SchwellenländerAngst vor der türkischen Grippe

Seite: 2 von 2

Krise bedroht türkische Banken

Um gegenzusteuern muss das Land seine Währung abwerten, allein damit seine Volkswirtschaft wettbewerbsfähig bleibt. Die sinkende Lira aber führt nun dazu, dass die Kapitalpuffer bei den türkischen Banken in rasanter Geschwindigkeit abschmelzen. Deswegen warnen Ökonomen eindringlich vor einer Bankenkrise in der Türkei. Und viele andere europäische Banken haben türkischen Kreditinstituten ebenfalls viel Geld geliehen, allen voran spanische und französische. Insgesamt sollen es rund 110 Mrd. Euro sein, die am Bosporus in Gefahr geraten könnten, wenn die Banken dort schwächeln. Auf die Bilanzen deutscher Banken gehen rund 21 Mrd. Euro davon.

Türkische Bankaktien haben die Anleger zuletzt auch massenhaft aus ihren Depots geworfen. Um rund 12 Prozent brach der Branchenindex ein. Teilweise musste der Handel mit den Papieren angehalten werden, weil der Verkaufsandrang so groß war. Der türkische Leitindex ging dadurch insgesamt vier Prozent in die Knie. Das große Problem wird aber erst kommen, wenn im kommenden Jahr ein Großteil dieses Schuldenbergs zur Rückzahlung fällig wird. Es waren nämlich hauptsächlich kurzfristige ausländische Kredite, die zuletzt für Wachstum in der Türkei sorgten.

Der Staatschef könnte nun zweierlei tun, um gegenzusteuern: Er könnte einen IWF-Kredit beantragen, um die ausländischen Investoren zu beruhigen. Viele Beobachter halten es aber für äußerst unwahrscheinlich, dass Erdogan genau das tun wird. Oder er könnte die Zinsen anheben, was als noch unwahrscheinlicher gilt, angesichts seiner jüngsten dauernden Zinssenkungsforderungen. Was also wird stattdessen passieren? Ausländisches Kapital wird weiter in Strömen aus dem Land abfließen – in sicherere Länder – und die Wirtschaft wird in eine Rezession geraten, so lautet das wahrscheinlichste Szenario derzeit. Und genau das ist jene Entwicklung, die zum Ansteckungseffekt führen könnte und sich auch in anderen Ländern fortsetzen dürfte, wenn die Verunsicherung erst einmal die Schwellenlandinvestoren ergriffen hat, so befürchten einige Analysten.

Ökonomen halten Ansteckungsgefahr für gering

Für andere ist dieses Szenario noch recht weit entfernt von der Realität. Sie diagnostizieren, dass der Schuldenstand der Schwellenländer insgesamt überschaubar ist. Und sagen, dass jene Banken, die stark in der Türkei involviert seien, über ein so gutes Eigenkapitalpolster verfügten, dass sie dadurch eher nicht in Bedrängnis geraten würden. Zudem hätten die Schwellenländer ihre Ökonomien zuletzt stark auf Inlandsnachfrage ausgerichtete, weshalb sie Handelsstreitigkeiten weniger betreffen würden als viele fürchten. Es gäbe sogar Profiteure, wenn sich die bisherigen Handelsstreitigkeiten zwischen den USA und den anderen Ländern ausweiteten, sagen große Vermögensverwalter. Das wären diejenigen, die US-Produkte dann ersetzen könnten, so wie Indien mit seiner ausgeprägten Hightech-Landschaft, Brasilien mit seinem Agrarsektor, Argentinien würde mit Sojabohnen wachsen, Vietnam mit seiner Schuhproduktion und Bangladesh würde noch mehr Bekleidung in die Welt schicken. Es gäbe also Verlierer hüben und Gewinner drüben.

Von daher stehen viele Marktbeobachter derzeit auf dem Standpunkt: Die Krise in der Türkei ist schlimm, aber einen Kollaps der Schwellenländer wird sie wohl nicht auslösen. Anleger sollten aber ihre Depots durchforsten, für den Fall, dass sie bereits auf die Schwellenländer gesetzt haben. Gerade einige Aktivfonds mit Schwerpunkt Osteuropa haben türkische Aktien stark übergewichtet. Zum Teil liegt der Anteil türkischer Aktien bei einigen Eastern Europe Fonds (zum Beispiel von Mori, SEB und Metzler) bei 20 oder sogar 33 Prozent. Das ist gewagt im Hinblick auf die weitere Entwicklung. Bezogen auf das eigentliche wirtschaftliche Gewicht der Türkei wären derzeit elf Prozent angemessen. Spezielle Türkeifonds haben ohnehin bereits herbe Verluste erlitten, zwischen 25 und 39 Prozent auf Jahressicht. Unbesorgter können ETF-Anleger sein, denn in breiten Portfolios machen die Aktien vom Bosporus nur rund 0,7 Prozent aus. Wenn die türkische Wirtschaftsgrippe also demnächst ausbricht und nicht gleich in eine weltumspannende Wirtschaftskrise mündet, dann stehen die Chancen gut, dass sich das eigene Depot davon recht schnell wieder erholt.