Deutsche Bank„Die Investoren misstrauen den guten Zahlen“

Deutsche Bank-Chef John Cryan
Deutsche Bank-Chef John CryanGetty Images

Capital: Herr Hein, die Quartalszahlen der Deutschen Bank sind deutlich besser als erwartet: Der Gewinn hat sich im Vergleich zum Vorjahresquartal verdoppelt, er beträgt fast 650 Mio. Euro. Trotzdem hat die Aktie zwischenzeitlich zweieinhalb Prozent verloren. Hat die Börse einfach nie genug?

Dieter Hein: Das Problem ist doch: Der Umbau läuft jetzt schon seit 2012 und so langsam werden die Investoren ungeduldig. Obwohl die Wirtschaftslage so gut ist, beträgt die Eigenkapitalrendite der Bank nur circa vier Prozent; das ist gut gemessen daran, was die Bank bisher erzielt hat. Im Vergleich mit anderen Instituten ist das ein schlechter Wert. Selbst Sparkassen und Volksbanken beispielsweise kommen auf sechs bis acht Prozent.

Aber die Bank konnte ihre Kosten massiv senken, sie hat gegenüber dem Vorjahr 4000 Stellen gestrichen. Normalerweise reagiert die Börse auf solche Zahlen euphorisch, wieso nicht bei der Deutschen Bank?

Die Deutsche Bank präsentiert die großen Belastungen typischerweise erst im nächsten Quartal, im vierten. Jetzt, im dritten Quartal, sind die Kosten etwa für Abschreibungen ungewöhnlich niedrig; die Investoren misstrauen aber der Bank und ihren Zahlen. Das Institut beziffert beispielsweise allein die künftigen Kosten für die kommende Integration der Postbank auf gut 2 Mrd. Euro. Der Vorstandsvorsitzende John Cryan muss erst noch beweisen, dass er bei stabilen Umsätzen die Kosten dauerhaft senken kann, aber daran habe ich meine Zweifel, nicht nur wegen der Postbank. Das Geschäftsmodell stimmt einfach nicht.

Das Institut erzielt mehr als 50 Prozent seiner Erträge im Investmentbanking.

Ja, der Fokus auf das Investmentbanking ist das Problem. Der Bereich kostet die Bank inzwischen viel Geld, weil sie ihre Geschäfte mit relativ viel Kapital hinterlegen muss, um die hohen Risiken abzusichern. Das macht die Sache dann ziemlich unattraktiv. So lange die Deutsche Bank hier aktiv ist, wird sie ein Kostenproblem haben. Sie müsste das Investmentbanking deutlich stutzen, so wie es viele andere europäische Institute getan haben. Aber das Paradigma bei der Deutschen Bank ist ein anderes: Das Institut verkauft lieber andere Unternehmensteile, bevor irgendwas im Investmentbanking geschieht. Und jetzt brechen ihr hier auch noch die Umsätze weg.

Die Erträge im gesamten Deutsche-Bank-Konzern fielen im Vergleich zum Vorjahresquartal um gut zehn Prozent, den größten Anteil daran hat das Investmentbanking. Die Bank begründet die Zahlen unter anderem damit, dass die Kunden schlicht weniger gehandelt haben als vor einem Jahr. Damals hat der Brexit zu vielen Verkäufen und Käufen geführt. Ist das eine Entschuldigung?

Nur zum Teil. Zwar haben auch die Erträge der Konkurrenten in den Vereinigten Staaten gelitten, trotzdem haben sie besser abgeschnitten als die Deutsche Bank. Die US-Institute sind einfach effizienter.

Ein Teil der Deutsche-Bank-Strategie ist, bis Frühjahr 2019 die hauseigene Fondsgesellschaft teilweise an die Börse zu bringen, die Deutsche Asset Management. Der Bereich erzielt biedere, aber stabile Renditen, die das Institut so sehr braucht, gerade nach der Schlappe im Investmentbanking. Ist der Börsengang sinnvoll? Schließlich erhält die Deutsche Bank dann nur noch einen Teil der Gewinne aus dem Fondsgeschäft.

Derzeit haben wir ein günstiges Umfeld für Börsengänge, weil die Kurse so hoch sind. Allerdings wollte die Bank bereits vor einigen Jahren große Teile ihrer Fondsgesellschaft verkaufen, konnte aber keinen Käufer finden. Sie muss die Investoren überzeugen, dass dieses Geschäft jetzt nachhaltig profitabel ist und gute Zukunftsaussichten besitzt. Das Problem ist: Das, was unter dem Namen Deutsche Asset Management firmiert, ist oft im Konzern hin und hergeschoben worden. Es gibt deshalb bislang gar kein Zahlenmaterial, was erkennen ließe, ob der Bereich nachhaltig und über Jahre hinweg profitabel ist. Ich kann noch nicht einschätzen, ob der Börsengang eine gute Idee für Investoren oder die Bank ist.

Die Deutsche Bank will höhere Erträge generieren, indem sie sich wieder stärker auf dem Heimatmarkt engagiert. Bis Ende 2018 will das Institut beispielsweise eine Direktbank gründen. Ist das jetzt endlich die zündende Idee?

Das ist grundsätzlich gut, kommt aber erstens auch ein wenig spät. Wir sind im Jahr 2017, es gibt etliche Direktbanken. Zweitens ist die Frage, ob die Kunden bei all dem Wirrwarr noch hinterherkommen – und der Plan am Ende in höheren Einnahmen resultiert. Die Deutsche Bank hat schon vor 20 Jahren eine Direktbank gegründet, dann hat sie das Projekt wieder weitgehend begraben. Jetzt also der nächste Versuch. Ähnlich ist es mit der Postbank: Erst wollte die Deutsche Bank sie in den Konzern integrieren, dann verkaufen, jetzt wieder integrieren – und jedes Mal präsentieren die Verantwortlichen ihre Idee als neuen Stein der Weisen. Ich kann da keine stringente Strategie erkennen. Die Deutsche Bank muss einfach mal Dinge umsetzen und ihre angekündigten Ziele erreichen.