Capital-History

Capital CrimeCharles Ponzi – der Erfinder des Schneeballsystems

Seite: 4 von 5

Es war ein Spiel gegen die Zeit. Und gegen viele Jäger, die ihm inzwischen auf den Fersen waren. Die Behörden waren misstrauisch geworden, die Post genauso wie die Polizei, die Bankenaufsicht und diverse Staatsanwälte. Alte Geschäftspartner wollten plötzlich mitkassieren. Und da war die Presse, die erst freundlich und zurückhaltend schrieb. Bis ein junger Verlagserbe beschloss, mit der größten Zeitung der Stadt diese mysteriöse Geldvermehrung auseinanderzunehmen.

Richard Grozier hatte von seinem Vater gerade erst die Geschäftsführung der „Boston Post“ übernommen. Er hatte einen Ruf als früherer Tunichtgut. Aber er war kampfeslustig und liebte – wie sein Gegner Ponzi – das Spiel mit hohem Einsatz.

Die Presse zweifelt

Die erste große Story in der „Boston Post“ wirkte für Ponzi noch wie gemalt. Der PR-Profi, den er sich gerade erst geholt hatte, schien perfekte Arbeit zu leisten: „Verdoppelt das Geld in drei Monaten“, verkündete die Zeitung am 24. Juli auf ihrer Titelseite. In den Büros der SEC in der School Street drängten sich schon früh um sechs die Massen, über 200.000 Dollar wurden allein an diesem Samstag eingezahlt. Doch schon am Montag drehte sich die Berichterstattung scharf. Sie wurde ab jetzt zu einem Trommelfeuer, das Ponzi immer akrobatischere Manöver abverlangte.

Als Kronzeugen der Anklage hatte die „Post“ keinen Geringeren als Clarence W. Barron gewonnen, den Chef des „Wall Street Journal“ und Eigentümer von Dow Jones & Company. Barron, der als Vater des amerikanischen Finanzjournalismus gilt und wegen seiner imposanten Erscheinung auch „The Commodore“ genannt wurde, beugte sich über Ponzis angebliches Geschäftsmodell. Und fällte ein vernichtendes Urteil: „Das geht nur in kleinem Stil.“

Ponzi wählte die verblüffende Vorwärtsverteidigung. Die Abwicklung en gros sei eben sein Betriebsgeheimnis. Und er schlug zwei Staatsanwälten eine radikale Aufklärung vor: Ihre Behörden sollten seine Bücher doch bitte selbst überprüfen. Bis zur offiziellen Klärung nehme er kein weiteres Geld mehr an, alle Kundeneinlagen würden auf Wunsch natürlich jederzeit zurückgegeben.

War das Wahnsinn? Es hatte zumindest Methode. Der Run auf seine Schalter kostete Ponzi in den folgenden Tagen zwar enorme Summen. Doch er gewann Zeit und vor allem viel Vertrauen in der Öffentlichkeit. Und seine bis dahin explodierenden Zinsverpflichtungen sanken jetzt sogar. Ein Teil des ausgezahlten Geldes landete zudem gleich wieder auf Konten bei seiner Hanover Trust Bank. Die Lage beruhigte sich, am folgenden Wochenende konnte sich Ponzi wieder als Wohltäter feiern lassen: Er besuchte ein Waisenheim, stiftete 100.000 Dollar und spendierte Eiscreme für alle.

Der nächste Treffer der „Post“ erwischte ihn aber vollkommen unvorbereitet: Ausgerechnet sein neuer PR-Mann wechselte die Seiten. Dem gelernten Journalisten William McMasters war dieser Maestro Ponzi gleich von Anfang an nicht ganz geheuer gewesen. Aus der Nähe merkte man rasch, dass der mal dieses, mal jenes erzählte und sich kaum um seine Geschäfte kümmerte. Heimlich arbeitete sich McMasters durch die Unterlagen seines Auftraggebers und steckte das Dossier der „Post“ zu, die ihm dafür ein Superhonorar von in heutiger Rechnung über 60.000 Dollar zusagte. Eine Woche nach dem ersten Barron-Artikel schrieb McMasters auf Seite eins der Zeitung, Ponzi sei insolvent.

Der sprach von kleinlicher Verleumdung. Er zeigte sich weiterhin strahlend und witzelnd in der Öffentlichkeit, hielt Hof für Reporter und kündigte neue, große Pläne an. Doch der Ansturm der Kunden und der Vormarsch der Ermittler waren jetzt nicht mehr lange abzuwehren. Den letzten Stoß versetzte ihm erneut die „Boston Post“. Sie war bei den Recherchen zu Ponzis nebulösem Vorleben fündig geworden. In Montreal, so konnte sie berichten, habe der junge Ponzi einst für die betrügerische Banco Zarossi gearbeitet; 1908 wurde er wegen Scheckfälschung zu drei Jahren Haft verurteilt. Nach der vorzeitigen Entlassung wurde er gleich beim Grenzübertritt von US-Beamten verhaftet, wegen Schleppertätigkeit kam er erneut für zwei Jahre hinter Gitter.