BausparerDie neuesten Tricks der Bausparkassen

Symbolbild Bausparkassen
Symbolbild Bausparkassen Maximilian Virgili

Lars Trepels hatte geglaubt, an ihm werde der Ärger schon vorbeiziehen. „Ich habe doch nur eine kleine Summe angespart“, sagt er. Circa 1000 Euro liegen in seinem Bausparvertrag, und darauf gibt es auch nur 1,5 Prozent Zinsen. Doch Ende vergangenen Jahres erhielt Trepels Post von seiner LBS Nord. Darin kündigte die Bausparkasse an, ab Januar 2018 ein Kontoentgelt einzuführen. 18 Euro soll Trepels nun jährlich zahlen, obwohl er lediglich 14 Euro Zinsen erhält. „Das ist eine Unverschämtheit“, sagt er.

Bausparen ist eine deutsche Institution, 30 Millionen Verträge gibt es hierzulande. Schon Kinder erhielten früher von ihren Eltern einen Vertrag. Das Prinzip ist einfach: Zunächst spart man einen bestimmten Betrag an, zum Beispiel 25.000 Euro, und kann sich damit später noch mal 25.000 Euro Kredit holen, um eine Immobilie zu finanzieren. Der Zins wird dabei über die gesamte Laufzeit des Vertrags von 20 Jahren oder länger schon beim Abschluss festgelegt.

Seit jeher waren Bausparverträge eine Wette auf den Zins – für Anbieter wie Kunden. Doch mit den ultraniedrigen Zinsen hat sich die gesamte Bausparbranche verzockt: Sie muss für alte, teure Verträge relativ hohe Zinsen zahlen, hat im Darlehensgeschäft aber Probleme. Die 18 Euro Gebühren für 14 Euro Zinsen von Lars Trepels sind nur ein weiteres Beispiel aus einem paradoxen Konflikt, in dem die Bausparkassen seit Jahren versuchen, einen Teil ihrer Kunden loszuwerden.

Bisher ging es vor allem um Bausparer, die wegen hoher Zinsen ihre alten Verträge einfach weiterlaufen ließen, obwohl sie damit gar nicht mehr auf eine Immobilie sparen. „Doch inzwischen treffen die Schikanen die breite Masse der Verbraucher. Das ist kein Luxusproblem mehr von Kunden, die fünf Prozent Zinsen kassieren“, sagt Alexander Krolzik, Bausparexperte der Verbraucherzentrale Hamburg.

So ist die LBS Nord nicht die einzige Bausparkasse, die für 500.000 ihrer Kunden Gebühren einführt. Auch die Debeka verlangt nun eine „Servicepauschale“: Je nach Tarif zahlen Sparer zwischen 12 und 24 Euro jährlich. Gleichwohl erhalten die Kunden nicht mehr Service. Debeka und LBS Nord begründen die Gebühren mit der Niedrigzinsphase, die ihnen zu schaffen mache.

Andere Anbieter werden noch kreativer: Sie nötigen ihre Kunden plötzlich, regelmäßig Mindestbeträge zu überweisen. Oder sie verrechnen versprochene Prämien beziehungsweise streichen diese gleich ganz.

Keiner will die Kredite

Tatsächlich leiden die Unternehmen unter den niedrigen Zinsen. Dies zeigt auch der sogenannte Zinsüberschuss. Die Kennziffer gibt an, wie gut die Kassen in ihrem Kerngeschäft dastehen, dem Einnehmen und Verleihen von Geld. Die Bausparkassen verdienen dabei an der Differenz zwischen den Kredit- und den Sparzinsen. Der Zinsüberschuss der Bausparkassen ist 2016 auf 2,5 Mrd. Euro gesunken, ein historisches Tief, zeigt ein Bericht der Bundesbank.

Der Grund: Viele Sparer wollen die Darlehen, deren Konditionen vor zehn oder 15 Jahren fixiert wurden, nicht mehr in Anspruch nehmen, sie sind zu teuer. Während Baugeld bei Banken im Schnitt gut 1,5 Prozent Zinsen kostet, wenn die Zinsen für zehn Jahre festgeschrieben sind, verlangen Bausparkassen gut 2,5 Prozent, zeigen Zahlen der FMH-Finanzberatung. Obendrein wird es schwerer, mit den überschüssigen Sparguthaben noch Gewinne zu erwirtschaften – Anleihen werfen schließlich auch nichts mehr ab.

Die Unternehmen wären die hoch verzinsten Verträge daher gerne los und versuchen, mit Gebühren Zusatzeinnahmen aufzutreiben. „Im Sinne aller Bausparer wäre es unverantwortlich, keine Gegenmaßnahmen zu ergreifen“, sagt Alexander Nothaft vom Verband der privaten Bausparkassen. Das klingt so, als würde die ganze Branche vor der Pleite stehen, wenn nicht bald etwas passiert. Nur: So arg ist es nicht.

Das zeigt sich an zwei Indikatoren, der erste ist: Die Finanzaufsicht Bafin könnte die Zinsen für Bausparer wie Lars Trepels einfach senken, sollte sie um die Stabilität einer Kasse fürchten. Bislang ist es dazu nicht gekommen. Ein zweiter Indikator sind Berechnungen von Bafin und Bundesbank, die zeigen: Die Erträge werden sich stabilisieren, wenn die Zinsen nicht noch weiter sinken, was unwahrscheinlich ist. Die Bausparkassen werden also vorerst einfach mit niedrigeren Gewinnen als in den vergangenen Jahren auskommen müssen.

Dazu passt eine Studie der Unternehmensberatung Bain, die kürzlich die Eigenkapitalrendite der Kassen berechnet hat. Die Kennziffer misst die Rentabilität eines Unternehmens. 2016 betrug dieser Wert 1,6 Prozent, was zwar recht niedrig ist. Jedoch lag die Rendite 2015 noch bei 0,8 Prozent, sie hat sich also binnen einem Jahr verdoppelt. Dementsprechend schreiben die Bain-Berater: „Der Renditeverfall der deutschen Bausparkassen ist vorerst gestoppt.“

Trotzdem greift etwa die Wüstenrot-Bausparkasse zu drastischen Maßnahmen. Dazu nutzt sie die sogenannten Bonuszinsen, eine Prämie, die Kunden erhalten, wenn sie doch kein Darlehen haben wollen. Einst führte die Branche die Bonuszinsen ein, um Sparer und frisches Geld anzulocken.

Jetzt rechnet Wüstenrot den Bonuszins auf das Sparguthaben an. Ist dadurch die Bausparsumme, also die Sparobergrenze, erreicht, kündigt Wüstenrot den Vertrag. Die Option auf ein Darlehen oder weitere Einzahlungen und Zinsen ist damit obsolet. „Dabei muss ein Sparer selbst entscheiden dürfen, ob er den Bonuszins jetzt in Anspruch nimmt oder einfach weiterspart“, sagt Simon Bender, Fachanwalt für Bank- und Kapitalmarktrecht in Frankfurt.

Ein anderer Fall mit Bonuszinsen: Schwäbisch Hall zahlt die sogenannte Treueprämie gar nicht aus, wenn ein Sparer nicht mitteilt, kein Darlehen mehr zu wollen. Wer also Monat für Monat einfach einzahlt, bis die Bausparsumme erreicht ist, und den Darlehensverzicht nicht ankündigt, erhält nur den niedrigeren Zinssatz. „Dabei ist doch klar: Wer weiterspart, will kein Darlehen, sonst würde er nicht weitersparen“, sagt Verbraucherschützer Krolzik.

Die Bausparkasse BSQ wiederum, die einst zum Quelle-Konzern gehörte, nötigt Bausparer, weiteres Geld bei ihr anzulegen. Die Verträge sehen sogenannte Regelsparbeiträge vor, die je nach Tarif variieren. Wer eine Zeit lang diese monatlichen Beträge nicht gezahlt hat, den fordert die BSQ auf, das Geld binnen drei Monaten zu zahlen. Wer nicht überweist, fliegt raus. „Dieses Vorgehen offenbart eine Doppelmoral: Jahrelang war es der Branche egal, ob die Kunden regelmäßig einzahlen“, sagt Anwalt Bender.

Besonders harsch geht die Aachener Bausparkasse vor. Sie kündigt Verträge mit Zinsen von bis zu fünf Prozent und beruft sich dabei auf den Paragrafen 313 des Bürgerlichen Gesetzbuchs, ein juristisch scharfes Schwert. Der Paragraf konstatiert eine „Störung der Geschäftsgrundlage“, die die Bausparkasse wegen der Niedrigzinsen herbeiargumentiert. „Dabei hat sich die Bausparkasse vertraglich verpflichtet, das Risiko sich ändernder Zinsen zu übernehmen. Sie kann nicht ein Risiko beklagen, das sie freiwillig übernommen hat“, sagt Bender. Umgekehrt könnten die Kunden auch nicht reagieren. „Verbraucher können ihren Kredit mit Festzins nicht einfach ändern oder kündigen, weil der Zins gesunken ist“, sagt Niels Nauhauser, Verbraucherschützer aus Baden-Württemberg.

Damit nicht genug, schon bald könnte sich das Zinsdrama wiederholen – diesmal nur bei den Kreditzinsen. Derzeit sind die zwar unattraktiv, weil relativ hoch. Aber steigen die Marktzinsen erst einmal, werden die Darlehen für Kunden plötzlich attraktiv, weil der zu Vertragsbeginn fixierte Zinssatz dann vergleichsweise niedrig wäre.

Für die Bausparkassen wären diese Verträge hingegen schon wieder unattraktiv. Mit Krediten zu den dann aktuellen Konditionen könnten sie mehr verdienen. „In Gesprächen mit Verbrauchern spüren wir durchaus die Sorge, dass die Unternehmen erneut mit Kündigungen reagieren könnten, wenn sich das Zinsniveau ändert“, sagt Christian Urban, Bausparexperte der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen. „Sollte es so weit kommen, wäre die Glaubwürdigkeit der Branche dahin.“