KolumneDer Geist der Nuller Jahre

Christian Kirchner
Christian Kirchner
© Gene Glover

Christian Kirchner ist Frankfurt-Korrespondent von Capital. Er schreibt an dieser Stelle regelmäßig über Geldanlagethemen. Hier können Sie ihm auf Twitter folgen


Wer auf der Jahrespressekonferenz der Deutschen Bank in den Jahren 2004 oder 2005 in einen komatösen Schlaf gesunken und heute früh bei Folie 15 der Präsentation ihrer „Strategie 2020“ wieder aufgewacht ist, hat wenig verpasst. Denn die mehrmonatige Analyse des Geschäftsumfelds, so führte Co-Chef Anshu Jain am Montag früh aus, habe „fünf Trends ergeben, welche die Bedürfnisse unserer Kunden verändern“: Kunden würden wohlhabender und älter, urbaner, sie seien fokussiert auf Schwellenländer, Kapitalmarktzugänge sowie technisch versiert in Sachen Internet und Preisvergleiche. 

Digital orientierte Kunden? Immer wichtigere Schwellenländer? Der demographische Wandel und Urbanisierung als Trend? Genau genommen waren dies schon vor einem Jahrzehnt weder neue noch überraschende Trends. Umso erstaunlicher, dass das Institut sie dennoch – ohne rot zu werden – unter anderem als Gründe aufführt, im Zuge der „Strategie 2020“ gleich eine Reihe von Maßnahmen einzuleiten: Die Postbank wird bis Ende 2016 verkauft oder an die Börse gebracht, die Kosten werden binnen fünf Jahren nochmals um 3,5 Mrd. Euro pro Jahr gesenkt und dabei 200 Filialen geschlossen, die Präsenz in bis zu zehn Ländern reduziert oder aufgegeben, zahlreiche Geschäftsbereiche gestutzt.

Parallel dazu hat die Deutsche Bank ihr Renditeziel gesenkt – künftig peilt sie nur noch eine Eigenkapitalrendite von zehn statt bisher zwölf Prozent an – aber ihre Ziele für den Verschuldungsgrad über die regulatorischen Anforderungen hinaus erhöht (letzteres ist übrigens die eigentliche Überraschung und das ambitionierteste Ziel). Dass dabei eine leicht geschrumpfte globale Universalbank ohne Postbank herauskommt, die strategisch der Deutschen Bank vor rund zehn Jahren verdächtig ähnelt, ist gewiss kein Zufall.

Nicht noch ein Strategiewechsel

Doch wieso dürfen überhaupt noch die Co-Chefs Anshu Jain und Jürgen Fitschen die „Strategie 2020“ orchestrieren, nachdem die Bilanz ihrer annähernd dreijährigen Amtszeit bislang äußerst schwach ausfällt? Die Deutsche-Bank-Aktie läuft schließlich sehr viel schlechter als der Gesamtmarkt und Wettbewerber. Die Kosten haben beide nie in den Griff bekommen, sie pendeln weiter verlässlich um die Marke von sechs Milliarden Euro pro Quartal, folglich blieben auch die Renditeziele stets unerreicht. Milliardenschwere Rechtsstreitigkeiten mögen Altlasten sein, wären mit etwas weniger Dickschädeligkeit im Umgang mit Ermittlern und Aufsehern schneller und womöglich billiger beizulegen gewesen. Über das in die Welt gesetzte große Wort des „tiefgreifenden Kulturwandels“ ist alles gesagt, nur noch nicht von jedem. 

Die Antwort, warum Jain/Fitschen weiter am Ruder sind, lautet: Weil Aufsichtsrat und Aktionäre schlicht verinnerlicht haben, dass jede Strategie besser ist, die einfach einmal durchgehalten wird, statt sie regelmäßig über den Haufen zu werfen, weil es an der Umsetzung hapert oder sich die Rahmenbedingungen ändern. Genau das ist es schließlich, was die Deutsche Bank in ihrer internationalen Bedeutung hat abrutschen lassen. Manche Banken bauten ihre Schwellenländerpräsenz aus, andere das Investmentbanking, wieder andere setzen stark auf das Thema Digitalisierung des Privatkundengeschäfts oder die Vermögensverwaltung. 

Vermutlich hätte jede (!) durchgehaltene Strategie, sei es die Konzentration auf das Privatkundengeschäft, das Investmentbanking oder auch klare regionale Schwerpunkte oder gar die Segmentierung des Privatkundengeschäfts mit der Bank24 zur Jahrtausendwende – zu besseren Ergebnissen für Mitarbeiter und Aktionäre geführt als eine Reihe von Strategiewechseln.

Postbank als Bürde

Der Verkauf der Postbank ist dennoch naheliegend und richtig, wenn es die Deutsche Bank ernst meint mit ihren Ertragszielen und Verschuldungsquoten – auch, wenn die Milliardeninvestitionen in die Integration damit verloren sind. 

Dazu muss man sich vor Augen führen, dass die Postbank heute eine Verschuldungsquote aufweist, die weit schlechter ist als das, was sich die Deutsche Bank vorgenommen hat. Und: Sie ist schon heute ertragsschwächer, als jene Ziele, die die Deutsche Bank für den Konzern ausgegeben hat. Zwar steht für das letzte Jahr ein Gewinn vor Steuern von 460 Mio. Euro zu Buche. Bei der einlagenstarken Postbank ist die Anhängigkeit von Zinsüberschüssen aber besonders hoch. Sie trug zuletzt zu mehr als zwei Drittel zu allen Überschüssen der Postbank bei.

In der aktuellen Zinslage stehen aber eben jene Zinsüberschüsse stark unter Druck, weil die Einlagen rascher klettern als die Kreditnachfrage – und Institute anders als früher die Einlagen nicht einfach höher verzinst bei der Notenbank oder in Bundesanleihen anlegen können. Ein Blick in den Geschäftsbericht der Postbank offenbart die Ertragsrisiken: Um die zuletzt erreichten Zinsüberschüsse auch nur zu halten, benötigt die Postbank ein Zinsniveau, wie es sich zu Jahresbeginn dargestellt hat – seitdem sind die Zinsen allerdings durch das EZB-Aufkaufprgramm deutlich gesunken und dürften auch so schnell nicht wieder klettern. Noch übler sieht es mit dem Provisionsgeschäft aus: Hier werde der Überschuss, heißt es auf Seite 99, „spürbar zurückgehen“.

 

Was ist die Postbank wirklich wert?

All dies weiß man auch bei der Deutschen Bank – und zieht die Reißleine mit der einst unter Josef Ackermann am Vorabend der Finanzkrise erworbenen Postbank, ohne sich festzulegen, ob man sie verkauft oder an die Börse bringt. Die Frage ist aber: Wer interessiert sich für eine Bank mit erodierenden Erträgen und immer noch dünner Kapitaldecke in einem hart umkämpften deutschen Bankenmarkt? Und was ist die Postbank tatsächlich Wert, da sie bei der Deutschen Bank mit rund sechs Milliarden Euro in den Büchern stehen dürfte? Der aktuelle Kurs der Postbank-Aktie wird nun getrieben von Abfindungsspekulationen und ist kein sinnvolle Orientierung. 

Der Deutschen Bank wird sich die Frage nach dem wahren Wert der Postbank schon bald stellen – ihren Aktionären auch, wie das heftige Kursminus der Deutsche-Bank-Aktien am Montag von rund fünf Prozent in einem freundlichen Gesamtmarkt zeigt. Die Debatte, ob eine weitere Kapitalerhöhung für die neuen Ziele nötig sein wird, dürfte vor diesem Hintergrund schon bald eröffnet werden.