GeldanlageDie große Rohstoff-Euphorie

Aluminiumbarren
Der Preis für Aluminium ist zuletzt wieder gestiegendpa

Euphorie ist zurzeit rar geworden an den Finanzmärkten, doch einen Bereich hat sie jetzt wieder gepackt: den Rohstoffmarkt. Dort sind die Kurse zuletzt mächtig nach oben gedreht. Und nun überschlagen sich die Analysten regelrecht mit positiven Prognosen, was den weiteren Marktverlauf angeht. Selten sei es sinnvoller gewesen als jetzt, in Rohstoffe zu investieren, fanden jüngst die Analysten der Investmentbank Goldman Sachs. Marktbeobachter registrieren mit Erstaunen einen Kursanstieg von etwa sieben Prozent bei den wichtigsten Rohstoffindizes seit Jahresbeginn. Und daraus folgern die Experten, dass ein neuer Superzyklus begonnen habe. Wann, wenn nicht jetzt sei also der perfekte Zeitpunkt für den Einstieg?

Nun gibt es freilich auch Argumente für eine weniger euphorische Sichtweise: Zum einen haben Analysten in den vergangenen Jahren schon häufiger vom Beginn des neuen Riesenaufschwungs geträumt und ihn auch ausgerufen. Zuletzt 2011, als es erste Anzeichen für ein neues Durchstarten des Marktes gab – was sich aber im Nachhinein als Fehlstart erwies. Seitdem jedenfalls ist der CRB Index für Rohstoffe von rund 350 Punkten auf inzwischen 200 Punkte abgesackt. Seitdem lässt der Superzyklus auf sich warten.

Es ist auch jetzt nicht so, als sei der Markt bereits vollumfänglich im Aufschwung begriffen. Im Stahl- und Metallsektor etwa sprühten zuletzt noch die Funken und die Kurse verglühten. Grund dafür waren die Strafzölle, die US-Präsident Donald Trump auf Stahl und Aluminium angekündigt hatte, was viele Ökonomen und – auch amerikanische – Unternehmen schwer aufbrachte. Denn mit diesen Einfuhrzöllen seien auch viele US-Firmen nicht mehr konkurrenzfähig, die bisher günstig ihren Stahl aus dem Ausland bezögen, wetterten Wirtschaftsexperten. Prompt trudelten die Preise für Industriemetalle schwer. Doch schon kurz danach zogen die Kurse wieder an. Zuletzt erlebte der Stahlpreis den größten Tagesanstieg seit neun Monaten. Auch das Aluminium verteuerte sich wieder und der Kupferpreis bleibt ohnehin auf Rekordkurs.

Rohstoffe schlagen Aktien auf Jahressicht

Vor allem bei den Metallpreisen kann man derzeit eindrucksvoll ablesen, dass sich der Trend bei den Rohstoffkursen gedreht zu haben scheint: Auf Fünfjahressicht streben Aluminium, Kupfer und Zink nun wieder deutlich nach oben. Zudem gewannen besonders seit Jahresbeginn auch viele Agrarrohstoffe deutlich an Wert. Der Kakaopreis legte seit Januar um 36 Prozent zu, Weizen um 25 Prozent und Mais um 13 Prozent. Benzin und Öl wurden ebenfalls rund 12 bis 15 Prozent teurer. Wird der Rest der Rohstoffkurse bald folgen? Oder sind das nur zwischenzeitliche Ausreißer?

Aluminium London Rolling Rohstoff

Aluminium London Rolling Rohstoff Chart

Aufs Jahr gesehen jedenfalls legte der Bloomberg Commodity Index knapp sieben Prozent zu. Das war weit mehr als die Aktienkurse schafften, die im Grunde auf der Stelle traten. Und auch für die kommenden Monate sagen Analysten Rohstoffen eine bessere Entwicklung als den Aktienkursen voraus. Warum? Weil Rohstoffe im Vergleich zu den Aktien schon sehr lange nicht mehr so unterbewertet waren wie zurzeit. Normalerweise liegt die Aktien-Rohstoff-Ratio im Schnitt bei 3,5 haben Statistiker ausgerechnet. Kurz bevor die Finanzkrise ausbrach und Rohstoffe ihren jüngsten gigantischen Höhenflug erlebten, lag der Wert bei rund 8,5 für die Rohstoffe. Momentan liegt er bei etwa 1, ebenso tief wie kurz vor dem Platzen der Technologieblase im Jahr 2000/2001. Oder anders ausgedrückt: Während die Aktienkurse weltweit auf Zehnjahressicht um 36 Prozent zulegten und der deutsche Aktienindex sogar um 81 Prozent – brachen die Rohstoffkurse in derselben Zeit um 57 Prozent ein. Rohstoffe sind im Verhältnis zu Aktien so schlecht bepreist wie seit 20 Jahren nicht mehr.

Das muss nun nicht heißen, dass es zwangsläufig bergauf geht mit ihren Kursen. Eine Reihe von Indikatoren sprechen jedoch dafür: Da die Weltwirtschaft gut läuft und vermutlich Wachstumsraten von rund vier Prozent in diesem und auch im nächsten Jahr verzeichnen wird, steigt die Nachfrage nach Rohmaterialien. Die Lagerbestände dagegen gehen deutlich zurück. Also müssen neue Grundstoffe gefördert und gewonnen werden. Nun ist aber in den vergangenen Jahren wegen der großen Flaute auf dem Rohstoffmarkt nicht sehr viel in die neue Erschließung investiert worden. Im Gegenteil, viele Minen und Stahlhütten wurden zuletzt sogar geschlossen. Die Kapazitäten sind also schon jetzt bereits erschöpft. In naher Zukunft würden wir also weltweit mehr Rohstoffe verbrauchen als wir fördern, sagen Analysten. Das bedeutet: Ein Ende der steigenden Preise ist erst einmal nicht abzusehen.

Hinzu kommen noch zwei Sonderfaktoren:

  • Erstens bewirkt die Energiewende, dass mehr Metalle benötigt werden für Stromspeicher, Solarmodule etwa oder für die Batterien von Elektroautos. Das beflügelt den Absatz von Lithium, Silizium und Kobalt noch einmal über die Maßen. Der Lithiumpreis hat sich auf Jahressicht bereits verdoppelt, der Kobaltpreis hat sogar um das Zweieinhalbfache zugelegt.
  • Zweitens müssen die Schwellenländer China und Indien noch enorme Summen in ihre Infrastruktur stecken und zum Beispiel neue Straßen, Brücken und U-Bahnanlagen bauen. Das wird auch den Bedarf an Stahl, Kupfer und Eisenerz weiter stark treiben. Wenn nicht gerade eine globale Rezession ausbricht, wird die Nachfrage so bald nicht einbrechen.

Außerdem gibt es noch einen anderen Zusammenhang, der sich zurzeit bewahrheitet: Fällt der Dollar, so wie derzeit, steigen üblicherweise die Rohstoffpreise. Denn die meisten Rohstoffe sind auf dem Weltmarkt in Dollar notiert. Ist der Dollar schwach, dann sind auch die Lokalwährungen der Produzentenländer stärker, sie können also leichter Preisanhebungen für die Rohstoffe durchsetzen. Umgekehrt können sich Abnehmerländer billiger mit Rohstoffen eindecken, wenn der Dollar schwächelt und damit die Kaufkraft ihrer Währung steigt. Das beflügelt wiederum die Nachfrage.

Für Anleger eignen sich Rohstoff-ETFs – oder Anleihen

Man muss sehen, wie lange letzteres anhält, doch wer wie die Analysten davon überzeugt ist, dass die Zeichen für den neuen Superzyklus selten so gut standen wie jetzt, der sollte sich am besten einen Rohstoff-ETF zulegen. Damit kann man am leichtesten und ohne große Kosten davon profitieren, wenn wirklich der neue Aufschwung einsetzt. Mit einem Indexfonds auf den CRB Index von Thomson Reuters etwa, der eine recht ausgewogene Mischung aus Energiewerten, Landwirtschaftswerten und Metallen enthält. Der S&P GSCI ist ebenfalls ein breiter Rohstoffindex, er ist jedoch erheblich energielastiger, rund zwei Drittel des Index hängen von der Öl- und Gasbranche ab. Da wäre eine breitere Streuung unter Umständen besser.

Oder man kauft jetzt Anleihen. Das klingt zwar merkwürdig, erklärt sich aber, wenn man sich diese Zusammenhänge klar macht: Es gibt eine starke Kopplung zwischen Rohstoffkursen und Anleihen sowie Zinsen. Volkswirtschaftlich gesehen führen steigende Rohstoffkurse zu höheren Kosten bei den Güterproduzenten. Können diese die höheren Produktionskosten über steigende Preise auf die Endverbraucher abwälzen, dann kommt es zur Inflation und somit zu steigenden Zinsen. Das schlägt auf den Anleihenmarkt durch. Eine Trendwende am Rohstoffmarkt gilt gemeinhin als Frühindikator dafür, dass die Zinsen allgemein steigen. Üblicherweise ist der Rohstoffmarkt dem Rentenmarkt dabei drei bis sechs Monate voraus. Auf steigende Zinsen wartet die Welt nun schon sehr lange. Wenn sich auch diesmal die Gesetze der Volkswirtschaft bewahrheiten, dann erzwingt der Aufwärtsdrall bei den Rohstoffen nun tatsächlich, dass es ungefähr in einem halben Jahr endlich so weit ist. Wann, wenn nicht jetzt?