy einverleibt, erhält Eon die Stromnetze von Innogy. Im Gegenzug wird Eon künftig keinen eigenen Strom mehr erzeugen und reicht sein Geschäft mit den erneuerbaren Energien an RWE weiter. Kohlestrom hatte Eon ohnehin nicht mehr produziert.

Es entsteht jetzt also mit Eon ein Konzern, der sich auf das Netz und den Vertrieb konzentriert, während RWE nur noch produziert. Für Anleger bedeutet der Wandel der Branche vier Dinge.

#1 Das Ende eines ewigen (Aktien-)Duells

Wer wissen wollte, wie es bei RWE lief, der musste jahrzehntelang nicht unbedingt die Bilanz des Versorgers flöhen, sondern konnte den RWE-Kurs mit dem von Eon vergleichen, hatten beide doch das gleiche Geschäftsmodell. Jetzt aber wollen die Konzerne unterschiedliche Bereiche in der Branche beackern.

Die Unternehmen haben nun den jeweils ärgsten Konkurrenten aus dem Markt gekauft; RWE könnte künftig sogar den Strom erzeugen, den Eon verkauft. Die beiden Unternehmen sind also nicht länger vergleichbar, was die Logik des Deals noch klarer werden lässt: Wenn sich jeder nur noch auf einen Bereich kapriziert, so die Idee, lassen sich Kosten sparen, womöglich auch durch kräftigen Stellenabbau in einigen Geschäftsbereichen.

#2 Die Rückkehr des Witwen- und Waisenpapiers

Bis zur Energiewende galten Aktien von Versorgern als äußerst solide. Mancher sprach gar von Witwen- und Waisenpapieren, weil sie eine ordentliche Dividende bei halbwegs stabilen Kursen versprachen. Aber dann stieg Deutschland plötzlich aus der Atomkraft aus, Ökostrom setzte sich immer stärker durch und die Aktienkurse bröckelten immer weiter ab. An der Börse verloren die Konzerne im Vergleich mit der Vor-Energiewende-Zeit bis zu 90 Prozent an Wert, erholt hat sich bislang keiner davon.

Zumindest Eon hat jetzt die Chance, wieder zum Witwen- und Waisenpapiers zu avancieren. Zwar ist das Geschäft mit den Stromnetzen eines, das stark reguliert ist. So legt die Bundesnetzagentur die Renditen der Betreiber fest. Aber: Die Stromnetzbetreiber sind kaum abhängig von den Launen wechselnder Regierungen, die im Jahresrhythmus neue Ideen präsentieren – jedenfalls deutlich weniger, als die Stromproduzenten, deren Erlöse zudem am schwankenden Strompreis hängen. Vielmehr bestimmt die Bundesnetzagentur auf Jahre hinaus die Renditen, die die Betreiber staatlich garantiert mit ihren Netzen erwirtschaften und die sie auf die Kunden umlegen dürfen.

So dürfen die Konzerne ab 2019 bei neuen Anlagen fast sieben Prozent Rendite erzielen, bei alten Netzen immerhin noch mehr als fünf Prozent. Das sind – auch wenn die Branche routinemäßig darüber motzt – durchaus auskömmliche Werte. Sie versprechen jedenfalls für einige Jahre Planungssicherheit, stabile Einkünfte und für Aktionäre eine recht sichere Dividende.

#3 RWE wird zum Risikowert

Zwar übernimmt RWE im Zuge des Deals die Ökostromsparten von Innogy und Eon, aber der Konzern behält auch seine herkömmlichen Kohlekraftwerke, etwa im rheinischen Braunkohlerevier zwischen Köln, Aachen und Mönchengladbach.

Noch gibt es auf dem Strommarkt Überkapazitäten in der Erzeugung, der Preis war deshalb zwischenzeitlich kollabiert. Immer mehr Versorger legen deshalb ihre Kohle- und Gaskraftwerke still. Aber Deutschland wird die konventionellen Anlagen an dunklen, kalten und windarmen immer noch brauchen, damit Strom weiterhin verlässlich fließt. RWE könnte dann einer der wenigen Konzerne sein, die solche Anlagen betreiben und entsprechend daran verdienen.

Das gilt insbesondere, wenn sich die Politik dazu durchringt, Betreibern von Großkraftwerken Geld zu zahlen, um die Anlagen jederzeit betriebsbereit zu halten und die Versorgung zu sichern. Wenn ein solcher Kapazitätsmarkt kommt, beispielsweise nach der Abschaltung der letzten Atomkraftwerke 2022, würde RWE auch an den konventionellen Kraftwerken verdienen, obwohl sie nur an wenigen Tagen laufen, was der Aktie helfen könnte.

Darauf spekulieren Anleger, wenn sie jetzt ein RWE-Papier kaufen, gleichwohl ist offen, ob die Wette aufgeht. Womöglich bekommt RWE nur einen Teil seiner Reserve-Kraftwerke vergütet – oder nur mit einer Pauschale, die keine allzu üppigen Gewinne erlaubt.

#4 Ökoanlegern droht der Kohlekoller

Mit Innogy und Eon konnten Anleger auf zwei große, liquide und dividendenstarke Werte setzen, die ausschließlich Ökostrom erzeugten. Doch wenn es bald mit Innogy vorbei ist und Eon nur noch in Netzen und im Vertrieb macht, fehlt ein großer Ökostromerzeuger an der Börse. Anleger müssen sich mit dem Öko-Kohle-Mischmasch von RWE zufriedengeben.

Gleichzeitig dürfen Investoren durchaus mal ein Fragezeichen machen, inwiefern RWE den Ausbau der Erneuerbaren vorantreibt. RWE-Chef Rolf Martin Schmitz ist bislang nie als Grünstrom-Freund aufgefallen, sondern als Kohle-Anhänger.

Dieser Kohlefokus birgt ein großes Risiko für die RWE-Aktie. An den Finanzmärkten setzt sich immer stärker der Trend zu nachhaltigen Investitionen durch. Ein Unternehmen mit etlichen Kohlekraftwerken und Tagebauen läuft Gefahr, von einer wachsenden Zahl von Großanlegern aufgrund strenger Nachhaltigkeitsregeln grundsätzlich gemieden zu werden.


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