Interview„Die Inflation hat auch Vorteile“

Unter anderem beim Friseurbesuch fällt vielen Verbrauchern auf, dass die Preise steigenIMAGO / Westend61

Wer einen Barometer für die heraufziehende Inflation sucht, kann sich das lange Ende der Zinskurve von Staatsanleihen anschauen – oder mit einem Experten für den Anleihemarkt sprechen. Andreas Billmeier, Europavolkswirt von Western Asset Management, einer Tochter des US-Vermögensverwalters Franklin Templeton, erklärt im Gespräch, was die Inflation befeuert – und warum die Teuerung auch ihr Gutes hat.

CAPITAL: Herr Billmeier, wo haben Sie zuletzt bemerkt, dass die Preise gestiegen sind?  

ANDREAS BILLMEIER: Beim Friseur. Der hat in der Pandemie verständlicherweise den Preis erhöht. Verständlich, weil er pro Kunde statt 30 jetzt 40 Minuten einplanen muss. Ich frage mich, ob er das wieder zurücknehmen wird, wenn er wieder mit einer halben Stunde klarkommt. Meine Vermutung ist: Nein.

Im Vergleich zum Vorjahr ist die Inflation zuletzt auf 2,5 Prozent gestiegen. Wo kriegen Verbraucher das zu spüren?

Im Moment spüren wir die Inflation an allen Ecken und Enden. Der etwas teurere neue Haarschnitt zieht den Warenkorb, anhand dessen die Inflation gemessen wird, allein noch nicht hoch. Die Pandemie hat bei einigen Produkten zu Verwerfungen geführt. Da ist zum Beispiel die Mehrwertsteuer, die zeitweise abgesenkt worden ist und jetzt signifikant in die Inflation hineinspielt. Und der Konsum verändert sich wieder: Während der Pandemie haben die Verbraucher mehr Güter gekauft, auch als Ersatz für die ausfallenden Dienstleistungen. Die Preise von Fernsehern, Nähmaschinen, BBQ-Grills, Scannern und Gesellschaftsspielen sind über Jahre nicht gestiegen oder sogar gefallen und erst in der Pandemie teurer geworden, weil die Nachfrage hoch war. Die werden jetzt teils schon wieder günstiger, während Dienstleister, wie eben der Friseur, Verdienstausfälle kompensieren müssen und teurer werden. Zudem schlagen gestiegene Frachtkosten und Engpässe durch. Und letztlich ist der Ölpreis so gestiegen, dass wir die Inflation auch an der Tankstelle spüren. Da kommt jetzt alles zusammen, weshalb die Inflation in der zweiten Jahreshälfte noch rauf gehen wird.

Andreas Billmeier, Europavolkswirt bei Western Asset Management, Foto: PR

Ein Grund ist doch auch, dass die Notenbanken weiterhin massiv Geld drucken, mit dem Ziel einer Inflation von zwei Prozent, oder?

Das haben sie zuvor auch. Daran sieht man, dass alleine die Verlängerung der Zentralbankbilanz – was Sie als Gelddrucken bezeichnen – noch keinen Inflationsdruck erzeugt. Das Geld muss in Umlauf kommen und das passiert gerade.  Allerdings wird die Inflation im kommenden Jahr sehr schnell sehr stark heruntergehen, wenn die Löhne und Investitionen nicht anziehen. Und da gibt es noch keine Anzeichen für. Pi mal Daumen werden wir nächstes Jahr Preissteigerungsraten von 1,6 Prozent in Europa haben. Und leicht höher wäre nichts Schlechtes, sondern gut, da wir dann näher am Inflationsziel wären. Die Inflation hat auch Vorteile.

Was soll denn gut daran sein, wenn alles teurer wird?  

In den meisten entwickelten Ländern liegt das Inflationsziel bei etwa zwei Prozent. Das verhindert zum Beispiel Deflation. Wenn ein Produkt eine Inflation von drei Prozent hat und das nächste eines von einem, liege ich im Schnitt immer noch bei zwei. Wenn die Notenbanken ein Ziel von null hätten und erreichten, dann würden einige Produkte ein Prozent inflationieren, aber andere eine negative Inflation haben, also Deflation. Und da droht eine deflationäre Spirale. Davor haben Zentralbanken berechtigterweise Angst.

Was wird da befürchtet?

Dann funktioniert die Geldpolitik nicht mehr. Sinken die Preise, sagt sich der Konsument: Ich konsumiere lieber morgen, weil morgen wird es billiger. Das bremst die Wirtschaft und das ist dann für die Geldpolitik ein sehr schwieriges Umfeld. Bei der expansiven Geldpolitik geht es nicht darum, Inflation zu kreieren. Es geht darum, Deflation zu vermeiden.

Andere Ökonomen rechnen damit, dass sich die Inflation durch die Deglobalisierung der Lieferketten, die Investitionen aufgrund der CO2-Reduktion und wegen des Fachkräftemangels im nächsten Jahr eher bei zwei Prozent einpendeln wird. Warum stimmen Sie dem nicht zu?

Ich habe mit den Argumenten kein Problem. Ich glaube, dass sie für zehn Basispunkte hier und da gut sind. Auch ich denke, dass sich die Lieferketten verändern werden. Aber ich rechne nicht damit, dass das große Auswirkungen auf die Konsumentenpreisinflation hat. Wir werden definitiv nicht signifikant über dem Inflationsziel liegen – ich glaube, eher darunter. Die Leute neigen dazu, die Momentaufnahme der Inflation zu überzeichnen.

Gibt es in Ihren Augen kein denkbares Szenario, das die Notenbanken dazu zwingen würde, die Zinsen anzuheben?

Es gibt Inflationsrisiken. Es kann zum Beispiel einen Preisschock bei Rohstoffen geben. Rohöl steht jetzt bei 75 Dollar pro Barrel, wenn es 100 oder 150 Dollar kostet, hat das Auswirkungen. Ein weiteres Risiko ist, dass aus irgendeinem Grund plötzlich die Nachfrage nach Arbeitskräften sehr stark ansteigt, das würde höhere Löhne mit sich bringen. Die Zentralbanken fahren zwar gerade ihre Kriseninstrumente eher graduell zurück oder kündigen es an, aber sie können auch schneller Wasser auf den Inflationszunder kippen, damit der nicht in Flammen aufgeht.

Weil sich alle auf die Notenbanken verlassen, zuckt der Aktienmarkt ja noch nicht mal zusammen, wenn hohe Inflationsdaten gemeldet werden…

… man merkt schon, dass der Markt sehr stark darauf reagiert, was vor allem die Fed macht und was sie vorhat. Die 30-jährigen US-Staatsanleihen sind sehr viel teurer geworden. Die Rendite ist sehr stark heruntergegangen und das ist normalerweise eine Reflektion von Inflationserwartung. In Europa erwarten wir einen graduellen Anstieg der Zinsen am langen Ende der zehnjährigen Staatsanleihen. Das hat mehrere Gründe. Ein Grund ist, dass die EZB irgendwann die Interventionen zurückfahren wird. Und die volkswirtschaftliche Lage verbessert sich mit dem Auslaufen der Pandemie. Es gibt sogar eine Chance auf längerfristig höheres Wachstum als zuvor – denken Sie nur an all die Konjunkturprogramme. In diesem Szenario würden die Anleihezinsen nach oben gehen, wenn die Notenbanken den Fuß vom Gas nehmen. Aber das ist eine gemächliche Entwicklung, zumindest in Europa. Weshalb es auch trotz steigender Inflation keine wilden Verwerfungen am Markt gibt.

Das bedeutet aber doch auch, dass man in den nächsten Jahren vor allem als Aktienanleger gut fährt?

Wir als Anleihenanleger sind schon in der Lage, auch Geld zu verdienen, wenn die Zinsen hochgehen. In Deutschland ist das etwas schwieriger, weil die Zinsen noch zu niedrig sind. Aber anderswo kann es durchaus auch sein, dass ich durch den Kupon, den ich bekomme, mehr verdiene, als was ich durch den Anstieg der Zinsen und die Inflation verliere. Also muss ich natürlich ins Risiko gehen, zum Beispiel in die Schwellenländer. Unter den entwickelten Märkten bietet beispielsweise Australien positive Zinsen. Wir haben uns letztes Jahr in der Krise, mit der Aussicht darauf, dass die irgendwann endet, in Inflationsmärkten positioniert. Das kann man alles als institutioneller Anleger machen, als Privatanleger so jetzt nicht unbedingt. Aber das bedeutet nicht, dass es sinnlos ist, Anleihen zu kaufen. Vielleicht ist es aber ein Umfeld, in dem man die Profis ranlassen sollte.

Was aber noch nichts über die Chancen am Aktienmarkt aussagt.

Als Ökonom muss ich Ihnen schon sagen, dass sich die Erholung an den Aktienmärkten dramatischer darstellt als bei uns. Aber es ist auch schon viel eingepreist, haben wir den Eindruck.

Was bringen eigentlich inflationsindexierte Anleihen?

Das ist ein Instrument wie alle anderen. Allerdings ist in dem Zusammenhang ja immer interessant, dass uns Deutschen immer so eine Inflationsangst unterstellt wird – die sich auch in ländervergleichenden Umfragen widerspiegelt, wie zum Beispiel von der Europäischen Kommission, wo Deutschland regelmäßig Inflationsrisiken höher einschätzt als der EU-Durchschnitt. Die Marktdaten besagen jedoch, dass der inflationsgebundene Anleihemarkt in Deutschland nicht mal fünf Prozent des gesamten Anleihemarkts ausmacht. Raten Sie mal, wie hoch der Anteil in Italien und in Frankreich ist.

Keine Ahnung.

Elf Prozent, im Vereinigten Königreich sind es 22 Prozent. Letzteres ist ein Spezialfall, weil es da viele Versicherer gibt, die dieses Produkt benötigen. Es ist allerdings nicht zu vereinbaren, dass Deutsche eine systemische Furcht vor Inflation haben, die sich auch in Umfragewerten niederschlägt, aber es nicht dieselbe Nachfrage nach Inflationsanleihen gibt, die wir in Italien und in Frankreich haben. Ich verstehe es nicht. Aber deshalb sage ich: Vielleicht hängen wir das ganze Thema ein bisschen zu hoch auf.

 


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