Capital-History

Capital CrimeCharles Ponzi – der Erfinder des Schneeballsystems

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Gutes Herz

Das charmante Finanzgenie erwies sich als ein mehrfach vorbestrafter Lügner. Ponzi, der seiner geliebten Rose nie von diesen Geschichten erzählt hatte, kapitulierte und stellte sich dem Staatsanwalt. Den Vorwurf, er sei ein ewiger Gauner, wies er aber heftig zurück: Es handele sich um Jugendsünden und Missverständnisse; und wer gebüßt habe, habe auch das Recht auf einen neuen Anfang.

Doch wer interessierte sich jetzt noch für seinen guten Willen? Dafür, dass er tatsächlich einmal als junger Mann in Georgia große Stücke seiner Haut hergegeben hatte, um einer fremden Frau mit Brandverletzungen das Leben zu retten? Ende November wurde Ponzi von einem Bundesgericht zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt. Das gesamte juristische Nachspiel zog sich Jahre hin.

Der große Verkäufer mit den unverwüstlichen Hoffnungen begann nach der Haft wieder neue Projekte, vertickte Sumpfparzellen im Immobilienboom in Florida. Doch weil er erneut mit dem Gesetz in Konflikt kam, wurde er 1934 in sein Heimatland Italien abgeschoben. Auf verschlungenen Wegen landete er schließlich in Brasilien. 1949 starb er in einem Armenhospital in Rio.

Richard Grozier und seine Zeitung haben mit ihren Recherchen Geschichte geschrieben: Die Entlarvung des Coupon-Schwindels wurde zur ersten großen Stunde des investigativen Finanzjournalismus in den USA. Die „Boston Post“ gewann 1921 einen der ersten Pulitzer-Preise für Verdienste um das Gemeinwesen.

Bernard Madoff 2008
Bernard Madoff 2008

Die Methode Ponzi bleibt trotz allem lebendig wie eh und je. Erst vor wenigen Jahren hat der aufgeflogene US-Vermögensverwalter Bernie Madoff damit eine neue Rekordmarke gesetzt – und einen Schaden von geschätzt 65 Mrd. Dollar verursacht.

Was die Anleger lockt, das sind stets die weit überdurchschnittlichen Renditen, die in schöner Regelmäßigkeit ausgeschüttet werden. Dass der Magier seine Strategie nicht im Detail verraten kann, verstehen sie. Wenn es schließlich eng und der eigene Irrtum offenkundig wird, muss eine Verschwörungstheorie herhalten: Hier ist ein Wohltäter, der die Branche mit ihren eigenen Mitteln schlägt – gar kein Wunder, dass Establishment und „Lügenpresse“ diesem guten Kerl ans Leder gehen.

„Damals – wie heute – scherte man sich einen Dreck um Ethik“, schrieb Ponzi 1937 in seinen Memoiren. „Der allmächtige Dollar war das einzige Ziel. Und sein Besitz erhob eine Person über alle Kritik an irgendwelchen ethischen Vergehen, die beim Erwerb vorgekommen waren.“

So richtig böse war die Nachwelt dem ewigen Strahlemann denn auch nie. Vielleicht habe er „sich selbst genauso betrogen wie seine Kunden“, analysierte die „New York Times“. „Kein Schwindler der Weltgeschichte war stilvoller“, urteilte die „Washington Post“ einmal. Das Glückskind ohne Glück sah das genauso: „Ich habe eine große Show hingelegt“, tröstete sich Ponzi. „Diese Show war es wert.“