BörsenbebenWarum der Zinsanstieg den Aktienmarkt abwürgt

Am 11. Oktober ging es mit den Kursen an der Wall Street steil bergab
Am 11. Oktober ging es mit den Kursen an der Wall Street steil bergabdpa

Bisher schien die Schuldfrage eindeutig geklärt: Die tiefen Zinsen waren das große Übel für Sparer, Geldbesitzer und alle, die ihr Kapital bis zur Rente irgendwie vermehren müssen. Klar, denn wenn die Bürger Milliarden Euro auf ihren Sparkonten und in klassischen Altersvorsorgeverträgen von Versicherern horten, die Zinsen fürs Ersparte aber so tief sind wie nie, dann lässt sich Geld natürlich schwer vermehren. Nun steigen die Zinsen, zwar noch nicht merklich hierzulande, aber immerhin stark in Amerika, dort liegt der Leitzins jetzt bei 2,25 Prozent. Wovon ja normalerweise irgendwann auch ein Signal für die europäischen Märkte ausgehen soll. Hierzulande haben sich die Tagesgeldzinsen inzwischen wieder in der Spitze auf 1,0 bis 0,66 Prozent berappelt, das Festgeld kann für 1,3 Prozent angelegt werden. Doch anstatt sich über die steigenden Zinsen zu freuen, sind sie nun auch wieder nicht recht. Denn die vergangenen Tage zeigten klar: Der Zinsanstieg würgt den Aktienmarkt ab. Und zwar mächtig.

Mitte der Woche ging der Dow Jones auf Tauchkurs, er sank um 3,15 Prozent an nur einem Tag, das war der größte Kurssturz in diesem Jahr. Und er zog den Technologieindex Nasdaq gleich mit in die Tiefe, der sogar über vier Prozent abtauchte. Nach Handelsschluss in Amerika setzte sich der Kurssturz rund um die Welt fort: Auch die asiatischen Börsen sackten ab um 4 bis 5, mancherorts sogar 6,5 Prozent. Der deutsche Aktienindex Dax machte auch keine Ausnahme: Innerhalb einer Woche hat er fast 800 Punkte verloren, von 12.350 auf 11.550 Punkte, das sind immerhin 6,5 Prozent. Der Eurostoxx büßte 5,2 Prozent ein. Es geht abwärts und etliche Analysten glauben, dass dies nicht nur ein kleiner Schwächeanfall war.

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Wie weit fällt der Dax?

Die Charttechniker warnen besonders laut, denn sie sehen den langfristigen Aufwärtstrend, der beim Dax seit 2009 anhielt, mit diesem Kurssturz erstmals gebrochen. Aktuell ergebe das Kursbild die berüchtigte „Schulter-Kopf-Schulter“-Formation, die mit dem Wegsacken der Kurse nun darauf hindeutet, dass der weitere Weg sich nach unten fortsetzen wird. Natürlich sind das alles theoretische Überlegungen und Prognosen, die rein auf Werten der Vergangenheit beruhen. Es könnte auch sein, dass es sich hier nur um eine Marktkorrektur handelt, die bereits nach wenigen Tagen oder Wochen ausgestanden ist. Dennoch sollten sich Anleger darauf vorbereiten, dass die großen Indizes in den kommenden Wochen und Monaten einen veritablen Anteil ihres Werts verlieren könnten. Mit einem Dax-Rückgang von 1800 Punkten sei durchaus zu rechnen, sagen etwa Analysten von Großbanken. Er würde dann wieder unter 10.000 Punkten liegen, also auf dem Niveau, auf dem er sich zuletzt im Sommer 2016 bewegte.

Alle Augen werden in den nächsten Tagen auf amerikanischen Unternehmen liegen, die maßgeblich darüber mitentscheiden werden, ob sich die Märkte wieder beruhigen oder nicht. Die neue Berichtssaison steht dort an. Aktuell sehen die Gewinne der Unternehmen gut aus. Laut Analystenschätzungen konnten US-Firmen im dritten Quartal ihre Gewinne um 20 Prozent steigern, auch wegen des Sondereffekts der Steuerreform von US-Präsident Donald Trump. Europäische Firmen sollen immerhin auf gut 10 Prozent Gewinnplus kommen. Aber werden die Aussichten auch noch fürs nächste Quartal gut ausfallen? Genau davon hängt es nun ab, ob Anleger beruhigt wieder investieren oder sich weiter aus dem Markt zurückziehen, womit der Ausverkauf an den Börsen seine Fortsetzung finden würde.

Sehr optimistisch sind etliche Ökonomen zurzeit nicht gestimmt. Der Internationale Währungsfonds korrigierte seine Wachstumszahlen nach unten, auch die deutsche Bundesregierung geht nicht mehr von einem Wirtschaftswachstum von 2,3 Prozent in diesem und 2,1 Prozent im kommenden Jahr aus, sondern nur noch von jeweils 1,8 Prozent. Sie hat also ihren Ausblick fast um einen halben Punkt nach unten korrigiert. Etliche Beobachter warnen bereits seit längerer Zeit, der amerikanische Markt drohe zu überhitzen. Deshalb sei es nur konsequent, dass die Notenbank Fed die Leitzinsen weiter anhebt, um das Heißlaufen nicht noch mit weiterem, billigem Geld zu unterstützen. Genau das ist auch die Aufgabe der Notenbank in so einer Situation. Die Kritik des US-Präsidenten, der meint, die Fed sei „verrückt geworden“, geht deshalb auch weit an der Realität vorbei.