Capital erklärtWas Sie über die Altersvorsorge wissen müssen

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Welche politischen Verfehlungen gab es in den letzten Jahren?

Die Politik hat immer wieder kleinteilig am Finanz- und Rentenbereich geschraubt. Zum Beispiel wurden die Renteneintrittszeiten nach hinten verschoben und das Rentenniveau immer weiter abgesenkt. Das löst aber nicht das Grundproblem – den demografischen Wandel. Warum werden immer weniger Kinder geboren? Das liegt größtenteils an der Familienförderung beziehungsweise daran, wie Frauen mit Kindern im Beruf unterstützt werden. Außerdem hat sich der Staat mehrere Webfehler erlaubt: Der Staat finanziert private Produkte zur Altersvorsorge, die aber nicht effektiv genug sind. Sie bringen wenig Ertrag und haben hohe Kosten. Außerdem wurden bei Geringverdienern lange Zeit die Einkünfte aus privaten Alterssparverträgen auf die Grundrente angerechnet. Sie wurden also dafür bestraft, dass sie – wie gefordert – zusätzlich privat vorgesorgt hatten. Dadurch haben viele Menschen ein Motivationsproblem. Denn warum soll ich privat vorsorgen, wenn am Ende sowieso nichts übrig bleibt? In diesen Punkten hat die Politik absolut kontraproduktiv gehandelt.

Was muss die Politik unternehmen?

Es ist schwer zu sagen, wie das Rentensystem in 30 Jahren aussehen sollte oder aussehen wird. Das ist die große Blackbox, in die man nie hineinsehen kann. Das ganze Rentensystem auf neue Füße zu stellen wäre eine Generationenaufgabe, die in einer Legislaturperiode nicht zu bewältigen ist. Das Konzept der Rente mit 67 Jahren geht in die richtige Richtung, auch wenn das nicht jeden erfreut. Trotzdem ist die Politik inkonsistent: Auf der einen Seite soll immer länger gearbeitet werden. Auf der anderen Seite soll für Langzeitversicherte die abschlagsfreie Rente mit 63 ermöglicht werden. Das bedeutet: Ein früherer Rückzug aus dem Arbeitsleben ohne Einbußen. Bei körperlich belastbaren Berufen ist das nachvollziehbar, aber für akademische Berufe, darf das keine sinnvolle Alternative sein.

Welches Rentensystem sollte sich Deutschland als Vorbild nehmen?

Es gibt generell sehr unterschiedliche Ansätze rund um die Welt. Grob kann man zwischen drei Richtungen unterscheiden: Konservative Modelle, die auf einer staatlichen Rente basieren und beitragsfinanziert sind. Hier hängt die Rentenhöhe vom Erwerbsstatus ab. Auch Deutschland verfolgt dieses Modell. Bei den sozialdemokratischen Modellen mit steuerfinanzierter Grundrente, bemisst sich die Rente nach dem Staatsbürgerstatus. Je länger man in dem Land gewohnt hat, desto höher ist die Grundrente – dieses Modell wird zum Beispiel in Holland genutzt. Liberale Modelle basieren auf der Privatvorsorge – dieses Modell sieht man in Amerika und England.

Man kann und sollte das deutsche Rentensystem nicht über einen Kamm scheren. Einige Aspekte verschiedener Altersvorsorge-Modelle würden Deutschland trotzdem zugutekommen: Das Prinzip des staatlichen Vorsorgefonds etwa. In Schweden zahlen alle Bürger in einen staatlichen Fond ein, der das Geld am Kapitalmarkt anlegt. Weil die Arbeitgeber das Geld direkt an den Fonds abführen, spart das viele Kosten – garantiert aber hohe Erträge des Kapitalmarkts. Großbritannien verpflichtet seine Bürger zu Betriebsrenten – auch das findet großen Anklang.

Ein spannendes Modell ist das holländische, auch Cappuccino-Modell genannt. Dort gibt es eine steuerfinanzierte Grundrente, die jeder bekommt. Sie ist allein davon abhängig, wie viele Jahre man als Erwachsener in dem Land gelebt hat. Wer dauerhaft dort wohnt, erhält zurzeit 1.200 Euro – das ist der Kaffee. Obendrauf kommt als Milch- oder Sahneschicht die Betriebsrente. Sie wird jedem garantiert, der eine gute Anstellung hat und dessen Arbeitgeber mit vorsorgt. Niederländer kommen schon mit „Kaffee und Milch“ auf mehr Rente als Gehalt, so Statistiken. Wer dann noch privat vorsorgt und spart, genießt das Kakaopulver auf der Sahneschicht.