GeldanlageGoldene Börsenregel 2015

Bulle und Bär
Noch herrscht Bullenstimmung an den Märkten. Doch die Anleger fürchten einen Kurssturz

Nadine Oberhuber ist Wirtschafts- und Finanzjournalistin. Sie schreibt auf Capital.de über Geldanlagethemen


Unsicherheit hält der Mensch ja bekanntlich schlecht aus. Es ist ihm zuwider, wenn er nicht genau weiß, was morgen sein wird. Und in solche Situationen gerät er immer wieder: Das Wetter, der Verkehr und natürlich auch die Börsen sind solche chaotischen Systeme, die sich jeglicher sicheren Einschätzung entziehen. Deshalb sucht der Mensch immer und überall nach Strukturen, an denen er sich festhalten kann. Er braucht Ordnung, um sich in der Unsicherheit zurechtzufinden und entwickelt Regeln für das Chaos. Bauernregeln für das Wetter, Stauprognosen und Börsenweisheiten. Das klingt auf den ersten Eindruck ziemlich absurd. Und ehrlich gesagt: Das ist es auch. Sogar noch bei näherem Hinsehen. Trotzdem lassen sich viele Menschen nicht davon abbringen, dass solche Regeln Wahrheiten beinhalten und einzuhalten sind.

Eine davon ist die Regel, dass man seine Aktien getrost im Mai verkaufen kann („sell in May and go away“), weil die Börse in den Sommermonaten sowieso stets schwächelt. Sie führt in diesem Jahr zusammen mit der Lebensweisheit „Bäume wachsen nicht in den Himmel“ dazu, dass die gerade erst erklommenen Höchststände bei Aktienindizes wie dem Dax längst passé sind. In den letzten Apriltagen verkauften viele Anleger ihre Aktien.

Derzeit herrschen keine Frühlingsgefühle mehr an den Börsen, wie in den vergangenen Wochen, sondern eher die Angst vor der großen Schlechtwetterphase. Vom deutschen Sommer war man schließlich in den vergangenen Jahren nur noch wenig gewohnt. Verregnet waren die meisten davon zuletzt. Und von den Börsen kennt man das Phänomen ja ohnehin. Dazu kommt nun der wieder erstarkende Euro und die größer werdende Furcht davor, dass de amerikanische Notenbank ihre Zinssätze wieder anhebt. (Wenn auch nicht diesmal, so doch bestimmt demnächst.) Wieso also sollte man dem Sommer da positiv entgegensehen?

Märkte halten sich nicht an Börsenregeln

Zum Beispiel weil man mal nachhakt, wie oft solche Regeln sich überhaupt bewahrheiten. Von Bauernregeln, die als unumstößliche Wahrheiten gelten, weiß man inzwischen, dass viele von ihnen einen Wahrheitsgehalt von 60 bis 70 Prozent haben – und ebenso viele einen Gehalt von 30, 20 oder nur 10 Prozent. Manche stimmen nur im Norden, andere nur im Osten oder Süden. Keine jedenfalls ist so unumstößlich, wie man glaubt. Bei Börsenregeln haben das so bisher die wenigsten durchgerechnet.

Zumindest für die Sell-in-May-Regel aber lässt sich die Prognosegenauigkeit einigermaßen einfach und sicher feststellen: In den vergangenen 25 Jahren fuhren Anleger mit einer Sommerpause zu 70 Prozent besser als mit einem Allmonatsinvestment. In den letzten 15 Jahren dagegen war die Regel zu 60 Prozent falsch. Und über die vergangenen 118 Jahre der Börsengeschichte, so stellen Forscher nüchtern fest, lässt sich überhaupt kein Jahreszeiteneffekt an den Börsen ablesen.

Wieso auch? Schließlich bestimmen andere Faktoren wie Notenbanken, Wirtschaftswachstum und politische Krisen das Geschehen an den Märkten viel stärker als ein bisschen Sommerloch, Urlaubsstimmung und die Trägheit der Aktionäre es je könnten. Dennoch kommt es an den Börsen seit zirka 50 Jahren gerade im Mai zu starken Turbulenzen. Dann herrscht sozusagen Aprilwetter auf dem Parkett. Genauso gut wie es dabei stürmen und schneien kann, haben Indizes wie der Dax aber in diesem Monat schon die beste Performance ihrer bisherigen Geschichte hingelegt, der Mai 2013 war so ein Monat mit satten sechs Prozent Plus.

Von Exzessen keine Spur

Was die Anleger derzeit zusätzlich schreckt, sind die ohnehin hohen Kurse und der Gedanke: Wenn die Indizes aktuell solche Höchststände erklommen haben, dann können sie ja nicht noch weiter steigen. „All Time High Bias“ nennen Verhaltensökonomen das und es ist nicht mehr als ein Streich, den uns das Gehirn spielt. Denn schaut man zurück auf eben jene 118 Jahre Börsengeschichte, dann hat sich bisher kein Höchststand als der wahrlich endgültige entpuppt.

Auch bei der Wirtschaftsleistung denken viele immer wieder, sie könne ja nicht endlos weiter wachsen – und sie tut es doch. Weil den Menschen immer wieder etwas Neues einfällt, sie Produktivitätsreserven ausschöpfen und dabei immer effizienter werden.

Nun ist es auch zugegeben reichlich idealistisch zu denken, alles wird einfach weitergehen wie es bisher war. Bisher hat es noch stets Dämpfer und Rücksetzer gegeben. Doch warum die Börsenkurse mit steigender Produktivität auf der Welt nicht ebenfalls weiter wachsen sollten, das hat noch keiner schlüssig erklärt. Gemessen an früheren Zeiten hat der Dax bisher nur ein Prozent zugelegt seit dem Jahr 2000. Das ist nicht gerade rekordverdächtig. Und der MSCI World ist seit 2007 nur um fünf Prozent gewachsen. Von exorbitanten Überbewertungen oder Exzessen kann man insgesamt nicht gerade sprechen.

Nur wer Aktien sät, kann reich ernten

Warum ein Rücksetzer zudem ausgerechnet in den kommenden Monaten drohen sollten, leuchtet nach Sicht der Faktenlage auch nicht ein: Die Wirtschaft in Europa setzt jetzt erst zur Erholung an, die Europäische Zentralbank setzen weiter ihre umstrittene Politik des billigen Geldes fort, das sich den Weg an die Aktienmärkte bahnt. Und Anleger entdecken sowieso noch viel zu langsam, dass Aktien mangels Alternativen die einzig wahre Anlageform sind.

Von daher erreichen die Vorsichtigen mit ihrer Zurückhaltung nur eines: eigentlich nichts. Außer, dass sie es sich selber immer schwerer machen, überhaupt irgendwann noch einen Fuß in den Markt zu bekommen. Viele halten sich jetzt aus Respekt vor dem All Time High erst recht raus, weil sie denken, das Nichtstun schade ihnen weniger als ein Investment, bei dem ihnen ein möglicher Kurssturz ein paar Wochen nach dem Einstieg die kurzfristige Rendite verhageln könnte. Denn der Verlust, den sie in so einem Fall spüren würden, wiegt für die Anlegerpsyche weitaus schwerer als der entgangene Gewinn, den sie niemals einstreichen, wenn sie langfristig nicht beim Aktienaufschwung dabei sind. Obwohl der im Vergleich viel größer sein dürfte. Das ist eine der klassischen Fallen, in die Anleger gern tappen, warnen Verhaltensökonomen.

Und so findet der Aktienaufschwung eben ohne viele Sparer statt. Nicht nur dieser, sondern vermutlich auch der nächste. Denn wann steigt man nach einem Crash ein? Womöglich zu früh, also wartet man lieber ab. So lange, bis die Kurse wieder steigen und ein neues Hoch Angst vor neuen Kursgewittern verbreitet. Gründe, um aus dem Markt auszusteigen, findet man immer wieder, dafür braucht man keine Börsen- oder Bauernregeln. Für den Einstieg müsste aber vielleicht mal eine erfunden werden. Vielleicht die: Nur wer irgendwann Aktien sät, kann auch reich ernten. Und die irrationalsten Bauern ernten ja bekanntlich die dicksten Kartoffeln.