BerichtssaisonAnleger gehen riskante Wette ein

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Besonders herbe Rückgänge werden in den Sektoren Energie, Rohstoffe und Technologie erwartet. Wenig überraschend dürften die sehr konjunktursensiblen Halbleiterunternehmen verstärkt unter der Wirtschaftsabkühlung leiden, Analysten rechnen mit einem Gewinnrückgang von 20 Prozent. Auf der anderen Seite schicken sich einige Branchen an, auf der positiven Seite zu glänzen. Dazu zählen neben dem Pharma- und Finanzsektor die Versorger und Industriewerte.

Zwei Punkte sollten Anleger aber im Hinterkopf behalten. Auf der mittel- bis langfristigen Zeitachse wird die Luft langsam dünn, bisher rechnete der Markt mit einer Konjunkturbelebung zum Jahreswechsel. Vor dem Hintergrund des weiterhin ungelösten Zollkonflikts erscheint es aber fraglich, woher der unterstellte Gewinnanstieg von 2,3 Prozent im vierten Quartal und zehn Prozent im nächsten Jahr kommen soll. Zudem wirken sich die steigenden Lohnkosten und Zölle auf die Firmen unterschiedlich aus. Während die Gewinne der großen Konzerne im S&P 500 im vergangenen Quartal um acht Prozent gestiegen sind, verzeichneten die kleineren und mittleren Unternehmen nur ein Plus von ein Prozent, die Margen stehen unter Druck. Setzt sich der Trend fort, werden Investitionen zurückgestellt und Mitarbeiter entlassen.

Deal oder No-Deal?

Optimisten klammern sich daher an den Strohhalm, dass US-Präsident Trump eine starke US-Wirtschaft braucht, um gute Chancen bei den Präsidentschaftswahlen Anfang November 2020 zu haben. Um einen Deal mit China zu erzielen und so der Konjunktur frischen Schwung zu verleihen, könnte er daher von seinen Forderungen abrücken. In diese Richtung deuten zumindest die jüngsten Signale: Anleger reagierten erleichtert auf die teilweise Einigung zwischen den USA und China. Ein Phase-1-Deal wurde verabschiedet, Strafzölle die am 15. Oktober beginnen sollten, werden ausgesetzt und China kauft für 40 bis 50 Mrd. Dollar US-Agrarprodukte.

Wie so häufig steckt der Teufel aber im Detail – bisher gibt es nur mündliche Absprachen. Die Verträge müssen erst noch ausgearbeitet werden, China sieht weiteren Gesprächsbedarf. Allerdings könnten schon bald die 2020er-Prognosen wackeln. Dominieren erneut deutliche Abwärtsrevisionen, ist die Bewertung nicht mehr gerechtfertigt. Schon jetzt wird der S&P 500 mit einem KGV von 16,5 gehandelt, das deutlich über dem 10-Jahresdurchschnitt von knapp 15 liegt.

 


Daniel Saurenz betreibt das Investment- und Anlageportal Feingold Research. Der Journalist hat unter anderem für Börse Online und die Financial Times Deutschland geschrieben. Hier finden Sie weitere Beiträge von Daniel Saurenz