GeldanlageDie Fehler der Berater

Rechner Finanzprodukte
Verrechnet: Viele Anleger sind unzufrieden mit den Empfehlungen der Berater

Nadine Oberhuber ist Wirtschafts- und Finanzjournalistin. Sie schreibt auf Capital.de über Geldanlagethemen


Zugegeben, noch ist es eine Utopie, aber bald machen Bank- und Finanzberater vielleicht Folgendes, bevor sie ihren Dienst am Anleger antreten: Sie schwören den Vermögensgöttern, dass sie ihr Wissen nie zum Schaden ihrer Kunden einsetzen werden. Und dass sie nie die Wehrlosigkeit der finanziell Unwissenden zu ihrem eigenen Vorteil ausnutzen. Ähnlich wie Ärzte, die den Berufseid ablegen: „Ich werde ärztliche Verordnungen nur zum Nutzen der Kranken treffen“, werden sie sagen: „Ich werde finanzielle Beratungen nur zum Nutzen der Kunden leisten.“ Dann erst können sie mit ihrem Beruf loslegen. So ähnlich jedenfalls stellt es sich Verbraucherschutzminister Heiko Maas vor. Er wünscht sich einen Hippokratischen Eid für die Finanzbranche. Ein entsprechender Geldgelehrter als Namensgeber wird dafür noch gesucht.

Nötig wäre der Eid dringend, das belegen Studien und Testkäufe immer wieder. Denn um den Ruf von Finanzberatern steht es hierzulande nicht zum Besten. Bisher scheinen die wenigsten von ihnen nach den Grundsätzen zu handeln, auf die sie künftig den Schwur ablegen müssten. Erst vor wenigen Tagen beklagten sich 62 Prozent der Befragten in einer Umfrage der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK), die Beratung von Banken sei „nicht kompetent und nicht im Sinne des Kunden“. Jeder fünfte Anleger verzichtet demnach inzwischen darauf, überhaupt einen Berater zu konsultieren. Vor allem Selbstständige, Über-30-Jährige und Männer beraten sich lieber selbst und nehmen ihre Geldgeschäfte in die eigene Hand. Was keine schlechte Idee ist, denn ältere Studien belegten, dass Anleger, die den Ratschlägen ihrer Anlageberater folgten, unterm Strich in Sachen Rendite sogar schlechter abschnitten als diejenigen, die auf Beratung verzichteten.

Das erinnert stark an die Versuche, die Forscher mit Affen beim Aktienkauf machten. Sie ließen Menschen und Affen jeweils Aktien auswählen und fanden heraus: Die Depots der Tiere, die nach dem Zufallsprinzip zustande gekommen waren, schlugen sich mitnichten schlechter als die der menschlichen Anleger. Nun sind künftige Entwicklungen bei Einzelaktien tatsächlich ungefähr so gut zu prognostizieren wie der Ausgang beim Roulette.

zweifelhafte Beratung eher die Regel als die Ausnahme

Doch ob für einen Anleger nun eine Rentenversicherung oder ein breit gestreuter Renten- oder Aktienfonds – nach allen Kosten, langfristigen Entwicklungen sowie unter Einbeziehung der Lebensumstände des Kunden – die bessere Anlagealternative wäre, müssten geschulte Berater sehr wohl beurteilen können. Können sie aber anscheinend nicht. Zumindest handeln sie in sehr vielen Fällen nicht im Kundensinne: Frühere Erhebungen des Verbraucherschutzministeriums gehen davon aus, dass deutsche Sparer jedes Jahr zwischen 30 und 50 Mrd. Euro verlieren, weil sie mangelhaft beraten werden und in Produkte investieren, die sie verlustreich kündigen oder die floppen. Zudem entgehen ihnen Zinsen in zweistelliger Milliardenhöhe durch zu viele unrentable Produkte.

Eine aktuelle Auswertung der Verbraucherzentralen von über 600 Finanzberatungen bestätigt, dass zweifelhafte Beratung eher die Regel als die Ausnahme ist: 40 Prozent der Produkte, die danach in den Depots lagen, waren so schlecht, dass sie dringend hätten ausgewechselt werden müssen. Die Hauptkritikpunkte waren dabei: In mehr als der Hälfte der Fälle empfahlen Berater unrentierliche Papiere oder zu teure. In jedem dritten Fall war das Produkt deutlich zu riskant für die Risikoneigung des Anlegers. Und in jedem vierten Fall zu unflexibel für die Lebenssituation des Kunden.

Insgesamt, so stellte die Stichprobenerhebung fest, verkauften die Berater jedem zweiten Sparer eine Lebens- oder Rentenversicherung – und das, obwohl die allermeisten unabhängigen Finanzexperten bei den derzeitigen Niedrigzinsen stark von solchen starren Produkten abraten. Auch wegen der  sehr hohen Kosten. Nur jeder vierte Anleger bekam Fonds, Aktien oder Anleihen empfohlen, die aus Sicht der Experten für die allermeisten Langfristsparer eine erheblich bessere Anlageform sind.

Tausende Beschwerden über Berater

Warum die Berater so handeln? Weil sie mit dem Verkauf von Versicherungsverträgen immer noch ein Vielfaches von dem verdienen, was sie für den Verkauf anderer Wertpapiere bekommen. Nämlich die üppigen Provisionen. Das alles nährt mal wieder den Verdacht, dass Berater mitnichten den Nutzen der Kunden im Sinn haben, sondern nur ihren eigenen. Sie nutzen das Unwissen der Kunden reichlich aus.

Mit dieser provisionsgetriebenen Beratung sollte nun eigentlich Schluss ein, seit es die Beratungsprotokolle gibt, die seit 2010 gesetzlich vorgeschrieben sind. Darin nämlich müssen Bankberater und Anlagevermittler schriftlich festhalten, nach welchen Kriterien sie ein bestimmtes Produkt verkaufen und was sich hinter diesem Papier verbirgt. Das soll sich der Kunde zuhause noch einmal schriftlich durchlesen können. Nach Einführung der Protokollpflicht richtete die Aufsichtsbehörde Bafin auch ein Beschwerderegister ein, das es seit Ende 2012 gibt. Pro Jahr gingen darin 8000 bis 9000 Beschwerden von Sparern über ihre Berater ein. Es sind bereits rund 16.000 Fälle erfasst bei 160.000 Beratern. Auf jeden zehnten Berater kommt also eine Beschwerde – und das, obwohl das Register noch kaum einer kennt. Zudem ist die Zahl der Anleger, denen schlechte Beratung überhaupt frühzeitig auffällt und die dagegen vorgehen, üblicherweise gering.

Zudem stellte das Verbraucherschutzministerium nach Testkäufen im vergangenen Jahr fest: Wirklich geholfen hat die Protokollpflicht bisher nicht. Nur in jedem vierten Fall bekamen Bankkunden das Protokoll überhaupt ausgehändigt. Versicherungskunden sogar noch seltener. Und: Warum sie zu einem bestimmten Produkt rieten, begründeten die Berater darin ohnehin nicht. Kann man sich die Protokollpflicht da nicht gleich sparen?

Ja, findet die Finanzbranche. In ihren Augen ist der Papierkram ohnehin nur „lästige Bürokratie“, ohne die sie angeblich besser arbeiten würde. Schön wäre es. Auf jeden Fall denkt jetzt auch Justizminister Heiko Maas laut darüber nach, wie man den Banken das Arbeiten wieder erleichtern könnte. Denn vor allem höher rentierliche Produkte wie Aktien würden die Institute kaum noch verkaufen, stellte die Branche dieser Tage fest. Weil die Dokumentationspflichten dafür zu hoch wären, klagten Banken und Sparkassen bereits in den vergangenen Monaten, verzichteten mittlerweile etwa 15 Prozent der Geldinstitute auf die Aktienberatung und die Empfehlung von Einzeltiteln.

Berater nach Erfolg bezahlen

Ob das nun aber zum Schaden der Anleger ist? Damit wären wir wieder bei der Frage, wer das bessere Gespür für Einzelaktien hätte: geschulte Berater, unterschiedlich informierte Kunden oder doch die Affen? Von einer überbordenden Dokumentation beim Verkauf von Fondsanteilen kann man jedenfalls nicht reden. Die könnten Berater reichlich unter die Anleger bringen – wenn sie wollten. Dass sie lieber jedem Kunden eine Zweit- oder Drittrentenversicherung verkaufen, oder Koppelprodukte, bei denen Darlehen oder Berufsunfähigkeitsschutz an kapitalbildende Policen geknüpft werden, und sogar hoch riskante Genussscheinkonstruktionen guten Absatz finden – bei denen ebenfalls üppige Provisionen an die Verkäufer fließen – lässt nicht vermuten, dass wirklich besser beraten würde, wenn weniger dokumentiert werden müsste. Jedenfalls nicht, so lange die Branche von Provisionen lebt.

„Vereinfachen“ klingt zwar immer gut. Vereinfachen müsste man aber nicht nur die Protokolle, sondern sämtliche Schriftstücke, die Banken an Kunden ausreichen und die Sprachexperten oft genug als unverständlich bezeichnen. Experimentell klingt zumindest die Idee, dass die Branche einen Amtseid schwören müsste. Nur müssten Beschwerden von Kunden dann auch Wirkung für einzelne Berater haben und von einer berufsständischen Kammer geahndet werden.

Wirklich ändern würde sich die Branche aber nur, wenn Berater häufiger nach dem Erfolg einer Anlage bezahlt würden – also prozentual nach dem Nutzen, den sie ihren Kunden stiften. Und nicht nach den Stückzahlen, die sie verkaufen. Dann wären Berater und Kunde ein Schicksalsverbund. Und so etwas schweißt mehr zusammen, als alle großen Worte dieser Welt.