Capital-History

Capital CrimeCharles Ponzi – der Erfinder des Schneeballsystems

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Wechselkunst

Ein IRC kostete in den USA fünf Cent, für einen Dollar bekam man also 20 Stück. Tauschte man den Greenback aber in die drastisch verbilligten Lire, dann bekam man für sein Geld in Italien fast das Dreieinhalbfache: 66 Stück. Der Rücktausch dieser Antwortscheine in US-Briefmarken und schließlich Dollar ergab eine Rendite von 230 Prozent, lässt man die Kosten außer Acht.

Als der Postlersohn Ponzi diesen Dreh erkannte, war er sicher, dass jetzt nur noch eines zum Reichtum fehlte: Startkapital, um die Sache ins Laufen zu bringen. Die Hanover Trust Bank hatte ihn kurz zuvor böse abblitzen lassen, also verlegte er sich auf sein Verkäufertalent und eine Art Crowdfunding. Schritt für Schritt sammelte er unter Bostons Italienern erste Kleinbeträge für sein nur grob skizziertes Projekt. Und zahlte das Geld kurz darauf mit Sensationszins zurück. Der Rest war Mundpropaganda.

Ponzi versprach 50 Prozent Zinsen nach nur 45 Tagen. Wer zweifelte, konnte bei mutigeren Nachbarn sehen, wie deren Vermögen explodierte. Schneller und schneller zahlten die Leute ein. In der Spitze strömten mehr als 1 Mio. Dollar pro Woche – in heutiger Kaufkraft über 10 Mio. Dollar. Ponzi hatte jetzt stets genug im Topf, um alle versprochenen Zinsen pünktlich zu bezahlen. Und nebenbei noch seine ebenfalls rasant steigenden Privatrechnungen.

Zu viel Papiergeld

Seine Frau Rose hielt auch nach dem Crash zu Ponzi. Erst seine Abschiebung trennte das Ehepaar. 1936 ließ sie sich scheiden
Seine Frau Rose hielt auch nach dem Crash zu Ponzi. Erst seine Abschiebung trennte das Ehepaar. 1936 ließ sie sich scheiden (Foto: dpa)

Er kaufte das Haus, das Auto, Brillanten und Kleider für Rose. Bald aber auch alle möglichen Unternehmensbeteiligungen, darunter die Mehrheit an ebenjener Hanover Trust Bank, die seine Bitte um Kredit einst so frech abgewiesen hatte. Das Einzige, was der neue Star der Stadt in Wahrheit nie kaufte, waren IRCs. Denn für die fatale Lücke in seinem Plan hatte er keine Lösung: Der kleine Trick ließ sich nicht groß machen. Sein Geschäftsmodell war schlicht nicht skalierbar.

Was mit 1 Dollar geht, ist schon mit 100 schwierig. Mit den rasch eingesammelten Abertausenden hätte Ponzi ein Schiff chartern müssen, um die Papierberge zu verschiffen. Inzwischen hätte er eine Flotte gebraucht. Vom Problem der Coupon-Einlösung ganz zu schweigen.

Die Sache war also ganz einfach Betrug. Wäre Ponzi ein eiskalter Ganove gewesen, hätte er sich nun schleunigst mit der Kasse ins Ausland absetzen müssen. „Splash, cash and dash“ – das war und ist schließlich das Prinzip jeder klassischen Betrügerei. Anhauen, umhauen, abhauen.

Aber so sah sich ein Charles Ponzi eben nicht. Ja, er war ein Bruder Leichtfuß mit dem Hang zum feinen Leben. Ein liebender Gatte, Sohn und Held des Volkes war er aber auch. Er musste nur schaffen, was die Start-up-Unternehmer von heute einen „Pivot“ nennen – den strategischen Schwenk zu einem neuen Geschäftsmodell. Sobald ihm das Richtige einfiel, könnte er stolz verkünden: „Tut mir leid, liebe Leute, dieses Coupon-Geschäft führt nicht mehr weiter. Aber stattdessen mache ich jetzt etwas, das mindestens genauso lukrativ ist.“