KolumneBlackrock: Warum Machtmissbrauch nicht das Problem ist

Seite: 2 von 4

Eine typische Reaktion. Denn auch wenn es auf den ersten Blick paradox wirkt, würden große, passive Vermögensverwalter am liebsten mit den Themen Macht, Einfluss und Corporate Governance möglichst wenig zu tun haben. Am allerwenigsten mit der Frage, ob die Mieten in den Wohnungen von Vonovia oder Deutschen Wohnen, an denen sie beteiligt sind, steigen oder nicht. Oder ob in deren personell ausgedünnten Hausverwaltungen niemand abhebt, wenn das Treppenlicht kaputt ist und der Fahrstuhl klemmt.

Ihr Geschäftsmodell ist vor allem (wenngleich nicht nur), möglichst günstig passiv Geld in Indizes wie den Dax oder den MSCI World anzulegen und möglichst viel Geld aufzuhäufen – nicht um der Macht willen, sondern um Skaleneffekte zu nutzen. Wenn sich in einem Index ein Hersteller von Streubomben, eine Ansammlung industrieller Miethaie und ein auf prekäre Ausbeutung setzender Bekleidungshersteller befinden, dann muss ein passiver Anbieter diese Werte halten und kann sie nicht einfach verkaufen. Das muss in letzter Konsequenz auch jedem ETF-Investor klar sein.

Die möchten für geringe Gebühren – beim Deutschen Aktienindex Dax etwa im günstigsten Fall für 0,12  Prozent pro Jahr – schlicht dem Index folgen. Hätten sie gerne einen Verwalter ihres Geldes, der sich aktiv einbringt auf Hauptversammlungen, der Druck auf margenschwache Unternehmen macht oder Streubombenhersteller ausschließt – dann hätten sie sich für ein entsprechend aktives Mandat entschieden. Das kostet aber, in der Praxis ungefähr das Fünf- bis Achtfache an Gebühren verglichen mit einem ETF.

Das manövriert Blackrock und Co. gleich in mehrere Zwickmühlen und Interessenskonflikte.

Erstens: Wie stark kann und soll man sich überhaupt in Fragen der Unternehmensstrategie einbringen, wenn man dafür gar kein explizites Mandat seiner Anleger hat? Würden die passiven Vermögensverwalter regelmäßig aktiv öffentlich eingreifen, hätten all jene Futter, die dem Konzern mit in der Regel bedeutungsschwerem Raunen Machtmissbrauch vorwerfen. Die Frage wäre zu Recht: Kapern hier passive Investoren ohne entsprechendes Mandat die Stimmen von Investoren, die sich womöglich bewusst für Passivität entschieden haben? Das kleinere Übel: Man lässt es einfach, so oft es geht, von Anfang an bleiben und wird überhaupt nur aktiv, wenn es sich nicht vermeiden lässt.

Denn zweitens ist es ein kaum lösbares logistisches Problem, den Überblick über Vorstand, Aufsichtsrat und operative Strategie aller Unternehmen zu behalten, deren Aktien und Anleihen die großen, passiven Vermögensverwalter halten müssen. Das stellt sich natürlich auch für kleinere, aktive Anbieter, aber für einen Konzern der Größe Blackrocks, Vanguards und Co. auf einer ganz anderen Skala. Im globalen Aktienindex MSCI World – einem Standardprodukt aller ETF-Anbieter – sind über 1600 Unternehmen vertreten, die alle ganz individuelle Themen und Konflikte haben. Weltweit gibt es über 100.000 börsennotierte Unternehmen. Blackrock selbst gibt an, pro Jahr an 17.000 Aktionärs- und Gläubigerversammlungen teilzunehmen, in denen über 160.000 Anträge abgestimmt werden muss.

Globale Margenschlacht

Die Gesamtzahl der hauptberuflich mit diesen Anlegerbelangen betrauten Mitarbeiter – im englischen „Stewardship“ genannt – bei den größten drei Vermögensverwaltern der Welt betrug laut einer Erhebung der Fondsratingagentur Morningstar Ende 2017: 65 Personen. Bei kleineren ETF-Anbietern – und „klein“ heißt in dieser Branche: nur hundert Milliarden unter Verwaltung und ein paar Dutzend ETFs – sind es auch mal nur drei.

Klingt verrückt, ist aber ökonomisch rational. Und sogar zwingend. Zwar haben Vermögensverwalter einen Antrieb, dass der Wert ihrer Beteiligungen steigt, denn ihre Gebühren erheben sie volumenbasiert. Aber im Bereich passiver Investments herrscht global eine Margenschlacht, die zuletzt auch die Aktienkurse von Blackrock und Co. unter Druck gesetzt hat. Inzwischen gehen die ersten Indexfonds mit Gebühren von Null Prozent (richtig: Null Prozent!) an den Start.

Es fehlen daher echte Anreize, Ressourcen für die Überwachung und Einflussnahme der Regeln guter Unternehmensführung zur Verfügung zu stellen. Es ist genau anders herum: Je geringer die Kosten, desto geringer die Gebühren und umso größer die Chancen, noch mehr Geld einzusammeln und Skaleneffekte zu nutzen. Genau diese Mechanismen sind es, die für eine immer größere Konzentration bei immer weniger Anbietern sorgen. Im US-Markt liegen 90 Prozent aller passiven Mittel (und damit rund ein Fünftel des Aktienmarkts) bei nur fünf Vermögensverwaltern.

Drittens gibt es tatsächlich auch Interessenskonflikte, wenn Vermögensverwalter mit Unternehmen sprechen. Denn in ihrer Rolle als Geldverwalter treten sie als Dienstleister – etwa beim Pensionsvermögen – auch an jene Unternehmen heran, über deren Geschicke sie aufgrund ihrer Beteiligung mitbestimmen. Selbst wenn die interne Gewaltenteilung bei Vermögensverwaltern bestens funktioniert: Bekommt der Finanzchef eines Dax-Konzerns wirklich aus dem Kopf, wenn ein Vermögensverwalter im Hintergrund Ärger macht, sich aber zugleich um Mandate (und somit mehr Macht) in der Mittelverwaltung zweistelliger Milliardenbeträge bemüht, wie sie in den Pensionsfonds von Dax-Konzernen üblicherweise stecken? Zweifel sind erlaubt.