RohstoffeDas große Ölpreisrätsel

Ölförderung in Saudi-Arabien
Ölförderung in Saudi-Arabien dpa

Es stellt sich im Leben oft die Frage, was als nächstes kommt – und allzu oft kommt es dann doch anders als man denkt. Sogar anders als viele denken. Wer ein Beispiel für dieses Phänomen sucht, der wird dieser Tage wieder einmal an den Finanzmärkten fündig – beim Öl nämlich. Und deshalb wird es besonders spannend sein, was die Vertreter des Ölförderkartells am Ende dieser Woche bei ihrem Treffen in Wien beschließen werden. Die Opec plant eine Kürzung der Fördermenge. Doch die Beteiligten ringen noch darum, wie stark die Kürzung ausfallen soll. Russland spielt dabei eine große Rolle. Von der Fördermenge, auf die sie sich einigen werden, hängt nicht nur der Ölmarkt ab, sondern auch die Weltkonjunktur und die Notenbankzinsen. Von daher darf man gespannt sein, was die Staaten beschließen.

Seit Anfang 2016 befand sich der Preis für den wichtigsten Rohstoff der Welt im Aufwärtstrend. Der Ölpreis schoss zwar nicht unbedingt nach oben wie die Fontäne aus dem Bohrloch, sondern schwappte eher zäh voran, wie es der dickflüssigen Konsistenz des Öls angemessen ist. Immerhin aber arbeitete sich der Kurs des Weltölpreises WTI von seinem Tiefststand bei ehemals 27 Dollar erneut hoch auf 74 Dollar je Barrel. Er verdreifachte sich also fast. Das brachte die Branche in diesem Jahr wieder ordentlich zum Brodeln. Analysten ließen sich zu heißen Prognosen hinreißen: Etliche Marktexperten sagten dem Ölpreis einen weiteren Anstieg voraus, die Vorzeichen seien glänzend. Der Trend sei stabil und auch die Konjunktur laufe exzellent, eine Abschwächung des Marktes sei nicht in Sicht. Schließlich hatte der Rohstoff Nummer eins noch vor vier Jahren über 100 Dollar gekostet, so hoch werde der Preis vermutlich auch bald wieder steigen – das sagten Analysten noch Anfang Oktober. Dann aber sackte der Kurs jäh in sich zusammen.

Heute sieht der Kurschart so aus, als hätte jemand den Hahn plötzlich zugedreht: In nur sechs Wochen machte der Kurs all das zunichte, was er zuvor innerhalb eines Jahres mühsam hinzugewonnen hatte. Er ist nun wieder auf dem Stand von Oktober 2017, notiert bei zirka 50 Dollar und hat damit rund ein Drittel seines Wertes eingebüßt. Der Absturz kam zum einen sehr plötzlich, und er wirft zum anderen nun auch wieder die große Frage auf: Wie sollen – oder wie werden – die Ölförderstaaten auf den Niedrigpreis reagieren? Wie viel Barrel sollen sie künftig fördern, um die Preise wieder nach oben zu treiben? Und wo liegt nun eigentlich der langfristig angemessene Preis für den wichtigsten Rohstoff der Welt?

WTI Rohöl NYMEX Rolling Rohstoff

WTI Rohöl NYMEX Rolling Rohstoff Chart

Produzenten weiten Fördermengen aus

Zuerst einmal muss man erklären, woraus der Kurseinbruch im Oktober überhaupt resultierte: In den vergangenen Wochen nämlich befürchteten die Ölproduzenten ein Überangebot des schwarzen Goldes auf dem Markt. Sie hatten erst zur Jahresmitte im Juli die Fördermengen stark ausgeweitet, weil sie vor einem halben Jahr noch drohende Engpässe bei der Rohstoffversorgung befürchteten. Im Sommer waren die Lagerbestände unter den fünfjährig üblichen Durchschnittsmengen gefallen. Gleichzeitig lief die Konjunktur auf Hochtouren, daher glaubten die Produzenten, der Ölmarkt könne angesichts der steigenden globalen Nachfrage bald austrocknen. Und die steigenden Preise sprachen ja auch für ein knapper werdendes Angebot bei wachsender Nachfrage. Also förderten die Erdölländer mehr.

Denn grundsätzlich sind steigende Preise zwar für die Produzenten gut, dennoch haben zumindest die Opec-Staaten kein allzu hohes Interesse an überhohen Ölpreisen. Denn sie begünstigen stets auch die Investition in unrentable Abbauprojekte und nützen zudem der (vorwiegend amerikanischen) Fracking-Industrie. Und sie beflügeln den Ausbau erneuerbarer Energien weltweit. An allen drei Effekten ist den klassischen Erdölförderländern nicht gelegen. Also drehten sie den Hahn auf. Allerdings konnten nur wenige Länder auf Kommando ihre Kapazitäten hochfahren, darunter Saudi-Arabien, Kuwait, die Vereinigten Arabischen Emirate und der Irak. Auch die Sanktionen gegen den großen Förderstaat Iran konnten den Anstieg der globalen Ölmenge nicht aufhalten. Aber natürlich sah auch Amerikas Ölindustrie nicht tatenlos zu. Angetrieben von den hohen Preisen steigerten die Vereinigten Staaten ihren Ausstoß ebenfalls. Inzwischen sind sie durchs Fracking immerhin zum größten Ölproduzenten der Welt aufgestiegen und haben sogar Saudi-Arabien überholt.

Das Öl schwappte also wieder reichlich in Fässer und Lager, deshalb fürchten die Produzenten aus Nahost inzwischen wieder eine neue Ölschwemme. Der rasante Preisabsturz bestätigt das ja. Bei ihrer jetzigen Sitzung will sich die Opec daher darauf einigen, die Fördermenge spätestens zu Beginn 2019 wieder zu drosseln. Dafür macht sich vor allem Saudi-Arabien stark, und es will auch Nicht-Opec-Staaten wie Russland dazu bewegen. Aus Sicht der saudischen Machthaber sind nämlich zu tiefe Ölpreise genauso kontraproduktiv wie zu hohe. Ein stabilerer – und wieder höherer – Ölpreis wäre also ein Gewinn, weil er wieder mehr Geld in den Staatshaushalt des Königreichs spülen würde. Schließlich ist das Land auf die Öleinnahmen angewiesen. Auch Vertreter des Oman und der Vereinigten Arabischen Emirate bekundeten jüngst öffentlich, dass sie ebenfalls ein Drosseln der Fördermengen befürworten würden. Doch nicht alle anderen Förderländer unterstützen dieses Anliegen.

Was macht Amerika?

Eine der wichtigsten Rollen spielt dabei Russland. Es kann sich zwar laut eigenen Aussagen generell mit einer kleineren Fördermenge anfreunden, doch eine Drosselung um über eine Million Barrel pro Tag, wie es sich die Opec vorstellt, geht Russland dann möglicherweise doch zu weit. Moskaus Stimme hat bei den Ölstaaten viel Gewicht. Es ist zwar kein Opec-Staat, aber immerhin der drittgrößte Produzent der Welt, nach den USA und Saudi-Arabien. Zusammen fördern diese drei Staaten rund 40 Prozent des Weltöls. Spätestens diese Zahl macht deutlich: Selbst wenn Russland tatsächlich auf die Opec-Linie einschwenkt, bleibt die Frage: Was macht Amerika?

Amerika müsste ebenfalls die Produktion drosseln, um das schwarze Gold weltweit wieder knapper und teurer zu machen. Doch haben die Vereinigten Staaten überhaupt ein Interesse daran? Wohl kaum. Zwar braucht die dortige Fracking-Industrie Preise, die oberhalb von 65 Dollar liegen, damit sich das Geschäft für sie lohnt. Es ist nämlich kostspielig, den Rohstoff mit Gas aus dem Schiefergestein zu pressen. Doch stiege der Ölpreis demnächst tatsächlich wieder stark an, könnte das dem Rest der amerikanischen Industrie einen Dämpfer verpassen und den großen Aufschwung beenden, in dem sie sich befindet – und den sich Präsident Trump so gern selbst als Verdienst auf die Fahnen schreibt. Es könnte vielleicht sogar die Weltkonjunktur abwürgen.

Ganz konkret würde es auch die Preise an den Tankstellen stark steigen lassen und damit die amerikanische Inflation. Somit hätte die Notenbank Fed einen weiteren guten Grund, die Zinsen anzuheben, die dem Präsidenten ja schon seit geraumer Zeit zu schnell davoneilen. An allen diesen Effekten hat Trump daher nicht das mindeste Interesse. Sie würden seiner Politik zuwiderlaufen, deshalb ist er vor allem eines: Gegen die Drosselung der Produktionsmengen. Er lässt derzeit sogar ein Gesetz prüfen, mit dem es den USA möglich sein soll, die Opec zu verklagen wegen ihrer Kartellbildung.

Verbraucher haben nichts vom Ölpreisverfall

Nun ist die spannende Frage, wer sich am Ende durchsetzen wird. Werden die Opec-Staaten es schaffen, Russland auf ihre Seite zu ziehen? Dessen erklärtes Ziel sind einerseits die Einnahmen aus dem Ölgeschäft, die könnte es besser steigern, wenn es mehr fördern darf. Andererseits scheint es Präsident Putin zunehmend zu gefallen, westliche Staaten zu destabilisieren. Das hat er schließlich schon mit zahlreichen politischen Aktionen und Wahlkampfeingriffen bewiesen. Käme ihm da also nicht auch ein höherer Ölpreis durch einen Pakt mit der Opec geradezu zupass? Er wäre gegen Trump gerichtet und würde die Staaten in Europa und deren Konjunktur genauso treffen.

Was also bedeutete es nun, wenn die Fördermenge 2019 stark sinken würde? Der Preis für den Schmierstoff stiege, das wäre gerade jetzt gefährlich für die Konjunktur. Denn höhere Preise bedeuten höhere Ausgaben für alle Ölverbraucher, das sind Unternehmen ebenso wie Privatverbraucher. Und solche Preissteigerungen werden üblicherweise gern schnell weitergegeben – anders als Preissenkungen beim Öl übrigens.

Bisher nämlich haben die Autofahrer und Heizölkäufer hierzulande noch nichts vom großen Ölpreisverfall der vergangenen Wochen gehabt. Obwohl der um ein Drittel fiel, stiegen die Benzinpreise im November auf den Jahreshöchststand. Die Mineralölindustrie nennt den Niedrigwasserstand der Flüsse aufgrund der monatelangen Trockenheit als Grund. Dadurch hätten Containerschiffe von den Nordseehäfen nicht mit genügend Öl beladen werden können, das mache die Ölmenge an den Tankstellen knapp. Allerdings verläuft im Süden der Republik eine Pipeline aus Italien, die unabhängig vom Wasserstand Öl in viele Regionen pumpt. Aber das nur am Rande.

China baut eigene Fracking-Industrie auf

Der übliche Kreislauf geht so: Steigt also der Ölpreis, dann steigen die Kosten für Unternehmen und Privathaushalte, also die Inflation. Möglicherweise bedeutet das dann höhere Zinsen – zumindest in Amerika, ob die Europäische Zentralbank ebenfalls reagieren wird, ist fraglich. Vorerst lieferte ihr der fallende Ölpreis europaweit ein weiteres Argument, die Zinsen nicht zu erhöhen, zum Ärger der Sparer. Kommt es durchs Öl zu breiten Preis- und Zinsanstieg, so würde das wohl das Wachstum abwürgen, womöglich in vielen Ländern. Wenn die Konjunktur aber weltweit an Fahrt verliert, dann verbraucht die Wirtschaft wieder viel weniger Öl. Noch weniger als dann gefördert wird. Also sinkt die Nachfrage wieder und auch der Ölpreis rauscht wieder nach unten. Sein Anstieg wäre also ohnehin nur ein Anstieg auf Zeit.

Zudem brächte eine Drosselung der Opec nur dann etwas, wenn nicht nur Russland und Amerika mitzögen, sondern sich auch bei den übrigen Produzentenstaaten nichts änderte. Was aber ist zum Beispiel mit China? Es wird demnächst eine größere Rolle auf dem Markt übernehmen, die Chinesen bauen nämlich mit Hochdruck ebenfalls ihre eigene Fracking-Industrie auf. Es wird noch eine Weile dauern, bis sie amerikanische Ausmaße erreicht hat. Aber all diese Unwägbarkeiten machen klar: Schon derzeit sind Absprachen zwischen den Ölstaaten extrem schwierig und ihre Auswirkungen kaum vorherzusehen. Künftig wird es nicht einfacher. Das ist einer der Gründe, weshalb immer weniger Analysten sich zutrauen, die Ausschläge am Markt zu prognostizieren. Anleger sollten es lieber auch nicht versuchen.