VermögensaufbauDie ETF-Revolution

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John Bogle
John Bogle

Schon bevor John Bogle 1974 seine revolutionäre Idee hatte, rätselte die Forschung schon seit Jahrzehnten, wieso der Großteil der Fondsmanager gemessen an einfachen Indizes unterdurchschnittliche Renditen erwirtschaftete. Der US-Wirtschaftswissenschaftler Alfred Cowles etwa fragte sich schon 1933, wie gut eigentlich die Prognosefähigkeit von Kapitalmarktprofis ist. Vorangegangen waren vier katastrophale Börsenjahre, von 1929 bis 1932 büßte der Dow-Jones-Index über 80 Prozent ein. Cowles also wertete Tausende Ausblicke und Empfehlungen von Versicherungen, Banken und Brokern aus – und kam zu einem eindeutigen Schluss: Die Prognosegüte von Experten fußt auf nichts als blankem Zufall. Die typische Trefferquote lag stets in der Nähe von 50 Prozent.

Allein: Prognosefreies Investieren, das Anstreben eines durchschnittlichen Ergebnisses – das war damals intellektuell undenkbar. Zumal die ganze Finanzindustrie (aber auch Medien) gut davon lebte, Anlegern die Vorteile einer aktiven Auswahl von Ländern, Anlageklassen und Wertpapieren näherzubringen. Hinzu kam: Die Vermessung von Aktienmärkten über Indizes steckte noch in den Kinderschuhen. Zwar hatte der US-Journalist Charles Dow schon 1896 den Dow-Jones-Index erfunden, archaisch berechnet, indem er lediglich die Kurse der zwölf größten Aktien addierte und durch zwölf teilte. Zwar gab es auch seit 1957 den S&P-500-Index und ab 1961 in Deutschland den FAZ-Index. Aber die heute fast verschwundenen Börsentendenzen „fester“, „freundlich“, „haussierend“ oder „schwächer“ genügten Investoren für eine Grobeinschätzung.

„Der größte Schrott“

Das änderte sich zunächst auch nicht, als der US-Ökonom Burton Malkiel in seinem 1973 erschienenen Buch „A Random Walk Down Wall Street“ – frei übersetzt: „Ein zufälliger Spaziergang über die Wall Street“ – die Kurspropheten und Fondsanbieter in einem zuvor unerhörten Ton angriff. Der damals 41-jährige Forscher der Princeton University nannte die Chart- und Fundamentalanalyse einen für Anleger teuren und irreführenden Hokuspokus, und er nahm den Anbietern die Illusion, über aktive Titelauswahl jemals besser abschneiden zu können als der Gesamtmarkt. Der sei nun mal effizient, weil Informationen rasch in die Kurse einfließen würden. Malkiels statistisch gut belegte 450-Seiten-Tirade gipfelte in dem Satz, dass selbst „ein Affe, der mit verbundenen Augen Dartpfeile auf eine Zeitungsseite mit Aktienkursen werfe, damit nicht schlechter abschneide als ein von Profis ausgewähltes Portfolio“.

Die Investmentszene war außer sich. „Das Buch ist der größte vorstellbare Schrott“, urteilte ein Rezensent im Fachmagazin „Businessweek“. Doch der Weg war bereitet für die Idee, dass es langfristig besser sein könnte, sich mit dem Durchschnitt eines Index zufriedenzugeben, anstatt ihn gegen happige Gebühren schlagen zu wollen. „An einem ehernen Gesetz der Geldanlage wird sich nie etwas ändern, egal was Profis erzählen: Je niedriger die Gebühren, desto mehr bleibt nun mal für Anleger übrig“, lautet Malkiels Mantra noch heute.

Bloß hielten die alten Traditionen sich hartnäckig, und für die Fondsgesellschaften ging es um viel Geld. „Insgesamt summierten sich die Gesamtkosten für einen Investmentfonds aus Managementgebühr, Vertriebsprovisionen, Handel leicht auf drei Prozent pro Jahr – und das für die Quasi-Garantie, schlechter abzuschneiden als der Markt“, schreibt Bogle in einem Aufsatz. Dem wollte er seinen S&P-500-Indexfonds entgegenhalten: mit Gebühren von nur 0,3 Prozent pro Jahr, mit guten Argumenten und den größten US-Brokerhäusern an Bord, die den Vertrieb anstoßen würden. Ein „Slam Dunk“ sollte die Platzierung werden, 150 Mio. Dollar peilte Bogle an.

Das Ziel verpasste man um 93 Prozent. Schlappe 11 Mio. Dollar kamen während der damals üblichen Platzierungsphase zusammen. Das Geld reichte nicht einmal, um kosteneffizient alle Indextitel zu kaufen. „Bogles Dummenfonds“ spotteten Branchenvertreter. Vanguard aber hielt durch, auch dank der geringen internen Kosten – und überschritt fünf Jahre später mit seinen passiven Anlagevehikeln die Marke von 1 Mrd. Dollar. Das lockte erste Wettbewerber in den Markt.

Der große Wachstumsschub folgte ab 1993, als in den USA börsengehandelte Fonds (ETFs) eingeführt wurden. Beim Handel von Fondsanteilen an der Börse nämlich fielen Banken und Berater als entscheidende (und teure) Instanz für den Fondsvertrieb weg. Der Siegeszug von Onlinebrokern tat sein Übriges.