KolumneBlackrock: Warum Machtmissbrauch nicht das Problem ist

Christian Kirchner
Christian KirchnerGene Glover

Seit Dienstag ist es offiziell: Friedrich Merz kandidiert für den Parteivorsitz der CDU und damit vermutlich auch für die Rolle als kommender Kanzlerkandidat. Die Nominierung polarisiert, denn nach seinem Ausstieg aus der aktiven Politik vor rund einem Jahrzehnt hat Merz eine Fülle von Mandaten in der Finanzindustrie inne. Die wichtigste: Seit 2016 ist Merz Aufsichtsratschef des Deutschland-Ablegers von Blackrock, dem mit 5600 Mrd. Euro verwalteten Mitteln weltgrößten Vermögensverwalter. Blackrock hält daher auch im Schnitt knapp fünf Prozent an den größten Unternehmen Deutschlands, von Siemens über die Deutsche Bank bis zu kleineren Wohnbaukonzernen. Bei vielen Firmen ist Blackrock zudem der größte Einzelaktionär.

Was die Debatte befeuert: Ist Blackrock zu mächtig? Ein heimlicher Herrscher? Oder gar eine gefährliche Schattenbank?

Die Antwort darauf lautet: Blackrocks Aufstieg verdient eine kritische Betrachtung, ebenso wie der anderer großer Vermögensverwalter wie etwa Vanguard oder State Street, die prima davon leben, dass sich die Öffentlichkeit an Blackrock abarbeitet. Denn die Konzentration in der Vermögensverwaltung nimmt zu: Einige wenige Adressen verwalten immer mehr Geld. Das Problem dieser „großen Drei“ mit Blackrock an der Spitze ist aber nicht Macht und Machtmissbrauch, sondern das genaue Gegenteil: ihre durch geschickte PR kaschierte Passivität. Der Boom passiver Anlageformen wie ETFs und Indexfonds senkt den Druck auf Unternehmen, gut und nachhaltig zu wirtschaften – worunter letztlich alle Investoren leiden.

Die größten Vermögensverwalter als eher zu schwache Akteure? Das mag kontraintuitiv klingen. Aber es gibt für sie mehr Anreize, sich aus unternehmerischen und  gesellschaftlichen Debatten herauszuhalten, als sie aktiv zu gestalten. Denn warum Geld für etwas ausgeben, wofür man von seinen Anlegern weder beauftragt noch bezahlt wird? Groß wurden Blackrock und Co. schließlich als günstige, passive Anbieter. Rund drei Viertel der verwalteten Mittel von rund 13.000 Mrd. US-Dollar von Blackrock, Vanguard und State Street stammen aus strikt passiven Mandaten: Die Anleger hätten gerne für geringe Gebühren die Kursentwicklung bekannter Indizes wie dem Dax oder dem MSCI World abgebildet. Die Kunden allokieren ihre Mittel nicht zu dem Anbieter, der das Geld besonders gut anlegt oder Unternehmen auf die Finger schaut, sondern möglichst günstig und effizient ist.

Lieber nichts sagen

Passivität schreibt man – auch in der Praxis – daher groß bei passiven Großanlegern. Zu den großen Debatten der vergangenen Jahre wie etwa den vielen Strategiewechseln der Deutschen Bank, der Debatte um den Ex-Börsenchef Carsten Kengeter, der geplanten Rodung des Hambacher Forsts durch RWE, der gigantischen Vermögensvernichtung bei Aktionären durch Betrug und Strategiefehler deutscher Autokonzerne gibt es von den größten Vermögensverwaltern kaum klare offiziellen Positionierungen, Forderungen oder gar Attacken.

Blackrock und die anderen großen ETF-Anbieter versuchen es in dieser Hinsicht mit einer Doppelstrategie: Sie verstehen es auch kommunikativ gut, der Öffentlichkeit hohes Engagement zu suggerieren, schreiben offene Briefe, erklären Dinge wie Nachhaltigkeit zum Topthema, schließen – quasi als kleinster gemeinsamer Nenner – hier und da mal Schusswaffenhersteller aus oder fordern Unternehmen zu mehr Investitionen auf. Und sie erklären, Druck im Sinne der Anleger übe man lieber vertraulich in Hinterzimmern aus, nicht öffentlich.

Doch auf Mikroebene springen sie als Tiger und landen dann als Bettvorleger, weil sie genau wissen, dass Engagement in einem immer margenschwächeren Geschäft nun mal kostet. Und es birgt Reputationsrisiken, was einen Vermögensverwalter an einer sehr empfindlichen Stelle träfe. Als sich etwa Blackrock-Chef Larry Fink am Donnerstag in New York zur Ermordung des Journalisten Jamal Kashoggi äußerte, auf den in der saudischen Botschaft in Istanbul nach aktuellem Informationsstand ein Trupp von 15 Personen inklusive professioneller Entbeiner mit einer Knochensäge warteten, erklärte er, „nichts sei schwarz und weiß“, man „wisse nicht, wer verantwortlich sei“, „jeder habe seine Theorie“, und Geschäfte in Saudi-Arabien zu machen sei „nichts, wofür man sich schäme“.