KolumneGute Strategien brauchen einen Hauch Wettsucht

Lars Vollmer
Lars Vollmer

Die Liebe ist ein Glücksspiel – und damit nichts anderes als eine strategische Herausforderung. Auf den Plattformen von Elite Partner, Parship, Lovescout und wie sie alle heißen, tummeln sich daher meiner Ansicht nach vor allem – na klar – Wettlustige. Sie setzen nach bestem Gewissen und mit möglichst viel Feingefühl auf die Person, mit der die Zukunft fortan rosig verlaufen soll.

Und ich meine: Viele Unternehmen wären gut beraten, sich einige dieser Herrschaften in den Personalstab zu holen. Denn die besten Strategien entwerfen Leute mit einem Hang zur Wettsucht.

Keine Ahnung, wer hier gewinnt

Wenn Sie sich jetzt denken: „So ein Blödsinn schon wieder, wir verfolgen bereits eine tolle Strategie!“, dann halten Sie bitte einen Moment inne. Ist das wirklich eine Strategie, auf die Sie sich da beziehen? Ich hege ernsthafte Zweifel.

Das hübsche Wort „Strategie“ zählt nämlich zusammen mit „Plan“ und „Ziel“ und vielen weiteren in die Runde der kommunikativen Bewältigungsfloskeln, die ich gerne „Flutschbegriffe“ nenne. Das durfte ich neulich wieder erleben, als mir ein Unternehmer Einblick in seine frisch aufgesetzte Strategie gab. Obwohl mir das Setting sehr intelligent erschien, enttäuschte das Ergebnis: Das war keine Strategie, das war eine To-do-Liste! Mit dem hübschen Titel „Strategie“.

Schade, denn eine To-do-Liste an sich ist ja nichts Verwerfliches. Sie eignet sich sogar ganz wunderbar, um ein anvisiertes Ziel in überraschungsarmen Umgebungen zu erreichen, bei dem Sie einen bekannten und ausreichend beschriebenen Prozess zum angestrebten Zustand einhalten können. Wenn die Welt stillhält, dann sind To-do-Listen völlig okay. Nur leider verhält es sich in unserem komplexen Zeitalter ja mit immer mehr unternehmerischen Herausforderungen so, dass sie unvorhersehbar sind. Dass Sie zwar nach wie vor Wünsche und Hoffnungen für die Zukunft haben, aber gar nicht wissen können, wie der Soll-Zustand konkret aussieht, geschweige denn wie Sie ihn erreichen. Wenn die Zukunft nicht bekannt ist, wenn Sie nur auf Sicht fahren können, nur dann braucht es eine Strategie.

Das heißt, plötzlich stehen Sie vor der Aufgabe, auf eine Option zu setzen, die Ihrer Organisation den größten Erfolg verspricht – Sie gehen eine unternehmerische Wette ein. Ohne den Ausgang des Spiels gegen den Wettbewerb voraussehen zu können.

Liebesglück in der Unwissenheit

Was also tut der Wettexperte, wenn er keine Wahrsagerin kennt, die ihm das Ergebnis seines Handelns voraussagen kann? Genau, er trifft Entscheidungen in der Abwesenheit von Wissen.

Konkret heißt das, dass er etliche vorhandene Optionen ausschließt – eben genau wie bei der Partnerwahl. Dame eins schließt er aus, weil sie seiner Ansicht nach zu weit weg wohnt. Dame zwei lässt er außen vor, weil er sie für zu groß hält. Dame drei mag seine Lieblingsmusik nicht, vermutet er. Dame vier, das könnte was werden … muss aber nicht … Nichts anderes leistet eine Strategie: Sie schließt aus der immensen Vielfalt von Möglichkeiten einen Großteil aus. Eine Strategie ist eine intelligente Ignoranztaktik.

Anstatt Ihre Mitarbeiter blind ins unternehmerische Online-Dating zu schicken, bieten Sie ihnen mit einer Strategie also Orientierung, wie sie in der Flut von Angeboten mögliche Matches auswählen. Sie geben nicht vor, welches exakte Dating-Profil sie zu suchen haben, und legen gleichzeitig fest, auf welche sie nicht setzen dürfen. Übrig bleibt ein Handlungsraum, innerhalb dessen Ihre Leute sich bewegen können, wenn sie auf Überraschungen treffen und beschriebene Prozesse fehlen.

Dieses Vorgehen korreliert mit Erfolg, wenn es gut für Sie läuft. Ein kausaler Garant dafür ist es natürlich nicht. Denn jede festgesetzte Strategie ist und bleibt eine unternehmerische Wette – wer weiß, ob eine der von Ihnen ausgeschlossenen Optionen nicht zum noch größeren Liebesglück, pardon Erfolg geführt hätte? Oder sogar zu mehr Erfolg?

Diesem Schicksal einer komplexen Welt werden Sie sich nicht entziehen können. Jede Strategie kann sich im Nachgang als die falsche herausstellen. Und Sie schaffen es nur bis auf Wolke sechs. Oder sprechen in Kürze mit dem Scheidungsanwalt. Ob die andere Strategie besser gewesen wäre? Sie werden es nie herausfinden.