KolumneAuch für Wirecard gelten die Gesetze der Schwerkraft

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Dax-Aufstieg weckte Kursfantasie

Bewertung ist bei Wirecard ein wichtiges Stichwort: Seit 2013 hat sich die Aktie zwar mehr als vervierfacht. Betrachtet man jedoch zwei einfache fundamentale Kennziffern im Verlauf seit 2013 – das tatsächliche Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) und das von Analysten für das Folgejahr erwartete Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV), so zeigt sich, dass sich die Bewertung ein halbes Jahrzehnt lang innerhalb einer gewissen Bandbreite bewegte: Beim erwarteten Kurs-Gewinn-Verhältnis waren dies ein KGV von 20 auf der Unterseite und von 30 auf der Oberseite. Beim tatsächlichen KGV war die Bandbreite etwas größer, sie lag die meiste Zeit zwischen rund 25 und etwa 45.

Vor einem Jahr hingegen hob der Kurs dramatisch ab – und mit ihm die Bewertung. Nun muss man aufpassen mit Kausalitäten, aber der Verdacht ist naheliegend, dass hier die Erwartung der Aufnahme in den Dax die Fantasie vieler Spekulanten und Investoren angefacht hat. Und es dürfte auch zu Vorzieheffekte passiver Investoren gekommen sein, deren Handelspartner sich in Stellung brachten für die zu erwartende Nachfrage. Die Folge: Zum Zeitpunkt der Dax-Aufnahme lag das tatsächliche Kurs-Gewinn-Verhältnis bei 80 (sic!) – statt wie zuvor jahrelang im Band zwischen 25 und 45 – und das erwartete Kurs-Gewinn-Verhältnis bei 50 (statt wie jahrelang zuvor zwischen 20 und 30). Und das, obwohl die Umsatz- und Gewinndynamik bei den gleichen Werten wie zuvor lag, nämlich bei rund 35 bis 40 Prozent pro Jahr. Es ist nämlich nicht so, dass Wirecard im Laufe des Jahres 2018 einen Turboknopf für die Gewinne gefunden hätte.

Vergessen wir nun alles, was über Wirecard geschrieben wurde und betrachten die aktuelle Bewertung bei 103 Euro, mithin also einem tatsächlichen Kurs-Gewinn-Verhältnis von rund 35 und einem erwarteten Kurs-Gewinn-Verhältnis von rund 25. Das ist recht genau die Mitte der jahrelang üblichen Spannen. Folgt man der Theorie der Normalisierung, haben – erstens – womöglich einige Investoren nicht etwa in Panik vor einem Bilanzskandal verkauft, sondern den Anlass genutzt, sich von Papieren zu trennen, deren Bewertung hoch war, die man aber zuvor nicht ohne Not aus der Hand geben wollte. Und – zweitens – ist die Aktie auch nicht zwingend ein Schnäppchen, weil sie einmal bei 190 Euro stand und nun bei 103 Euro, sondern die 190 Euro waren schlicht eine Übertreibung, zumindest nach üblichen fundamentalen Maßstäben.

Viele Verlierer und ein böser Verdacht

Natürlich geht es hier trotzdem um mehr als nur Übertreibungen. Die ganze Causa Wirecard kennt fast nur Verlierer: Aktionäre haben rund 7 Mrd. Euro verloren. Der Verdacht ist – auch aufgrund der teuren Übernahmen in der Vergangenheit – nicht einfach vom Tisch zu fegen, dass mit der Erlösgenerierung im Ausland etwas nicht stimmt. Wirecard selbst erweckt nicht den Eindruck, in Sachen Investor Relations auf Dax-Niveau angekommen zu sein. Für die wenigen aktienaffinen Anleger drängt sich einmal mehr der Eindruck auf, bei der Börse handele es sich um eine Zockerbude, wo mit gezinkten Karten gespielt wird. Hinzu kommt, dass gemessen am Ausmaß früherer Attacken auch nicht allzu viele Leerverkäufer am Kursverlust verdient haben. Gerade einmal drei Prozent aller Aktien waren leer verkauft, als der Kurs zur Tauchfahrt ansetzte Ende Januar.

Auch viele Anleger, die gar keine Wirecard-Aktien halten, sind womöglich Verlierer. Wirecard zieht die ganze Aufmerksamkeit auf sich, weil die Kursverluste dort binnen weniger Tage eingefahren wurden. Die traurige Realität im Dax ist, dass sich rund die Hälfte der Konzerne in ernsthaften Schwierigkeiten befindet und Investoren Zweifel an künftigen Erträgen haben. Nimmt man etwa die 2017/2018 erreichten Höchststände als Maßstab, haben Ikonen der deutschen Unternehmenslandschaft zwischen 33 und 60 Prozent verloren: BASF, Bayer, Continental, die Deutsche Bank, Henkel oder Fresenius etwa. Und bei ihnen wurde nicht „nach oben übertrieben“.

Zähneklappen ist jedenfalls schon bei den künftigen Dax-Aufstiegskandidaten angesagt. Was einst rituell ex ante als „Ritterschlag“ apostrophiert wurde, mündete in der Praxis in einem Kursmassaker. Die Charts der letzten Aufsteiger Pro Sieben Sat 1, Covestro und Wirecard lassen grüßen.