Interview „Das Vertrauen in den Euro darf bei der Digitalisierung nicht zerstört werden“

Burkhard Balz
Burkhard Balz
© Reiner Zensen / IMAGO
Viele Notenbanken entwickeln digitales Geld. Für das Geldsystem kann dies eine Revolution bedeuten. Für Bundesbank-Vorstand Burkhard Balz geht es vor allem um Vertrauen. Am Ende bleibe der digitale Euro ein Euro – wie das heutige Bargeld, sagt er im Interview

Das Projekt „Digitaler Euro“ macht ihm wirklich Spaß, verrät Burkhard Balz, Vorstandsmitglied der Bundesbank, am Rande des Interviews mit Capital. Ein Hauch von Start-up-Spirit liegt über den Notenbanken, wenn es um die Entwicklung einer „Central Bank Digital Currency“ (CBDC) für den Euroraum geht. Nicht nur die Währung beschützen, sondern etwas Neues entwickeln, das fasziniert auch Notenbanker. Balz selbst spricht von einem „Jahrhundertprojekt“ mit hoher geopolitscher Bedeutung.

Capital: Herr Balz, was glauben Sie, wird in fünf bis zehn Jahren ein ganzer Blumenstrauß an digitalen staatlichen und privatwirtschaftlichen Währungen entstehen?

BURKHARD BALZ: Wir bezeichnen lediglich von Zentralbanken emittierte gesetzliche Zahlungsmittel als Währungen. Daher wird es nicht mehr digitale Währungen geben als jetzt Währungen auf nationaler oder supranationaler Ebene. Derzeit beschäftigen sich 65 Notenbanken mit der möglichen Herausgabe digitaler Währungen. Was privatwirtschaftliche Unternehmen wie Facebook mit dem Diem planen, sind digitale Zahlungsmittel wie zum Beispiel Stablecoins. In den kommenden Jahren werden vermutlich zahlreiche private digitale Zahlungsmittel entstehen.

Welche geopolitische Bedeutung messen Sie der Entwicklung des digitalen Euro in Anbetracht dieser Perspektive bei?

Um das Thema digitale Währungen geht es auch in der neuen Capital
Um das Thema digitale Währungen geht es auch in der neuen Capital
© Capital

Eine große, vor allem weil internationale Anbieter von Bezahlinfrastruktur an Bedeutung gewonnen haben und mancherorts sogar dominieren. In Deutschland haben wir mit der Girocard ein breit akzeptiertes Angebot der heimischen Kreditwirtschaft. Aber im Euroraum hat sich das nicht überall etabliert, viele Menschen sind deshalb auf die Angebote großer internationaler Konzerne wie Visa oder Mastercard angewiesen. Andere Anbieter wie Apple haben Schnittstellen zu Kunden besetzt, die mit Smartphones bezahlen. Sie arbeiten mit Plattformen, haben Zugang zu einer breiten Nutzerbasis und profitieren von Netzwerkeffekten. Wenn ein solcher Anbieter ein Zahlungsmittel herausbringt, stößt er schnell in dieses für ihn neue Marktsegment vor. Aus politischer Sicht geht es deshalb um die strategische Autonomie unserer Zahlungssysteme. Zahlungssysteme leisten als kritische Infrastruktur einen sehr wichtigen Beitrag zur Stabilität und Integrität des Wirtschaftssystems eines Währungsraums. Es gehört zur Aufgabe von Zentralbanken, den reibungslosen und sicheren Ablauf des Zahlungsverkehrs zu fördern.

Was halten Sie bzw. die Bundesbank davon, dass China den E-Yuan schon bei den olympischen Winterspielen Anfang 2022 in Peking auch den ausländischen Athleten zur Verfügung stellen will?

Es gibt vor allem in Ländern mit instabilen Finanzsystemen und hohen, volatilen Inflationsraten ein Risiko, dass fremde Währungen an Bedeutung gewinnen. Momentan ist der Dollar als Reservewährung mit weitem Abstand die bedeutendste Währung der Welt. Auf Platz zwei folgt der Euro. Der chinesischen Regierung geht es vor allem darum, dass der E-Yuan im chinesischen Zahlungsverkehr angesichts der Dominanz privater Anbieter und auch im grenzüberschreitenden Zahlungsverkehr eine wichtige Rolle spielt. Wir sitzen in vielen internationalen Gremien mit chinesischen Fachleuten zusammen und versuchen, möglichst auf einen Nenner zu kommen. Themen wie Interoperabilität, Datenschutz und Geldwäsche stehen dabei im Vordergrund.

In einer Umfrage der Bundesbank haben sich 56 Prozent der Befragten gegen eine Einführung des digitalen Euro ausgesprochen. Welche Voraussetzungen muss der digitale Euro erfüllen, um angenommen zu werden?

Mich hat das Ergebnis nicht überrascht. Wir haben gerade erst mit den Untersuchungen begonnen, und man kann einer Sache nur schwer zustimmen, wenn man noch nicht genau weiß, was am Ende dabei rauskommt. Für mich als Vertreter der Bundesbank ist aber wichtig, dass wir mit den Bürgerinnen und Bürgern offen über den Prozess sprechen. Damit potenzielle Nutzerinnen und Nutzer entscheiden können, ob sie einen digitalen Euro verwenden wollen, müssen wir ihnen eine Vorstellung davon vermitteln, wie dieser aussehen soll. Das Interesse der Menschen steigt bereits, wir bekommen täglich Anfragen dazu.

Das sagt aber noch nichts darüber aus, warum die Menschen dem digitalen Euro vertrauen sollen, wenn dieser nur noch aus Bits und Bytes besteht? Wie will die Zentralbank das gewährleisten?

Der Euro als unsere gemeinsame Währung besitzt in der breiten Bevölkerung heute ein Höchstmaß an Vertrauen. Das darf bei der Digitalisierung nicht zerstört werden und setzt zum Beispiel voraus, dass die Zentralbanken ihre stabilitätsorientierte Geldpolitik fortführen. Und es bedeutet, dass der digitale Euro möglichst bedarfsgerecht gestaltet sein müsste. Deshalb ist es wichtig, die Bürgerinnen und Bürger sowie die Unternehmen früh einzubeziehen. Aber am Ende bleibt der digitale Euro ein Euro – wie das heutige Bargeld.

Vertrauen setzt Privatsphäre voraus. Dennoch will die EZB die Möglichkeit haben, Zahlungen zurückverfolgen zu können, um Geldwäsche und Terrorfinanzierung zu ahnden. Wie lösen Sie das Dilemma auf?

Da gibt es ein Spannungsfeld und gerade das Thema Privatsphäre steht bei unseren Untersuchungen im Vordergrund. In der öffentlichen Konsultation der Bürgerinnen und Bürger durch die EZB haben die meisten das Thema als wichtigstes angegeben, und die Botschaft ist angekommen. Aber wir stehen erst am Anfang der Untersuchungen, und ich möchte nicht über mögliche Lösungen spekulieren. Ich kann nur sagen, dass wir aufpassen müssen, dass wir die Regulatorik der vergangenen Jahre in Bezug auf Geldwäsche nicht konterkarieren.

Die EZB hat erklärt, dass sie mit den Zentralbankkonten nicht in Konkurrenz zu den Geschäftsbanken treten will, weil das unter Umständen in Krisen zu einer Verschärfung der Situation führen könnte. Dafür müsste der Zugriff auf den digitalen Euro auf eine bestimmte Summe beschränkt werden bzw. ab einem gewissen Betrag negativ verzinst werden. Widerspricht das nicht dem Grundgedanken von Bargeld, kostenlos und unbegrenzt verfügbar zu sein?

Wir schaffen das bisherige Bargeld nicht ab, es bleibt weiterhin bestehen. Und die Entscheidung über eine Limitierung des digitalen Euro ist noch nicht gefallen. Aber ja, wir wollen die Banken mit dem digitalen Euro nicht in eine Ecke drängen. Der digitale Euro soll ein modernes Zahlungsmittel sein und nicht primär der Wertaufbewahrung dienen. Wir stehen im engen Austausch mit den Geschäftsbanken, um mögliche Risiken für das Finanzsystem unter Kontrolle zu halten. Die Kontrolle der Risiken ist zentral, vor allem wenn es um die Vertrauensfrage geht. Dazu bedarf es einer ganzheitlichen Betrachtung, die die Auswirkungen auf das Finanzsystem ebenso umfasst wie die operative Risikosteuerung, unter anderem den Schutz vor Cyberangriffen.

Den Beitrag über die digitalen Währungen lesen Sie in Capital 12/2021. Interesse an Capital ? Hier geht es zum Abo-Shop , wo Sie die Print-Ausgabe bestellen können. Unsere Digital-Ausgabe gibt es bei iTunes und GooglePlay

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