Capital-History

Capital CrimeCharles Ponzi – der Erfinder des Schneeballsystems

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Charles Ponzi im August 1920 in seinem Büro in Boston
Charles Ponzi im August 1920 in seinem Büro in Boston

Über die Lebensgeschichte Charles Ponzis wussten seine Geldgeber in diesem Frühsommer 1920 nicht allzu viel. Er war ein zierlicher Mann, keine 1,60 Meter groß, aber voller Energie und Charme, mit Stil, Manieren und dem Herzen offenbar am rechten Fleck. Erst seit fünf Jahren lebte er in Boston, er hatte im Büro eines Handelshauses gearbeitet, die Liebe seines Lebens entdeckt und erobert: Rose Maria Gnecco. Er war in den Obsthandel der Gneccos eingestiegen, doch dessen Pleite konnte er auch nicht abwenden. Anfang 1919 wurde er arbeitslos. Seither war er besessen von der Suche nach dem großen Projekt. Der „Get rich quick“-Idee, die alles ändert.

Dass er nicht für irgendeine Angestelltenexistenz geboren war, davon war Ponzi zutiefst überzeugt. Mochte sein Vater bloß ein Postbeamter gewesen sein – die Mutter Imelde stammte aus verarmtem norditalienischem Adel. Als Student in Rom war der junge Carlo um die Jahrhundertwende mit dem Nachwuchs der reichsten Familien um die Häuser gezogen, hatte so leider am Ende seine kleine Erbschaft verjubelt und keinen Studienabschluss geschafft. Es blieb nur der Ausweg Amerika.

Hoffnung statt Cash

Aber Ponzi fühlte sich immer noch als Glückskind, zu dem das Glück den Weg nur bislang noch nicht gefunden hatte. „Als ich dieses Land betrat, hatte ich 2,50 Dollar in Cash und eine Million Dollar in Hoffnungen“, schrieb er später. „Diese Hoffnungen haben mich nie verlassen.“

Dass die Zeiten besondere waren, neuer Reichtum in der amerikanischen Luft lag, das war 1919 einfach zu wittern. Von den „Roaring Twenties“ sprach noch keiner, aber der Große Krieg war gerade gewonnen. Eine neue Welt nahm Formen an. Der technische Fortschritt brauste schneller voran als je zuvor.

Ein Magazin für die Exportwirtschaft – vielleicht könnte er damit Werbemillionen machen. Ponzi berechnete gigantische Postvertriebslawinen, plante ein neuartiges Loseblattkonzept, verschickte Briefe in alle Welt. Bis ihn der Geistesblitz traf: die Antwortscheine!

Was immer auch später über Ponzi gesagt wurde, eines muss man ihm lassen. Er hatte wirklich eine Transaktion entdeckt, die ganz logisch und legal eine dreistellige Rendite ergab: den Devisentausch mithilfe von Ersatzbriefmarken, sogenannten International Reply Coupons (IRC). Mit diesen Antwortscheinen ist es auch heute noch möglich, Briefen ins Ausland gleich das Rückporto beizulegen. Da die heimischen Marken im Ausland nicht gelten, kann der Absender einen IRC mitschicken, der dann zur Frankierung einer Rückantwort benutzt wird. Die so erworbenen Marken sind im Prinzip auch wieder zu Geld zu machen.

Wechselkursprobleme gab es noch nicht, als eine Postkonferenz in Rom 1906 das System aus der Taufe gehoben hatte. Der Goldstandard garantierte damals feste Austauschverhältnisse. Doch mit dem Krieg war auch das Währungschaos ausgebrochen, die italienische Lira etwa notierte 1920 zum Dollar gut drei Viertel unter ihrem Vorkriegswert. Mit anderen Worten: Arbitrage wurde möglich, weil die Coupon-Preise in lokaler Währung noch unverändert waren.