BilanzkniffeDie Bilanzkniffe der Unternehmen

Zahlen haben ja etwas Eindeutiges. Das gilt aber nur, solange man nicht so genau hinschaut
Zahlen haben ja etwas Eindeutiges. Das gilt aber nur, solange man nicht so genau hinschautMaximilian Virgili

Wer sich als Anleger für saubere Zahlen interessiert, der stößt ausgerechnet beim Waschmittel- und Kosmetikriesen Henkel auf ein Problem: Aus den Pressemitteilungen und Geschäftsberichten wird er so schnell kaum verstehen, wie gut der Konzern nun dasteht. Für das Geschäftsjahr 2018 etwa weist Henkel zwei Zahlen aus, die beide fast genau gleich heißen, sich aber doch gravierend unterscheiden.

Einmal betrug der Gewinn pro Aktie – also der Betrag, den die Düsseldorfer für eine einzige Aktie im vergangenen Jahr verdient haben – 5,33 Euro. Gegenüber 2017 ist das ein Minus von mehr als acht Prozent. Und an anderer Stelle betrug er 6,01 Euro, fast drei Prozent mehr als 2017. Kein Wunder, dass Henkel in seiner Pressemitteilung für die 2018er-Zahlen im Februar die 6,01 Euro ganz nach oben stellte – während das Dax-Mitglied die 5,33 Euro in der Mitteilung nicht erwähnte.

Den Unterschied zwischen den Zahlen macht ein Wörtchen aus: „bereinigt“. Die 6,01 Euro sind der „bereinigte Gewinn pro Aktie“, dabei rechnet Henkel bestimmte Kosten, etwa für die Integration einer zugekauften Firma und für seine IT, aus den Gesamtkosten des Konzerns heraus. So steht das Unternehmen plötzlich deutlich besser da. Ausgegeben hat es das Geld natürlich trotzdem.

Henkel ist nur eines von vielen Unternehmen, die als Maßstab für den eigenen Erfolg neben bekannten und gelernten Kennzahlen wie dem Gewinn vor Steuern, Zinsen und Abschreibungen (Ebitda) noch andere selbst kreierte Ziffern präsentieren – gern etwas prominenter als die üblichen Klassiker. Da wird dann etwa der Gewinn um bestimmte Aufwendungen „bereinigt“. Das klingt zunächst gut, führt unterm Strich aber dazu, dass bestimmte Kosten in einem Geschäftsjahr zwar angefallen sind, die Firmen aber so tun, als würden sie den Gewinn nicht mehr reduzieren. Die bereinigte Welt ist oft einfach ein bisschen schöner, frei nach Pippi Langstrumpf: „Ich mach mir die Welt, widdewidde wie sie mir gefällt.“

Fast alle machen es heute

Wie so vieles in Europa kommt auch dieser Trend hierzulande mit einiger Verzögerung aus den USA: Dort weisen inzwischen fast alle börsennotierten Konzerne eine Vielzahl bereinigter Kennziffern aus. Mittlerweile greift die Kreativität auch in Deutschland um sich. Unter den 30 wichtigsten Börsenkonzernen im Dax nutzen derzeit immerhin 20 alternative Kennzahlen in ihren Geschäftsberichten und Aktionärsbriefen, zeigt eine Auswertung der Kölner Fondsgesellschaft Flossbach von Storch exklusiv für Capital. Dazu zählen neben Henkel etwa die Lufthansa und SAP, Bayer und Beiersdorf. Bereinigt werden neben dem Gewinn pro Aktie gern auch der Umsatz und der Jahresüberschuss. Hinzu kommen ganz neue Kreationen, die Verluste auf einmal wie Gewinne erscheinen lassen.

Klar, dass Anleger an solche Zahlen mit großer Vorsicht herangehen sollten. „Konzerne nutzen die bereinigten Zahlen mitunter gern, um sich schönzurechnen“, warnt Roger Peeters, Fondsmanager des DWS Concept Platow und Mitglied der Unternehmensanalyse-Kommission, die die Deutsche Vereinigung für Finanzanalyse und Asset Management (DVFA) eingerichtet hat.