GeldanlageAnleihen: der Bluff von 100 Jahren

Seite: 2 von 2

Erträge ausradiert

Doch je weiter die Anleihekurse steigen, desto größer wird auch das Absturzrisiko. Auch das zeigt sich an der bis 2117 laufenden österreichischen Anleihe. Von ihrem Höchststand am 28. August sackte sie bis zum 5. September um fast neun Prozent ab, dem Gegenwert der Coupons von mehr als vier Jahren. Gemessen an der Emissionsrendite wurde sogar der rechnerische Ertrag von siebeneinhalb Jahren binnen einer Woche ausradiert.

„Die Kategorie der als risikofrei angesehenen Anlagen hat Preise erreicht, die Investoren in vielen Ländern rund um die Welt einen Verlust garantieren“, stellt Scott Minerd, Chefanlagestratege bei Guggenheim Partners, fest. Wollen Anleger also Kursgewinne bei Anleihen realisieren, so müssen sie den richtigen Zeitpunkt finden, um die Papiere abzustoßen. „Anleger müssen sich von dem Gedanken trennen, dass sie Anleihen bis zur Endfälligkeit halten können“, sagt Schlumberger. „Die Strategie kaufen und halten ist bei Anleihen weitgehend tot.“

Zunächst könnten die Kurse von Anleihen noch weiter zulegen. Insbesondere für die USA rechnet der Markt wegen der wirtschaftlichen Eintrübung mit weiteren Leitzinssenkungen durch die Notenbank. „Die Renditen zehnjähriger US-Treasuries könnten in der nächsten schwachen Wachstumsphase auf null fallen“, sagt Gary Herbert, Portfolio-Manager bei der Fondsgesellschaft Legg Mason.

Sinkende US-Zinsen dürften wohl auch die Renditen von Euroanleihen weiter absacken lassen. Schon jetzt rentieren deutsche Bundesanleihen in allen Laufzeiten im negativen Bereich. Nur solange eine Anleiherendite noch positiv ist, können Anleger während der Laufzeit Geld verdienen, jedenfalls nominal, also ohne Berücksichtigung der Inflation.

Die Anleihe Österreichs steht beispielhaft für das, was dem Markt drohen könnte. Doch auch wenn es keinen Crash gibt: Zum Ende der Laufzeit hin lösen sich die Kursgewinne auf. Dies zeigt sich schon heute an negativen Renditen. Für heutige Coupons nehmen die Investoren langfristig also Verluste in Kauf.

Fonds und ETF mit guter Performance sind also einem hohen Kursrisiko ausgesetzt. Einziger Vorteil gegenüber Aktien, jedenfalls solange der Bond nicht ausfällt: Beim Nominalwert ist der Verlust gedeckelt. Deshalb kaufen Institutionelle trotzdem Anleihen, um ihre Verluste wenigstens zu begrenzen. Außerdem spekulieren sie auf steigende Kurse – und hoffen wohl darauf, rechtzeitig wieder aus dem Engagement aussteigen zu können.

Anleger, die dies nachvollziehen wollen, sollten sich also der Risiken eines Renten-ETF oder -Fonds bewusst sein. Sie sollten bereit sein, auch einmal Gewinne mitzunehmen – oder sich besser sogar mit einem Stop-Loss gegen Kursverluste der Produkte wappnen.

 


Der Beitrag ist in Capital 11/2019 erschienen. Interesse an Capital? Hier geht es zum Abo-Shop, wo Sie die Print-Ausgabe bestellen können. Unsere Digital-Ausgabe gibt es bei iTunes und GooglePlay