BörsenturbulenzenDie Angst vor dem ganz großen Kurssturz

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Die Sache mit dem Todeskreuz

Die 12.000 Punkte gelten als psychologisch wichtige Marke in den Augen vieler Charttechniker. Denn die Börsianer haben offenbar einen Hang zu runden Kursmarken. Im Jahr 2017 habe diese Grenze gleich zweimal als Unterstützungslinie gedient, unter die damals der Dax-Kurs nicht gefallen ist. Auch im Februar noch hielt die 12.000er Marke. Augenblicklich aber steht der Index bei rund 11.850 Punkten. Allein in der vergangenen Woche sackte er von 12.350 Punkten um rund 500 Punkte ab, um gut vier Prozent. Seit Ende Januar hat er knapp 13 Prozent verloren, damals stand er noch bei 13.500. Das ist natürlich ein bemerkenswerter Verlust von beinahe 2000 Punkten. Aber glaubt man an die Charttechnik, dann ist das bisher noch nicht bedrohlich. Denn weitere wichtige Unterstützungslinien machen die Techniker bei 11.800 Punkten aus und die entscheidende Linie sogar erst bei der 11.300-Punkte-Marke. Erst sie markiert das untere Ende des langfristigen Aufwärtstrends. Das würde bedeuten: Erst wenn der Dax unter jene 11.300 Punkte fällt, sollten wirklich die Alarmzeichen aufleuchten.

Was aber ist nun mit dem Todeskreuz? Sein Auftreten haben mehrere Statistiker untersucht. Eine ältere Analyse von Finanzprofessoren der amerikanischen Brandeis University wertete das Auftreten des Todeskreuzes und die Börsenverläufe danach über 20 Jahre aus – bis 2010 und stellte fest: Eine deutliche Aussagekraft hat das Kreuz nicht. Zwar hätte es 2007 tatsächlich verhindern können, dass Anleger vom Lehman-Kollaps und Börsencrash getroffen worden wären – wenn sie sich sofort beim Auftreten vom Aktienmarkt zurückgezogen hätten und erst wieder eingestiegen wären, als die 50-Tage-Linie die 200-Tagemarke nach oben durchkreuzte. Doch das Kreuz sei auch im Jahr 2005 bereits aufgetreten, als der große Aufschwung an den Börsen noch in vollem Gange war. Wer damals bereits ausstieg, verpasste einen guten Teil der Hausse zwischen 2002 und 2007. Es produziert also auch Fehlsignale.

Eine weitere Auswertung ging zurück ins Jahr 1989 und betrachtete den Zeitraum bis 2010. Und stellte fest: Zwischen 1989 und 2000 fuhren Anleger besser, wenn sie ununterbrochen in Aktien investiert blieben – statt bei Chartsignalen auszusteigen. Im Zeitraum von 2000 bis 2010 jedoch wäre ein Ausstieg besser gewesen. In diese Phase fielen allerdings auch gleich zwei große Aktiencrashs, nämlich jener von 2000/2001 am Dotcommarkt und der Finanzcrash von 2007/2008.

Kann man Chartsignalen trauen?

Betrachtet man die Zeit von 1991 bis 2015, so trat das Todeskreuz allein zwölfmal auf. Ganz so selten ist es also nicht. Mehr noch: In nur vier der zwölf Fälle gab es nach dem Todeskreuz deutliche Kursabschläge an den Börsen. Nämlich ab September 2000, ab Juni 2002, ab Januar 2008, doch schon über den Juli 2011 kann man streiten. Damals sackte der Dax-Kurs von knapp 7400 zwar auf 5500 Punkte ab, bereits ab September 2011 aber startete die große Rally, die dann die Kurse auf die jetzigen 12.000 Punkte hinaufkatapultierte. Wären Anleger jedenfalls zu allen zwölf Zeitpunkten aus dem Markt ausgestiegen und hätten ihr Geld stattdessen solange in Anleihenfonds geparkt, bis aus dem Todeskreuz das Gegenteil, nämlich das Goldene Kreuz geworden wäre, so hätten sie sich zwar große Crashs erspart, aber auch größere Transaktionskosten produziert.

Überdies hätten sie auch so manchen Kursanstieg versäumt und so manchen Rallybeginn glatt verpasst. Denn in sogar acht Fällen brachen die Kurse nach Auftreten eines Todeskreuzes nicht nur nicht ein, sondern sie hoben sogar merklich ab. Wer im September 1998 etwa ausstieg wegen des Kreuzes und dann prompt dem Markt fernblieb, bis April 1999, der stieg buchstäblich am Kurstiefpunkt aus und hat einen Großteil der Dotcom-Rally bis April 2000 damit verpasst.

Woran es liegt, dass man Chartsignalen so wenig trauen kann, das erklären Finanzwissenschaftler so: Es gibt inzwischen so viel mehr neue Marktteilnehmer und so viele Computeranalyseprogramme, die auf den Märkten aktiv sind, und die überdies so schnell Informationen verarbeiten, dass es beinahe unmöglich ist, wiederkehrende Muster gezielt auszubeuten. Im Klartext: Wer clever ist, der versteht es auch aus solchen fallenden Durchschnittskurven oder Todeskreuzen noch einen Gewinn zu schlagen. Findige Marktbeobachter raten zum Beispiel jetzt dazu, mit spekulativen Papieren auf fallende Kurse zu setzen. Mit mehrfach gehebelten Papieren etwa, die zwar ein hohes Risiko bergen, aber auch kleine Abstürze zu großen Gewinnen machen. Das ist natürlich sehr gewagt. Umgekehrt nutzen viele Marktteilnehmer Schwächephasen zum Aufstocken ihrer Bestände.

Erst wenn wirklich panikartig alle gleichzeitig aus den Märkten fliehen und dann auch die Wirtschaft Schaden nimmt, kommt es zum großen dauerhaften Abwärtstrend. Zurzeit registrieren Analysten viele Gewinnmitnahmen von Investoren. Und wenige antizyklische Zukäufe. Ob damit aber wirklich schon der große Ausverkauf begonnen hat, muss letztlich immer noch jeder Anleger für sich entscheiden. Ausschlaggebend sollte sein: Wie dringend braucht man das am Aktienmarkt investierte Geld in nächster Zeit? Eher dringend, dann ist vielleicht eine Gewinnsicherung gar nicht die schlechteste Idee. Oder eher nicht, weil es ums langfristige Sparen geht, dann sollte man sich über Kerzen, Kreuze oder Crashs ohnehin viel weniger Gedanken machen. Dann nämlich macht vor allem ein Blick auf die Einstiegspunkte Mut: Viel länger als ein bis zwei Jahre dauerte es selbst bei den schlimmsten Crashs nicht, bis aus den Todeskreuzen wieder goldene Kreuze geworden waren. Sehr oft ging es sogar sehr viel schneller.