DigitalwährungBitcoin-Absturz - der Krypto-Crash

Symbolbild Bitcoin
Symbolbild BitcoinGetty Images

Vielleicht sind Bitcoin-Anleger keinen normalen Anleger. Man muss an dieser Stelle zweifeln, denn anders sind ihre jüngsten Gefühlsausbrüche sonst nicht zu erklären. Diese Woche jubelten einige von ihnen laut auf in einschlägigen Foren, denn die digitale Leitwährung legte seit Wochenbeginn einen Anstieg um 471 Euro hin. Das ist in der Tat eine stolze Wertentwicklung, zumal sie bei einem Kursstand von rund 3350 Euro einsetzte. Es entsprach einem Zugewinn von 14 Prozent. Darüber hätte sich auch so manch anderes Unternehmen mitsamt seiner Aktionäre hörbar gefreut. Weniger erfreulich dagegen ist, dass eben jener Bitcoin vor zwei Wochen noch gut 5700 Euro wert war. Also rund 70 Prozent mehr als jetzt. Ende Juli war er sogar noch rund das Doppelte dessen wert, was er heute noch kostet. Wenn man sich das vor Augen führt, würden Sie dann als Anleger angesichts dieses Wertverlusts immer noch die jüngsten 400 Euro feiern?

Bitcoin-Kurs (Bitcoin/Dollar) Kryptowährung

BTC/USD (Bitcoin / US-Dollar) Kryptowährung Chart
Kursanbieter: Bitstamp

Dazu haben Bitcoin-Anleger derzeit wahrlich keinen großen Grund. Es sei denn, man würde mit dem Anstieg seit Wochenbeginn die große Hoffnung verbinden, dass es nun wieder dauerhaft mit dem Kurs nach oben geht. Wonach es allerdings momentan nicht wirklich aussieht. Seit über einem halben Jahr dümpelt der Kurs nun lustlos seitwärts dahin. Gelegentlich plumpst er sogar noch ein Stückchen weiter nach unten. Um wieder einen erkennbaren Weg nach oben einzuschlagen, müsste sich der Bitcoin nicht nur halbwegs zügig aus der jüngsten Kursdelle von Mitte November herausrappeln und noch weitere knapp 2000 Euro zulegen. Sondern es müsste auch danach noch deutlich beim Aufwärtsdrall bleiben.

Irre Kursbewegungen

Schließlich war die Digitalmünze vor ziemlich genau einem Jahr, Ende November 2017, noch unglaubliche 9000 Euro wert. Das war schon viel und brachte viele Investoren dazu, sich die Augen zu reiben. Danach zündete er sogar noch eine weitere Aufstiegsstufe und erreichte kurz vor Weihnachten 2017 seinen bisherigen Höchststand mit gigantischen 16.198 Euro, rund 20.000 Dollar. Das heißt: Er verdoppelte seinen Wert noch einmal fast und zwar innerhalb von nur vier Wochen. Solche irren Kursbewegungen kennen Börsianer normalerweise nur aus Zeiten, die Crashs unmittelbar vorausgehen. In denen sich also Blasen am Markt aufblähen, die kurze Zeit später platzen.

Doch selbst in den heißen Tagen kurz vor den vergangenen Crashs dauerte es länger, mitunter viel länger, bis Aktienkurse derart an Wert zulegten, wenn sie es überhaupt schafften. Auch der Dax verdoppelte sich zwar noch kurz vor dem Dotcom-Crash im Jahr 2000, doch er brauchte immerhin knapp drei Jahre dafür. Zu diesem letzten Gipfelsturm setzte er nämlich bereits im August 1997 an. Auch vor der Finanzkrise von 2008 stand der steile Aufstieg der Aktienkurse: Sie verdreifachten sich, benötigten aber rund vier Jahre dafür, von Februar 2003 bis Mitte 2007. Auch von diesem Absturz hat sich der Dax längst wieder erholt, er kämpfte sich von damals rund 3800 Punkten erneut auf die bis dahin ewige Höchstmarke bei rund 7700 Punkten. Er verdoppelte sich also erneut, nahm sich aber diesmal sogar vier Jahre Zeit dafür. Bis zuletzt verdreifachte er sich dann gar, aber für Letzteres brauchte er immerhin auch acht Jahre. Von einem ähnlich steilen Anstieg oder gar einem blasenähnliche Exzess kann daher zumindest beim letzten Aktienaufschwung nicht die Rede sein.

Nobelpreisträger warnen vor der Digitalwährung

Beim Bitcoin allerdings vermuteten viele Experten seit Längerem, dass der Kurs völlig überhitzt war und immer noch ist. Viele warnten bereits vor der großen Bitcoinblase. Darunter Nobelpreisträger Robert Shiller, ebenso sein Kollege Joseph Stiglitz, der sogar schon das Verbot der Digitalwährung forderte. Die amerikanische Ex-Notenbankchefin Janet Yellen reihte sich ebenso in den Kreis der Bitcoinkritiker ein wie ihr Vorgänger Ben Bernanke. Auch Investorenlegende Warren Buffet verabscheut die Kryptowährung und nannte sie jüngst „Rattengift im Quadrat“. Er warnte übrigens schon vor dem „bösen Ende“, das die Kryptogeld-Spekulation nehmen werde, als der Bitcoin noch bei 5700 Dollar notierte, im Oktober 2017. In diesem Jahr kommentierte er den Markt mit den Worten: Beim Bitcoin-Kauf gehe es allein darum, jemanden zu finden, der noch mehr Geld dafür bezahle. In seinen Worten folge der Markt also eher den Gesetzen des noch größeren Dummkopfs.

Warren Buffets Hauptkritikpunkt ist: Bitcoins seien eine Anlageform, die schlicht keinen produktiven Wert schüfe. Zwischenzeitlich waren alle Kryptowährungen der Welt zusammen über 800 Mrd. Dollar am Markt wert. Derzeit sind es nur noch rund 130 Mrd. Dollar. Der Bitcoin alleine hat rund 76 Prozent seines Werts eingebüßt. Anders als Unternehmen oder Bauernhöfe, die etwas produzierten und Güter generierten, die eine realen Gegenwert besäßen, stehe hinter dem Digitalgeld – nichts. Nur ein paar Nullen und Einsen.

Das wollen die Anhänger der Kryptogemeinde so natürlich nicht stehenlassen. Sie verweisen auf den großen gesellschaftlichen Nutzen, den das Geld aus der Blockchain habe: Die neue Technologie mache die dezentrale Geldschöpfung möglich und zwar völlig ohne Finanzintermediäre wie Geldhäuser und Notenbanken. Der Prozess, mit dem digitale Währungseinheiten geschaffen, verbreitet und weiterverarbeitet werden – also etwa für Überweisungen und Geldtransfers genutzt – gilt zudem wegen der dezentralen Blockchain-Technologie als fälschungssicher. Dabei werden sämtliche Daten in getrennten Dateiblöcken auf vielen unterschiedlichen Rechnern gespeichert und zusammengeführt. Denn jeder Dateiblock ist mit dem jeweils vorherigen in der Kette verbunden. Und nur alle zusammen ergeben letztlich Sinn. Regelmäßig werden jeweils Updates der Datenpakete verbreitet. Wer da einen dieser Vorgänge fälschen wolle, müsse schon die gefälschten Daten an alle beteiligten Rechner weltweit versenden. Das sei im Prinzip nicht möglich.

In der neuen Technologie liegt eine große Chance – und viele verschiedene Anwendungsmöglichkeiten. Unbestritten. Unternehmen und Organisationen weltweit machen sich bereits Gedanken, wie sie mit der Blockchain ihre Geschäftsprozesse verbessern und verschlanken können. Wie sie den Datenaustausch damit vereinfachen und aufwendige Kontrollprozesse leichter machen können. All das ermöglicht die Blockchain-Technologie, denn mit ihr kann man viele Vorgänge automatisiert abwickeln, schneller ebenfalls. Und weniger fehleranfällig ist sie auch. Behörden überlegen, Kryptoeinheiten zum Beispiel für Steuerzahlungen zuzulassen, das könnte ebenfalls eine Erleichterung sein. Dann könnten Transaktionen direkt zwischen den Marktteilnehmern abgewickelt werden, ohne das sich Banken dazwischenschalten müssten. Das würde Zeit und Geld sparen.

Anhänger hoffen auf Bitcoin-ETF

Der Nutzen der Blockchain ist tatsächlich groß. Ob jedoch auch der Wert des Bitcoin als Währung groß ist – vor allem so hoch wie es der Börsenkurs vorgaukelt -, wagen Ökonomen indes zu bezweifeln. Vor allem sollte man sich eines fragen: Ist der Bitcoin es wirklich wert, dass man in ihn investiert? Also nicht nur damit spekuliert. Nützt er der Gesellschaft nicht nur als Abwicklungs- und Zahlungsmittel, sondern auch als langfristiges Wertaufbewahrungsmittel? All das müsste er nämlich sein, wenn er als wirkliche Währung Bestand haben will. Zumindest als stabiles und berechenbares Wertaufbewahrungsmittel fällt der Digitaldollar bisher aus, angesichts der irren Schwankungen, die er an den Börsen hinlegt.

Dennoch werden in Bitcoin-Foren große Hoffnungen geschürt. Nicht zuletzt weil es an der Technologiebörse Nasdaq im ersten Quartal 2019 einen Bitcoin-Future geben soll. An der Terminkontraktbörse in Chicago werden sie schon seit 2017 gehandelt. Und es wird unter Kryptoexperten sogar schon so getan, als sei die Einführung von Bitcoin-ETFs eine beschlossene Sache. Die Indexpapiere auf die Digitalwährung würden dem Markt weitere Liquidität zuführen, weil ETFs schließlich zurzeit ungemein gefragt seien, heißt es bei ihnen. Solche ETFs, so das Argument, würden das neue Digitalgeld adeln und ihm weltweit mehr Anerkennung verschaffen als bisher. Obwohl gerade die Börsen und der Finanzkapitalismus den Erfindern der Ersatzwährung doch ein Dorn im Auge waren – und das, wogegen sie sich mit ihrem eigenen Geld wehren wollten. Insgeheim wird so mancher Bitcoin-Experte eher darauf hoffen, dass bei Einführung eines Bitcoin-ETF dasselbe geschieht, was beim ersten Gold-ETF passierte: Der Goldkurs schoss ungeahnt rasant in die Höhe. Also könnte ein erster ETF auch der Kurs des Kryptodollar wieder in alte Höhen katapultieren.

Noch aber lehnt die amerikanische Börsenaufsicht SEC die Zulassung von Bitcoin-ETFs strikt ab. Erst vor wenigen Tagen entschied sie sich erneut dagegen. Und es liegt nicht nur daran, dass es zuerst etliche Formfragen auf den SEC-Formularen zu beantworten gäbe, wie Kryptoforen trösten. Es geht nicht nur um eine Frage der Zeit. Sondern es gibt Sicherheitsbedenken gegen die neuen Wertpapiere. Sie seien nicht gefeit gegen potenzielle Marktmanipulation und die Anleger seien ebenfalls nicht gut genug geschützt.

Zertifikate und derivative Wertpapiere auf den Bitcoin gibt es bereits. Ebenfalls ein Papier, das ETP heißt und auf einen Korb von vier großen Kryptowährungen setzt, Bitcoin, Ethereum, Ripple und Litecoin stecken darin. Es funktioniert wie eine börsengehandelte Inhaberschuldverschreibung. Den Derivaten gemein ist, dass die Anleger dabei ein hohes Ausfallrisiko tragen. Denn geht ein Emittent pleite, ist auch der Wert des Papiers perdu. Anstatt solche Produkte zu kaufen, sagen selbst Skeptiker, sollten Spekulationswillige sich dann doch lieber echte Bitcoins zulegen. Zumindest wenn sie auf den baldigen Kursaufstieg hoffen.

Ist der Bitcoin bald wertlos?

Wo nun der faire Wert des Bitcoin liegt, fragen sich viele: Hat er das Zeug, einmal eine der Weltwährungen zu ersetzen oder gar das Gold abzulösen? Dann wären 250.000 oder vielleicht sogar 350.000 Dollar gerade angemessen für eine Digitalmünze – von denen es weltweit einmal höchstens 21 Millionen geben soll. So sagen die absoluten Optimisten. Allerdings vermissen Ökonomen beim Bitcoin die Fähigkeit, die Geldmenge zu erhöhen und sie mit steigender Gesamtwirtschaftsleistung an die wachsende Wirtschaft anzupassen. Zudem fehle es ihm gegenüber dem Gold an Wertbeständigkeit. Andere taxieren den fairen Wert auf 15.000 Dollar, vermutlich im Andenken an den bisherigen Höchststand.

Skeptiker dagegen sagen: Mit 20 Dollar sei er angemessen bezahlt. Und die Pessimisten finden sogar: Angesichts des Stromverbrauchs, den das gesamte Rechnernetzwerk benötigt, damit es in komplizierten Berechnungen überhaupt Bitcoin produziert und damit es Datenpakete von Rechner zu Rechner versendet, liege der faire Wert einer Einheit sogar unter Null Dollar. Allerdings: Rechnet beim Gold auch jemand die Beschaffungskosten dagegen? Eine andere Warnung scheint da plausibler: Der Bitcoin könnte auch bald wertlos sein, weil neue Technologien erfunden würden, die demnächst die Blockchain ersetzen. Vor dem Exodus des Bitcoin warnte auch bereits Nobelpreisträger Shiller.

Wohin es den Kurs bis auf Weiteres verschlägt, müssen Optimisten wie Pessimisten abwarten. Die Charttechniker jedenfalls geben zurzeit wenig Grund zum Jubeln: Im kommenden halben Jahr werde der Kurs zwischen 3000 und 5000 Dollar schwanken. Komme er nicht aus dem Bärenmarkt heraus, dann sei auch ein Kurs von unter 3000 Dollar langfristig wahrscheinlich.